Maria

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Keyword: Maria

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Definition: Im Christentum die jungfräuliche Mutter von Jesus Christus

Information: Im archaischen Weltbild war die Vorstellung von der jungfräulichen Zeugung des Erlösers weit verbreitet. So wurden im vorkolumbischen Amerika gemäß dem Popol Vuh der Maya die Helden Hunahpu und Xbalanque durch den Speichel eines getöteten Helden in einer Jungfrau gezeugt. Auch der altpersische Heiland Saoshyant wurde in einer Jungfrau ohne Geschlechtsverkehr gezeugt, und Buddha (um 560-480) ging vorgeburtlich als weißer Elefant in die Seite (nicht durch die Scheide in die Gebärmutter) seiner Mutter Maya ein, wo er bei seiner Geburt auch wieder austrat (seine Mutter blieb somit "ewig Jungfrau" wie Maria).

Im alten Ägypten zeugte der höchste Gott Amon-Re den Thronfolger jeweils mit der ägyptischen Königin. Der Pharao, selber ein Gott-Mensch, war bloß Ziehvater des neuen Pharao. In der griechischen Mythologie empfing die Jungfrau Danaë den Helden Perseus durch einen Goldregen, in den sich Göttervater Zeus verwandelt hatte.

Der neugeborene Perseus wurde nach seiner Geburt (wie der biblische Moses) in ein Kästlein eingeschlossen und im Meer ausgesetzt. Von Inselbewohnern wurde er aus dem Meer gefischt und (wie Moses) am königlichen Hof erzogen. Später heiratete Perseus und zeugte Kinder. Zwei seiner Enkel waren das Ehepaar Amphitryon und Alkmene. Dieses Paar hat in Joseph und Maria eine biblische Parallele. Der Pharao, Amphitryon und Joseph waren Ziehväter gewaltiger Helder: des neuen Pharaos, des Herakles und Jesu. Die wirklichen Väter dieser Heroen waren Götter. Zu jedem großen Helden gehörte eine göttliche Abstammung, nach dem Motto: "Wie der Held, so die Herkunft."

Der Mythos von der jungfräulichen Zeugung Jesu in Maria entstammt der zweiten und dritten Generation der Jesusgemeinde. Er war die zum Erlösermythos passende Vorgeschichte, die ihm als dem vom Tode Auferstandenen, in den Himmel Aufgefahrenen und demnächst zum Gericht Kommenden gebührte.

Damit war der Erlösermythos noch nicht ganz fertig gewoben. Die Kirche überlegte sich des Weiteren, wer denn die Mutter des Gottessohnes logischerweise sein müsse. Als Mutter des Erlösers musste auch sie eine außergewöhnliche Herkunft haben. Der Katechismus fasst das Ergebnis langen theologischen Nachdenkens zusammen: "Während des ganzen Alten Bundes wurde die Berufung Marias durch die Sendung heiliger Frauen vorbereitet … Mit Maria als der erhabenen Tochter Zion ist schließlich die Zeit erfüllt worden und hat die neue Heilsökonomie begonnen." (§ 489)

Dafür wurde Maria schon vor ihrer Geburt vorbereitet: "Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Kirche bewusst, dass Maria schon bei ihrer Empfängnis erlöst worden ist. Das bekennt das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, das 1854 von Papst Pius XI verkündet wurde" (Katechismus der kath. Kirche, 1993, § 491; Hochfest am 8. Dez.). Dadurch wurde "Maria von jedem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt, und sie blieb während ihres ganzen Lebens frei von jeder Sünde" (§ 491 u. 493). So "vermochte sie dem Worte Gottes ihre volle Zustimmung zu geben und die Mutter des Erlösers zu werden. Der Tod kam durch Eva, das Leben aber durch Maria" (§ 494)."Auf diese Weise für das Heilswerk vorbereitet, war es ihr möglich, in jungfräulichem Zustand Mutter Gottes, Gottesgebärerin (Theotokos) zu werden. Sie hat Jesus ohne Samen aus Heiligem Geist empfangen und ist stets wirklich Jungfrau geblieben, auch bei der Geburt des menschgewordenen Gottessohnes. Durch seine Geburt hat ihr Sohn ihre jungfräuliche Unversehrtheit nicht gemindert" (§ 499). Weil Maria durch keine Erbschuld befleckt war, konnte der Tod sie nicht halten, und sie fuhr darum leiblich in den Himmel auf (Dogma vom 1. Nov. 1950; Hochfest am 15. August). Diese beiden Dogmen sind "keine Legenden oder theologische Konstrukte" (§ 498)! Die beiden Hochfeste vom 15. August und 8. Dezember sind nach wie vor von zentraler Bedeutung.

Interpretation: Die Tiefenpsychologie sieht in Maria eine weitere der vielen Ausformungen des Archetyps der Großen Mutter, kritisiert an ihr aber die fehlenden dunklen Seiten, wie sie in anderen Kulturen zu finden sind (z. B. in der griechischen Mythologie, im Hinduismus), wodurch bestimmte körperliche und erotische Aspekte des Weiblichen unterdrückt und verdrängt wurden. Auch versteht sie die Jungfräulichkeit nicht mehr konkretistisch, sondern symbolisch. Das konkretistische Verständnis der Jungfräulichkeit wertet die Sexualität ab; es ist widernatürlich, ungesund, verursacht soziale Schäden und erzeugt ekklesiogene Neurosen (grch. ekklesia: Kirche; gen: hervorbringen). Dazu gehört auch das Zölibat mit seinen verheerenden Folgen, das seit 1074 für die katholische Geistlichkeit verpflichtend ist.

Jungfräulichkeit als Symbol meint die Offenheit des Ichs gegenüber dem Selbst. Die Geschichte von der jungfräulichen Empfängnis erzählt, wie Rettendes, Erlösendes und Heilendes bewusst werden (auf die Welt kommen). Es gilt, sich auf "inneren Empfang" einzustellen, das "innere Ohr", die innere Wahrnehmung zu aktivieren."Jungfräulich sein" meint jetzt, dem Selbst gegenüber ganz Ohr zu werden, wie M. ein "Einfallstor Gottes in die Welt" (des Selbst ins Bewusstsein). Wenn das Ich richtig vorbereitet und auf das Unbewusste hin eingestellt ist (wie Maria), kommt es zu geistiger Befruchtung, zu rettenden Einfällen und erlösenden Inspirationen. Das sind dann keine Zangengeburten, wie sie der Seinsverschlossene erlebt, wenn er kreativ werden sollte. Sie gehen vielmehr schmerzlos vor sich, wie das Dogma schön sagt. Der Mythos von der jungfräulichen Empfängnis des Retters bildet ein Korrektiv zum Machbarkeitswahn. Die Rettung kommt nicht von einem Super-Ich, sondern aus dem lebendigen Kontakt mit dem Selbst, aus der Offenheit für die innere Wahrnehmung.

Literatur: Standard

Autor: Kaufmann, Rolf

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