Mystos-Prinzip

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Keyword: Mystos-Prinzip

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Definition: Das Mystos-Prinzip (griech. mystikos: geheimnisvoll) ist das fünfte, zentrale Element des Pentaolon-Systems und repräsentiert die Essenz, den Ursprung, die Mitte und das Ziel, die Einheit und, Ganzheit des schöpferischen Mysteriums, aus dem alle anderen Prinzipien hervorgehen, sich differenzieren (Differenzierung) und in das sie sich wieder integrieren (Integration).

Information:Das Mystos-Prinzip steht für das schöpferische Mysterium. Die Bezeichnung wurde gewählt, weil sie zwei Hauptmerkmale dieses letzten Einen zusammenfasst, nämlich, dass es sich hierbei um einen überaus schöpferischen Prozess handelt und dass dieser Prozess uns in seinem letzten Wesen ein Geheimnis bleibt.

Obwohl dieses höchste Sein unfassbar und unnennbar ist, ist es doch hilfreich, wenn man sich um eine möglichst passende Benennung bemüht. Der stimmige Name kann die religiöse Einstellung in positiver Weise unterstützen, wie der unpassende Name die religiöse Haltung auch in unglücklicher Weise einschränken, wenn nicht sogar verderben kann. So haben beispielsweise die Begriffe Kraft oder Energie überwiegend einen physikalischen, unpersönlichen Charakter. Das schöpferische Mysterium offenbart sich uns aber nicht nur in der äußeren physikalischen Erscheinungswelt, sondern vor allem durch die Vermittlung unserer lebendigen Seele, die immer nur in individueller, persönlicher Form existiert.

Wenn wir Göttin oder Gott dazu sagen, dann entstehen in uns meist Vorstellungen von einem großen Wesen entweder weiblichen oder männlichen Geschlechts, eine Art gute Mutter oder guter Vater, das uns als ein allmächtiges Gegenüber erscheint, das wir aber selbst nicht sind.

Wenn wir GEIST dazu sagen, legt das Assoziationen nahe, die im Gegensatz zur körperlichen und materiellen Basis unserer Existenz stehen. Wenn wir Transzendenz sagen, dann erzeugt das leicht die Vorstellung, es würde sich um etwas handeln, das sich irgend wie über oder außerhalb unseres alltäglichen Lebens befindet. Wenn wir Selbst dazu sagen, dann wird zwar deutlich, dass es unseren innersten Wesenkern betrifft, es vermittelt aber auch etwas Egozentrisches und schließt von seinem assoziativen Umfeld her den anderen Menschen und die Welt aus. Wenn wir es das Unbewusste nennen, dann fließen Assoziationen mit ein, die mit der problematischen Vorsilbe "Un" verbunden sind. Das "Un" hat für uns einen verneinenden, meist nega tiven Charakter, wie wir an den Worten Unfall, Unglück, Unperson oder Unwert sehen. Ist das, woraus wir leben, wirklich gut bezeichnet mit einem Wort, das mit "Un" beginnt und eine Verneinung darstellt?

Die antiken Mysterien waren religiöse Rituale in denen der Einzelne mit den Geheimnissen des Lebens, des Sterbens, der Wiedergeburt und der Transzendenz in Berührung kam. Der Eingeweihte (griechisch mystés) wurde zum Schweigen und zur Geheimhaltung verpflichtet. Dies hatte verschiedene Gründe: Die Besonderheit der Erfahrung sollte nicht profaniert, sondern als "heilig", als etwas ganz Außerordentliches bewahrt werden. Gleichzeitig wurde dadurch natürlich die Zusammengehörigkeit der Gruppe verstärkt und die Attraktivität des Kultes nach außen erhöht. In bestimmten Geheimorganisationen diente das Schweigen auch dem Schutz vor Verfolgung. Darüber hinaus gibt es noch wichtigere Aspekte des Schweigens. Das Schließen von Lippen und Augen (griech. myein: sich schließen) hat in den mystischen Traditionen vor allem den Sinn der Introversion und Introspektion. Dem Mysterium, dem verborgenden Geheimnis der Seele, des inneren Selbst und des Inneren-Göttlichen kann man nur gewahr werden, wenn man "in sich geht", die Aufmerksamkeit nach innen richtet und die üblichen alltäglichen Gedanken und Phant asien zum Schweigen kommen. Darüber hinaus lässt sich die letzte Erfahrung ohnehin nicht angemessen oder vollständig in Worten, Begriffen oder Symbolen zum Ausdruck bringen und nicht mitteilen, so dass dieses Geheimnis aufgrund seiner Natur immer ein Geheimnis bleiben wird. Das Schweigen ist der einzig adäquate Ausdruck, den wir angesichts des Myste riums haben.

