Weiser, alter

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Keyword: Weiser, alter

Links: Archetyp, Erleuchtung, Logos-Prinzip, Gottesbild, Lehrer, Magier, Mutter, große, Mystos-Prinzip, Psychopompos, Selbst, Weise, alte

Definition: Der weise alte Mann ist einer der Archetypen, die wie Schatten und Anima/Animus in der unmittelbaren Erfahrung personifiziert auftreten. Er repäsentiert Geist, Sinn, Weisheit (Logos-Prinzip, ist nach Jung der Archetypus des Alten Weisen bzw. des Sinnes Logos-Prinzip). Er ist die archetypische Gestalt, die die "chaotischen Dunkelheiten des bloßen Lebens mit dem Lichte des Sinnes durchdringt." (vgl. GW 9/1, § 77). Der Alte Weise erscheint dementsprechend als der Lehrer, der Meister, der Psychopompos, der Guru, der bis zur Erleuchtung führen kann. Im Erleben dieses Archetyps erfährt auch der heutige Mensch "die urälteste Art des Denkens als eine autonome Tätigkeit, deren Objekt man ist" (GW 9/1, § 79) Nietzsche hat den Archetyp des alten Weisen in Gestalt und Wirken des Zarathustra erfahren, als dessen Sprachrohr er sich erlebt hat. Ähnliche Funktion erfüllen bei antiken Schriftstellern der Thot der hermetischen Literatur, Hermes Trismegistos Alchemie und andere.

Information: Keine.

Interpretation: Der Archetyp des alten Weisen bildet den Hintergrund einer gewissen Art von positiv getöntem Vaterkomplex, dem man "geistigen Charakter" zuschreiben kann und der, wenn konstelliert, geistige Interessen weckt, gelegentlich begleitet von einer Tendenz zur Autoritätsgläubigkeit (vgl. Jung, GW 9/1, § 396). Am häufigsten erscheint er in der Figur eines alten Mannes, die, oft auf hintergründige Weise den Faktor Geist symbolisiert, gelegentlich tritt er - öfters bei Frauen - auch in Zwergengestalt auf, oft in Form von sprechenden, wissenden Tieren, als Fuchs, Rabe u. a. als Gnom oder Tier zeigt er sich in Situationen, wo Einsicht, Verständnis, guter Rat, Entschluss und Plan nötig, aber aus eigenen Mitteln nicht mehr aufzubringen sind.

Im Märchen erscheint der alte Weise in besonders verzweifelten Situationen, in denen nur gründliche Überlegung oder glücklicher Einfall befreien können. Er findet die nötige Erkenntnis: "Öfters stellt der Alte in den Märchen dem Helden oder der Heldin die Frage nach dem Wer, Warum, Woher und Wohin, um damit die Selbstbesinnung und Sammlung der moralischen Kräfte in die Wege zu leiten und noch häufiger verleiht er die nötigen Zaubermittel, das heißt die unerwartete und unwahrscheinliche Erfolgskraft, welche eine Eigentümlichkeit der geeinten Persönlichkeit darstellt." (Jung, GW 9/1, § 404).

In Träumen heutiger Menschen kommt er als Arzt, Magier, Lehrer, Priester, Guru, Großvater, Professor oder andere Autoritätsperson des Wissens und der Weisheit vor. Auch innerhalb von Märchen erscheint er im Traum: als autonomer Inhalt des Unbewussten, der lehrt, wie mit unmöglichen Aufgaben umzugehen sei: Der weise Alte hat ethisch-moralische Eigenschaften, wie Güte und Hilfsbereitschaft und prüft die entsprechenden Eigenschaften des Menschen, sein "gutes Herz": So tritt er oft unscheinbar, schmutzig oder hilfsbedürftig auf und macht seine Gaben vom Ausgang der Probe abhängig. Ein schmutziger Alter zum Beispiel will zuerst gewaschen werden, ehe er dem Helden den Weg weist. Nie übrigens ist in den Märchen ein Weiser Alter die Hauptperson. Verborgen und abgelegen wohnt der alte Weise, taucht aus dem Unbekannten auf, um dem jungen Mann, der jungen Frau, den Trägern der Handlung mit seinem Rat beizustehen und mit ihnen in Beziehung zu treten. Manchmal geschieht dies an ausgesprochenen Lebensübergängen, wo er z. B. als Fährmann bereit steht.

Die Gestalt des ebenso überlegenen wie hilfreichen Alten legt nahe, sie sogar mit der Gestalt der Gottheit (Vater, großer, Gottesbild selbst in Beziehung zu setzen. Somit repräsentiert er häufig auch den männlichen Aspekt des Selbst.

Natürlich hat auch der Archetyp des Alten Weisen, wie alle Archetypen, neben günstigen auch ungünstige Züge und Aspekte. Oft inszeniert er beispielsweise ärgerliche Zwischenfälle, mit denen er den Helden auf Umwegen, die aber dessen Einsicht fördern, seinem Ziel näher bringt.

Literatur: Standard

Autor: I. Riedel

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