Wal

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Keyword: Wal

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Definition: Wale sind seit dem Mittleren Tertiär bekannt. Sie gelten allgemein als Walfische, wobei sie zoologisch Cetacea heißen und eine der neunzehn Ordnungen in der Klasse der Säugetiere bilden.

Information: Es gibt rund 90 Arten dieser Säugetiere, die nur im Meer leben können. Ihre Körpertemperatur liegt bei 37 Grad Celsius. Es gibt Bartenwale und Zahnwale, wobei die Nasenlöcher bei den Bartenwalen paarig und bei den Zahnwalen unpaarig auf die Kopfoberseite verschoben sind. Durch diese Spritzlöcher atmet der Wal und spritzt kondensierenden Wasserdampf fontänenbildend beim Ausatmen in die Luft, dem sog. Blasen. Die Haut ist von einer Fettschicht unterfüttert, die zur Wärmeisolierung dient und aus der Tran gewonnen wird. Wale besitzen einen guten Geruchs- und Gehörsinn, sehen jedoch mit ihren zwei kleinen Augen schlecht. Ihr Kopf ist vom Rumpf kaum abgesetzt. Sie leben sehr gesellig in Gruppen, lieben Haut- und Körperkontakt und verständigen sich durch ein umfangreiches, teilweise im Ultraschall liegendes Tonrepertior. Sie orientieren sich durch ihre selbst erzeugten Ultraschallwellen und wandern bis zu 20 000 Kilometer im Jahr. Sie kennen elektromagnetische Erdfelder und richten nach ihnen ihre jährlichen Wanderungen aus. Wale sind ausgezeichnete Schwimmer und Taucher – ein Pottwal kann z. B. bis zu 3000 Meter tief tauchen, und bis zu 80 Minuten unter Wasser bleiben. Sie haben, so beschreibt dies Smolik, „körperlich die vollendetste Stromlinienform, den gewaltigsten Schraubenantrieb, vermögen am längsten und am tiefsten zu tauchen, wagen sich am weitesten ins offene Meer hinaus und sind die ausgeprägtesten Kosmopoliten.“ Nach einer Tragezeit von rund 11 bis 16 Monaten wird meist ein Junges geboren, das bei der Geburt schon ein Viertel bis ein Drittel der Länge hat wie die Mutter und von der Mutter gesäugt wird (mit bis zu 100 Litern Milch am Tag). Die Achtung vor den von der Ausrottung durch die Menschen bedrohten Meeressäuger stieg parallel zu dem „Prozess der Vernichtung durch eine fangtechnisch perfekt ausgerüstete Hochseefischerei.“ Rudolf Schenda, Who is Who der Tiere, DTV 1998, S. 373)

Interpretation: Walfisch-Mythen kommen überall auf der Welt vor. Das hat sicherlich mit der ungeheuren Größe dieses „Fisches“ zu tun, dessen Auftauchen in den Weiten des Meeres und angespült an die Strände der Welt erstaunen und auch ängstigen musste und der vielleicht deshalb als Prototyp der vielen durch die menschliche Phantasie weiter ausgestalteten Meeresungeheuer diente. Das Element, in dem dieser Fisch lebt, ist das Wasser. Wasser ist nicht nur Ursprung allen Lebens, es nimmt auch Leben. So ist es immer auch ein Symbol für Tod und Wiedergeburt, Reinigung und Erneuerung und spielt in dieser Zweiheit eine wichtige Rolle in allen Religionen und Mythen.

In der keltischen Mythologie stellte das Untertauchen in Wasser das Wiedereintauchen und die Rückkehr in den vorgeburtlichen Zustand dar, die Rückkehr in den Uterus der Frau und das Wiederauftauchen, die erneute Erschaffung eines menschlichen Wesen, wie sich dies bei einer Geburt sichtbar immer vollzieht. Der Mensch wurde wiedergeboren. Und wir leben ja lange in den Wassern der Mutter, die uns schützen und nähren, bevor wir durch unsere Geburt zu dem sichtbaren Wesen werden, das wir schließlich in einem für uns ebenso „unsichtbaren Werdegang“ werden, wie dies unsere Reifung im Mutterleib letztlich darstellt. Dadurch ist das Walsymbol die Erinnerung an unsere soziale Uteruszeit, die in der Geborgenheit der Wasser und des sie umgebenden Gefäßes gesättigt, gewärmt und geschützt war und die in der Geburt schließlich das Wunder Mensch in diese Welt entlässt.

