Gral

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Keyword: Gral

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Definition: Mhd."gral" hat die Bedeutung von "heiliges, wundertätiges Ding, heiliger Stein". Die tatsächliche etymologische Herkunft ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Mögliche Ableitungen: lat."crater", Mischgefäß, Becher; lat."cratalis", "Schüssel, Topf" oder mlat."gradalis", "Stufenkelch". Das persische Ghr-ãl bedeutet "farbenschimmernder Stein".

Information: Der Gral gilt als wundertätiger und heiliger Gegenstand. Er verheißt den auserwählten Personen, die ihn finden, weltliche und himmlische Glückseligkeit. Gemäß einer frühchristlichen Legende nahm Joseph von Arimathaia, den Kelch, den Christus beim letzten Abendmahl benutzte, an sich und sammelte bei der Kreuzigung in diesem das Blut Christi (apokryphes Nikodemus-Evangelium). In der mittelalterlichen Dichtung suchen zumeist die Ritter der Tafelrunde um König Artus den Gral. Besondere Bedeutung hat der Gral jedoch für die Gralslegende, die mit der Gestalt Parzivals verwoben ist. Der Sage nach füllen Engel den in der Gralsburg verwahrten Gral mit der Wunderkräfte vermittelnden Hostie (Chréstien de Troyes, Perceval, um 1190). In anderen Sagen ist er aus einem Stein gefertigt, der bei Luzifers Sturz aus dessen Krone brach und auf diese Weise als himmlisches Kleinod das letzte Überbleibsel des einstigen Paradieses (lapis exilis bei Wolfram von Eschenbach, Parzival, um 1210). Eng verbunden mit dem Gral ist die an der Spitze blutende Lanze, mit der am Kreuz die Seite Christi geöffnet und als die Longinus-Lanze bekannt wurde. Sie steht für die durch menschliches Versagen verursachtes Leid, das wiederum durch die heilende Wirkung des Grals Erlösung findet.

Verwandt mit dem Gral ist die mit magischen Ritualen verbundene Kelchschale oder der keltische Kessel, der als magisches Gefäß die Kräfte des irdischen und geistigen Lebens beinhaltet.

Den Legenden entsprechend kommt jeden Karfreitag eine Taube vom Himmel und trägt eine kleine weiße Hostie zum Stein, um dann wieder zurückzukehren. Durch die Hostie erhält der Stein seine Wunderkraft. Von dem Stein selbst geht die Berufung zum Gral aus, indem am oberen Rand des Steins eine geheimnisvolle Inschrift erscheint und die Namen und Geschlechter der zum Gral berufenen Mädchen und Knaben verkündet.

So besitzt der Gral besondere Kräfte und ein großes Wirkspektrum:

a) Leuchtkraft. Er kann den umgebenden Raum erleuchten ("Stein des Lichtes" bei Wolfram von Eschenbach).

b) Er besitzt die Gaben des "Lebens": Er speist die Gralsritter.

c) Er heilt tödliche Verwundungen und kann Leben verlängern (erhält den verletzten Anfortas und auch den alten Titurel am Leben).

d) Er verleiht Sieges- und Heldenkraft.

e) Er besitzt eine zerstörende Seite: Er lässt erblinden, schlägt wie ein Blitz ein und kann wie ein Abgrund wirken.

f) Er kann den Gerechten erkennen und zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge unterscheiden.

Der Gral hat Vorgänger in den indogermanischen Mythen und es gibt regelrechte "Kesseltraditionen": Schon bei den Griechen findet sich das unerschöpfliche Füllhorn, das von einer Fruchtbarkeitsgöttin getragen wird. Einen magischen Kessel der Inspiration kennen die Kelten, gefüllt mit Kräutern für ein geistiges Getränk, das die Sänger inspiriert. Im Walhall der Germanen steht der Zauberkessel, in dem der Koch jeden Tag denselben Eber kocht. Dabei reicht das Fleisch immer für alle, und jeden Abend wird der Eber wieder lebendig. Die irische Mythologie besitzt einen Gralskelch, der getragen wird von der Göttin Erin, der Personifikation des Landes Irland. Sie überreicht ihn einem Mann, der als künftiger König ihr Gemahl wird und mit ihr die Heilige Hochzeit vollzieht. Erst danach erstrahlt das Land in neuer Jugend und Schönheit (Frühling und Sommer), nachdem der Winter in Hässlichkeit verbracht werden musste. Besonders in dieser letzten Variante lässt sich die Entsprechung zu Parzivals Besuch auf der Gralsburg besonders gut erkennen. Letztere wird von der Forschung irgendwo zwischen England und Nordspanien vermutet. Literarische Gestaltungen des Motivs finden sich z. B. im Märchen "Peronnik" (Ein bretonisches Gralsmärchen nach Souvestre, Stuttgart 1984); der Oper von Richard Wagner: (Bühnenweihfestspiel) "Parsifal", 1882; im Roman von Alice Zimmer-Bradley, "Die Nebel von Avalon" 1982 und bei Dan Brown: Sakrileg (der Da Vinci Code), 2004

Interpretation: Unter tiefenpsychologischen Gesichtspunkten ist der Gral ein Symbol des Weiblichen, Empfangenden, aber auch zugleich des Spendenden und ein Ort der Erneuerung für alle, die sich seinem Mysterium öffnen. Er steht für das Wasser des Lebens, verkörpert das Herz und das Allerheiligste, das kosmische Zentrum, ist Quelle des Lebens und der Unsterblichkeit. Demgegenüber verkörpert der verschwundene Gral das verlorene Paradies und den Verlust des Goldenen Zeitalters d. h. des Verlustes der ursprünglichen Reinheit und Unschuld. So ist die Suche nach dem Gral der Versuch, das Paradies zurück zu erlangen, das geistige Zentrum des Menschen und des Universums wiederzufinden. Dabei unterliegt die Gralsuche dem Muster der Initiation durch Bewährungsproben, Prüfungen und Nachtmeerfahrt in der Begegnung mit dem Tod, bevor die verborgene Bedeutung und das Geheimnis des Lebens gefunden werden kann. Das magische Zaubergefäß (auch der Gral als Stein, da er die Funktion eines spendenden Gefäßes besitzt) gehörte zum Symbolkanon der Großen Mutter. So war er ursprünglich kultisch magischer Kessel der Priesterin und matriarchales Fruchtbarkeitssymbol. Als Kelch wurde es schließlich christianisiert und in die Liturgie integriert. Er ist ein Wandlungsgefäß, in dem die Geburt des Geistes und auch seine Taufe stattfindet.

Als Gralssymbole gelten ein strahlender Kelch, ein Kelch mit einem Herzen, die Schale (empfangendes, weibliches, feuchtes Element), der magische Stein, die Lanze, das Schwert, ein auf der Spitze stehendes Dreieck (Lanze als aktives, feuriges, männliches Element). Die Suche selbst kann auch durch ein Buch symbolisiert werden und steht dann für die Suche nach dem Verlorenen Wort.

Literatur: Standard; Obleser, Horst: Parzival, Königsfurt, 2000

Autor: Obleser, Horst

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