Mutter, große

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Definition: Der Begriff »Große Mutter« (magna mater) leitet sich aus der Religionsgeschichte her und umfasst die verschiedensten Aspekte der Muttergöttin.

Information: Die Große Mutter ist ein ewiges Bild, das sich seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte ubiquitär nachweisen lässt. Es zeigt »Mutter« Natur in ihrem lebengebenden wie auch in ihrem lebensnehmendem Aspekt, wie sie in unendlicher Vielfalt – zeitlich, kulturell, ethnisch und geografisch geprägt – als kollektives Symbol der Mythologien (Mythos) und, Religionen sowie als Topos in Literatur und Kunst erscheint.

Man denke hier beispielsweise an die Muttergottes mit dem Jesuskind und an die Pietà-Darstellungen (z. B. Michelangelo), die Leben und Tod umfassen.

Das Bild der Großen Mutter ist indes nicht allein kulturell überliefert, nicht nur lebensgeschichtlich individuell erworben, sondert basiert auf phylogenetischem Hintergrund und ortet sich als präformierende Struktur im kollektiven Unbewussten. Auf diesem Hintergrund basierend, erscheint es in der seelischen Vereinzelung als Traumbild, Imagination und Vision in reiner, aber auch mit persönlichen Aspekten vermischter Form und kann amplifiziertund gestaltet werden. Was in der Natur als Tod und Leben organisch ineinander übergeht, erscheint über die Zeitläufe hinweg und im psychischen Erleben als polarisiert, deshalb spricht Jung schon in seinem Werke "Symbole der Wandlung" von der »zweifachen Mutter«, einer lebenspendenden, wachstumsfördernden und einer furchtbaren verschlingenden Mutter.

Märchen und Mythen erzählen in vielfältigen Varianten vom Doppelaspekt der Großen Mutter, Als heilende, lebenschenkende Naturmutter, gute Fee und Schicksalsmacht bildet sich ihre gute Seite ab, als Hexe, Stiefmutter, böse Mutter, Zauberin zeigt sich die hemmende Kraft dieses Urbildes.

Im weiteren Sinne spiegelt sich das Urbild der Großen in einer Vielzahl naturhafter Symbole: in Tieren, Wasser, Wald, Baum, Acker, Garten, Fels, Höhle, Blume, Gefäß, Backofen, Kirche, Universität (Alma Mater), Stadt und im himmlischen Gestirn des Mondes ab, um nur einige Symbole zu nennen.

Mythologisch vorgeformt, erkennen wir das Urbild der Großen Mutter in den Mutter-, Fruchtbarkeits- und Schicksalsgöttinnen aller Kulturen und Zeiten: Madonna, Sophia, Nut, Isis, Kali, Gaia, Demeter, Ceres, Matronen, Parzen, Nornen, um nur einige zu nennen.

Den Bildern entspricht aufseiten des Gefühls »ihre hegende und nährende Güte, ihre orgiastische Emotionalität und ihre unterweltliche Dunkelheit« (vgl. Jung, GW 9/I, § 158).

E. Neumann, der innerhalb der Analytischen Psychologie als erster die entwicklungspsychologische Bedeutung des Mutter-Archetyps auf eine breitere Basis gestellt hat und die Interaktion von Mutter und Kind betont, schließt sich zur Zeit der Niederschrift seines Buches "Das Kind" (1963) der Deprivationsforschung bzw. John Bowlbys Theorie über Bindung und Verlust (Bindung) an, ferner ist sein Ansatz bezüglich der Urbeziehung und ihrer Störung weitgehend in Kongruenz mit Balints »Grundstörung« (vgl. Balint, 1970). Seither hat sich die Tiefenpsychologie auf breiter theoretischer und empirischer Basis der Mutter-Kind-Beziehung angenommen: Die Bindungstheorie wird entwickelt und verfeinert; die so genannten Frühstörungen und deren Folgen werden in der intensivierten Narzissmusdiskussion (Narzissmus) und, Selbstpsychologie psychoanalytischer Prägung weitergeführt. Die moderne Säuglingsforschung schließlich stellt Neumanns ursprünglichen Ansatz und seine Grundannahmen der Interaktion von Mutter und Kind auf eine überzeugende und breite empirische Basis von weitreichender theoretischer und psychotherapeutischer Konsequenz.

Interpretation: Der Hintergrund des Bildes der Großen Mutter ist der viel umfassendere Mutterarchetyp, der ein präexistentes, dem kollektiven Unbewussten angehörendes, präformierendes und in diesem Sinne unanschauliches Strukturelement der Psyche ist. Der Mutter (Wandlungscharakter) bewirkt – in seinem dem Archetyp eigenen Doppelaspekt konstelliert – in der Psyche entsprechende Fantasien, Gedanken, Gefühle, Strebungen, Handlungen und Motivationen wachstumsfördernder, bzw. wachstumshemmender »mutterspezifischer« Art (vgl. Asper, 1987).

Praktisch gesehen bedeutet die Verankerung der Konzepte der Analytischen Psychologie im kollektiven Unbewussten (vgl. Obrist, 1990), dass hinter der persönlichen Mutter der Archetyp der Mutter steht und je nach Anlage und individueller Lebenserfahrung eher lebensfördernd, bzw. eher lebensverneinend wirkt.

In diesem Sinne bedeutet Mutter immer mehr als die persönliche Mutter; nämlich lebenslang wirksame archetypisches Streben der Psyche nach Mütterlichkeit, Geborgenheit und Aufgehobensein, die sich regressiv (Energie, Regression) und lebenshemmend bemerkbar machen kann, aber auch als zukunftsgerichtete Sehnsucht (Finalität) und Suche nach der im Hier und Jetzt möglichen Realisation der archetypischen, Konstellation und ihrer Gestimmtheit wirkt.

Die Mutter als Strukturelement des kollektiven Unbewussten ist nicht statisch, sondern prozessorientiert und deshalb entwicklungspsychologisch gesehen von größter Bedeutung; je nach Anlage und Umwelterfahrung prägt er die Mutter-Kind-Beziehung. Von seiner ausreichend guten Konstellation hängt die positive »Urbeziehung« (Neumann, 1963, S. 10) zwischen Mutter und Kind ab, welche von weitreichender Bedeutung für die optimale Ich-Selbst-Entwicklung (IchSelbst-Achse) ist.

Die positive Urbeziehung konstelliert im Kind die psycho-biologische Ganzheit, sein Selbst, und ist mit ihren wachstumsfördernden Medien die notwendige Voraussetzung für integrierte Ich-Funktionen, Wandlungsmöglichkeiten (Wandlung) und Individuation im Sinne der Selbstwerdung.

Der mütterliche Archetyp umfasst den ganzen Bereich der Schöpfung, der Natur, des Körperlichen, Pflanzlichen, Animalischen und Menschlichen, des Lebendigen und des Sterblichen. Es bringt das Leben hervor, schützt, nährt, fördert und begleitet die Lebewesen von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. In seiner negativen Ausprägung hält es in Abhängigkeit und Gefangenschaft und tötet diejenigen, die sich aus seinem machtvollen Wirkungskreis befreien wollen.

Ist indes der Mutterarchetyp in seinem lebenshemmenden Aspekt wirksam, so wird das Selbst ungenügend konstelliert, bleibt ein »beschattetes Selbst« (Asper, 1987, S. 66ff.). Die Urbeziehung steht im Zeichen des Misstrauens und der existenziellen Unsicherheit und die Ich-Funktionen integrieren sich in unzureichender Form (Not-Ich).

Literatur: Standard

Autor: Asper, Katrin

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