Es sind also alle Reifungsprozesse gemeint, die wir eher „unbewusst“ und nicht willentlich durchlaufen und die wohl von unserem Selbst gesteuert werden, nicht von unserem wollenden Ich. Diese Rückkehr in eine paradiesische Ursituation ist mit dem Walsymbol ausgedrückt, wobei wir die immer wieder erleben können, wenn wir Zeit, eine Aus-Zeit, wie es heute heißt, für uns nehmen und uns mit uns selbst beschäftigen – mit unseren eigenen Symbolen, unseren Träumen, Mythen, Imaginationen, kreativen Ausdrucksgestaltungen. Dennoch: es muss daraus eine „Geburt“ erfolgen, eine Art Trennungsgeschehen, in der sich der wiedergeborene Mensch sich seiner Welt zeigt und sich ihr auch wieder, mit einem gestärkten, wollenden Ich, zuwendet. Sonst ist diese Rückkehr in sich selber auch gefährlich und kann bis zur totalen Auflösung der eigenen Persönlichkeit führen.

Die Taufe ist im christlichen Sinne solch ein frühes Ritual – der Mensch wird untergetaucht, damit er reingewaschen wird und als ein Neuer auferstehen kann. Die Auferstehung als neues Mitglied einer Gemeinde – und damit die Überwindung des Todes mit dem Versprechen auf ein ewiges Leben - wird in jeder Taufe gefeiert. Wieder bei den Kelten, die ja auch an die Unsterblichkeit der Seele glaubten, gab es einen Kessel, gefüllt mit Milch, den Kessel von Daghdha, der nicht nur ein ewiges Mahl versprach, sondern in den auch die gefallenen Krieger getaucht wurden, damit sie wieder zu einem neuen Leben erweckt wurden. Und die Kelten praktizierten diese Idee der Wiedergeburt wohl auch – so warfen sie Tote in tiefe Brunnen, damit sie wieder geboren werden sollten, oder badeten sie zum Zwecke der Auferstehung in Milch. Und wie das Wasser verschlingend und nährend sein kann, wird auch der Wal in vielen Geschichten beschrieben: schon der Physiologus beschreibt in der Antike, dass der Wal Wohlgerüche aus seinem Rachen verströmt, um Fische anzulocken und zu fressen und dass er so groß wie eine Insel erscheinen kann, an und auf der Seeleute ankern und landen, ihr Süppchen kochen und dadurch den Fisch zum Abtauchen zwingen, wobei er alle Seeleute mit sich in die Dunkelheit hinab reißt. Unzählige Geschichten und Bücher gibt es jedenfalls über den Wal in seiner Begegnung mit den Menschen, Abenteuerromane und Lügengeschichten bunt gemischt. Eine dieser Geschichten ist von dem antiken Lügendichter Lukianos von Samosata und handelt von einem Helden, der auf einer Reise zu den Seleniten mitsamt dem Schiff in dem mit riesigen, spitzen Zähnen bewehrten Rachen eines Wales landet. In dessen Bauch herrscht ein riesiges Durcheinander von Fischen, Schiffen, Masten, Menschen und Märkten, Wiesen und Wäldern, Kranichen und Krähen, eine jenseitige Welt mit Innenbeleuchtung. Siebenundzwanzig Jahre lebt der Held und die Mannschaft im Bauch des Wales und sie leben dort, wie sie auf Erden auch gelebt hätten – sie führen nämlich Kriege. Dabei stecken sie die Innenwelt des Wales in Brand und der siecht dahin. Die Matrosen sperren nun die Kinnbacken des Wales mit ihren Schiffsmasten auf und segeln zurück in die wahre Welt. In vielen Walfisch-Drachen - Geschichten werden jedenfalls die Antagonisten vom Wal verschlungen und leben eine Zeit in dessen Bauch, bevor sie wieder „ausgespuckt“ werden.