Das Entscheidende am Mystos-Faktor ist seine Paradoxität als offenbares, "heilig-öffentliches" (wie Goethe es nennt) Geheimnis: Einerseits ist das, worauf er sich bezieht, das eigentlich Wirkliche und Wesentliche, das, was wir immer schon in jedem Augenblick sind und woraus wir unmittelbar leben, das, was in jedem Moment so ist, wie es ist. Andererseits ist und bleibt es uns, gerade weil es die Essenz ist, in gewisser Weise immer verborgen, es ist damit ein offenbares und zugleich unzugängliches schöpferisches Mysterium.

Das Mystos-Prinzip findet sich in allen Selbsterfahrungsformen und Therapieverfahren, in denen das Grundbedürfnis nach dem Ganzheitlichen, Integrativen, dem Schöpferischen, dem Neuen, Faszinierenden (Numinosität), der ekstatischen Erfahrung (Ekstase), der Bewusstseinsveränderung (Bewusstsein, Bewusstseinsentwicklung) und dem Religiösen im Zentrum steht. Hier geht es um die Herstellung einer Beziehung zum Unbewussten, zur inneren Welt der Imagination und mystischen Schau, um die Entwicklung von Kreativität, Fantasie, Intuition und Spontanität. Bevorzugte Methoden sind Traum-, Symbol-, Gestaltungs- und Fantasiearbeit.

Die Schattenseiten der nach dem Mystos-Prinzip orientierten Selbsterfahrungs- und Therapieformen liegen gerade in deren Kreativität und Vielseitigkeit. Die Fülle der farbigen, einfallsreichen und spannenden Methoden könnte dazu verleiten, Therapie als ein unverbindliches Spiel aufzufassen. Gibt es irgendwo Schwierigkeiten und Widerstände, hat man schnell eine neue Methode, eine neue Idee bereit, die vielleicht weiterhelfen kann. Damit kann aber leicht einer anstehenden intensiven, ernstlichen und schmerzhaften, Konfrontation mit sich selbst oder seinen Beziehungen ausgewichen werden. Es könnten auf diese Weise auch notwendige, geduldige Lernschritte (Lernen) großzügig und in künstlerischer Freiheit übersprungen werden. Wenn durch solche Methoden lediglich ein brillantes, beeindruckendes Feuerwerk inszeniert wird, von dem schließlich nicht mehr bleibt, als eine schöne Erinnerung oder ein sich rasch verflüchtigender Rauch, wäre das weniger problematisch. Schwierig, ja gefährlich werden sie, wenn sie emotionale Ein- und Durchbrüche provozieren, die nicht genügend aufgearbeitet werden können, und wenn die Patienten nach einer solchen Erfahrung mit sich und ihren Emotionen allein gelassen werden. Das Eintauchen in die Tiefenschichten des Unbewussten kann äußerst faszinierend, aufregend und erneuernd sein, schnell kann aber aus einem Spiel mit dem Unbewussten ein »Horrortrip« werden, wenn man für eine solche Begegnung mit seiner inneren Wirklichkeit nicht genügend und ernsthaft vorbereitet ist und nicht weiß, wie man solche Erfahrungen bearbeiten und integrieren kann. Wenn Therapeuten dem grandiosen Schatten des Mystos-Prinzips verfallen (Hybris), könnten sie glauben, sie seien Alte Weiser, alter, Wunderheiler, Gurus, Meister und Magier, sie hätten allheilende Wunderkräfte, eine alles durchschauende Intuition, mit der sie in weitaus kürzerer Zeit und viel effektiver als ihre Kollegen wunderbare Erfolge erzielen. Diesem Schatten kommt natürlich die Hoffnung vieler Menschen, es gäbe die einfache wundersame Lösung für alle Probleme des Lebens, sehr entgegen.

Interpretation: Das Mystos-Prinzip entspricht weitgehend dem Selbst der Analytischen Psychologie und dessen gegensatzvereinigender Symbolik (z. B. Hermes-Mercurius, Kind, göttliches, Kreis, Kugel, Mandala), wird aber im Pentaolon-Modell (Pentaolon-System) anders benannt, um es mit anderen religiösen Systemen kompatibel zu machen.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Lutz

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