Bekannte und neuere Abwandlungen dieses Mythos sind der Roman von Herman Melville „Moby Dick“ oder „Der Wal“ und Ernest Hemingways Novelle „Der Alte Mann und das Meer “.

In der giechischen Mythologie kämpft Perseus gegen einen Wal, der – wie der Drache auf den festen Landen – die Königstochter Andromeda entführen wollte. Perseus nimmt den „Walfisch-Drachen -Kampf“ auf und errettet Andromeda und nimmt diese zur Frau. In Jopha, dem heutigen Jaffa, stand in einem Tempel das riesige Skelett des Wales, den Perseus erschlagen hat. Nahe verwandt ist diese Geschichte mit der St. Georg-Sage und dem Drachen. Wie überhaupt der Wal und der Drache in alten Sagen oft miteinander verwechselt werden. Der bekannteste Walfischdrachen-Mythos ist aber das etwas 300 vor Christus entstandene Buch Jona. Interessanterweise wird in einer älteren Stelle der Bibel Jonas von Leviathan verschlungen, einem Meeresungeheuer, eher einer Schlange ähnlich und in der jüdischen Mythologie die weibliche Chaosmacht, deren Gegenstück ein männliches Landungeheuer darstellt, der Behemot, der einem Nilpfed und einem Wasserbüffel gleicht. Beide Ungeheuer werden in der Endzeit geschlachtet und den Gerechten als himmlische Speise vorgesetzt.

Der Leviathan, als jüdisches Symboltier wurde im Christentum durch den Wal ersetzt – und dieser neue Wal-Mythos wurde bekannter, als der ursprüngliche Mythos. Heute besitzt die Jonas-Geschichte eine zentrale Bedeutung in der christlichen Kultur, nimmt er doch die durch Christus später vollendete Idee der Auferstehung und damit der Überwindung des Todes, schon vorweg: Jona widersetzt sich dem Auftrag Gottes, die Stadt Ninive zu bekehren. Er flieht vor seiner inneren Stimme und macht sich mit dem Schiff nach Tharsis auf den Weg. Während er im untersten Schiffsraum schläft, erhebt sich ein gewaltiger Sturm. In den „Sagen der Juden“ von Micha Josef Bin Gorion lesen wir, dass Jona selbst alles dazu tut, sich als Verursacher des Sturms zu identifizieren und dass er durch seine eigene Wahl in den Schlund des Fisches steigt und nicht, wie die Bibel anzeigt durch einen passiv erlittenen Losentscheid über Bord geworfen wird. Er spricht in der Sage: „Durch mich ist das Böse geschehen; werft mich ins Meer. Da ergriffen sie den Jona und streckten ihn mit den Füßen ins Wasser; alsbald legten sich die Fluten. Sie zogen ihn heraus, und der Sturm tobte wieder… Da gaben sie den Jona den Fluten preis, und das Meer zürnte nicht mehr. Aber Gott ließ einen großen Fisch heranschwimmen, dass er Jona verschlinge. Dieser Fisch war von der Schöpfungszeit her dazu bestimmt gewesen, dem Jona eine Zuflucht in seinem Bauche zu geben. Und Jona stieg in den Rachen des Fisches wie ein Mensch, der einen Raum betritt, und stand aufrecht in seinem Leibe. Die zwei Augen des Wassertieres waren wie Fenster und leuchteten auch nach innen. Andre meinten, eine große Perle habe dem Jona dort Licht gespendet, wie die Sonne um Mittag, und bei ihrem Schein habe er alles gesehen, was im Meer und in den Gründen vorgeht (…)“ Drei Tage lebt Jona im Bauch des Wales und wird dann an Land gespieen. In manchen „Geschichten“ ist Jona wieder selbst aktiv an dieser Rettung beteiligt: er entzündet, wie alle Sonnenhelden auf ihrer Nachtmeerfahrt, ein Feuer im Bauch des Wales, schneidet sich ein Stück vom Speck oder vom Herzen ab und will es essen. Manchmal verliert er sogar seine Haare dabei und muss sich aus dem Bauch des Fisches herausschneiden. Reumütig macht sich Jona jedenfalls, so die Bibel, danach auf den Weg nach Ninive und bekehrt den König und dessen Untertanen, wodurch Gott die Stadt und ihre Einwohner vor der Vernichtung bewahrt. In einem erweiterten Walfischdrachen-Mythos Mela-Polynesiens trifft der Sonnenheld Nganaoa im Bauch des Walfisches die Eltern wieder, entzündet ein Feuer und der Wal entlässt die wiedervereinte Familie auf einer Sandbank verendend in die Welt.

Der Wal als Symbol der Rückkehr in den Mutterleib, in den vorgeburtlichen Zustand, in den Tod und das Wiederauftauchen aus den Tiefen des Wassers, des Unbewussten, in einer Art Wiedergeburt, ist allen diesen Mythen gemein.

Psychologisch gedeutet ist das Eintauchen in den Wal ein Spiel zwischen Resignation und Hoffnung, ein Hin- und Hergerissenwerden zwischen dem regressiven Verlangen zurück zu kehren in den bergenden Mutterleib, dem Walleib, und dem progressiven Verlangen, aus ihm wieder geboren zu werden. Und in diesem Sinne sind auch alle therapeutischen Bemühungen mit ihren impliziten regressiven Strukturen ein inszenierter Walfischdrachen-Mythos.

Den positiven Aspekt der Regression beschreibt Jung: „Als Jona im Walfisch gefangen wurde, da war er im Bauche des Ungetüms nicht einfach gefangen, sondern er hat da, wie Paracelsus erzählt, gewaltige Mysteria gesehen. In der Dunkelheit des Unbewussten ist ein Schatz verborgen, eben die schwer erreichbare Kostbarkeit, die als leuchtende Perle charakterisiert ist. Diese Möglichkeiten eines geistigen oder symbolischen Lebens und Fortschreitens sind es, welche letztes, aber unbewusstes Ziel der Regression bilden.“ Jona wird nach solch einer tiefen Regression wieder an Land gespieen. Er hat auf seine innere Stimme nun gehört, vor der er zeitlebens geflohen war und geht seinem „inneren Auftrag“ nach, jener Kostbarkeit der Perle in sich. Das bedeutet: das Unbewusste, in das er versank, enthielt auch alle heilenden Kräfte der Erneuerung.

Den negativen Aspekt drückt die maligne Regression aus. Dort will nur noch das verlorene Paradies im Mutterleib wirken und der Wal verwandelt sich so in einen gefräßigen Walfischdrachen, gegen den der Sonnenheld nicht mehr ankämpft.

In einer Geschichte des amerikanischen Märchenautors Richard Hughes „Das Walfischheim“ bringt er die negative, maligne Regression auf den Punkt: ein Mädchen spaziert mit ihrem Hund in einen Wal, richtet sich dort ein und bekommt sogar ein Kinderbett von dem großen Fisch geschenkt. Ein Papagei bringt ihr täglich Brot und so beschließt das Mädchen in dem Walbauch für immer wohnen zu bleiben. Der Wal kann in diesem Sinne auch eine hinreichend gute, nährende und schützende Mutter sein, oder sie kann die kinderfesselnde und -fressende Mutter werden, die ihre Nachkommen für eigene, narzisstische Zwecke missbraucht.

Der Wal ist somit immer auch das Eintauchen in die matriarchale Welt, in die mütterliche Welt des Unbewussten, in denen die negativen und zerstörerischen Kräfte nicht getötet, sondern schöpferisch genutzt und integriert werden müssen und dadurch erst zur Heilung beitragen. Nicht das Töten ist dabei wichtig, sondern das Geltenlassen und Erkennen der destruktiven Seiten der Menschen. Töten ist immer auch – wie in der St-Georg-Geschichte – ein symbolisches Bild für die Dominanz des Patriarchats und bedeutet in der einseitig rational-naturwissenschaftlichen Beherrschung der inneren und äußeren Natur eine große Gefährdung für unsere ganze Welt. Hiervon handelt auch ein Roman von Juri Rytcheu, „Wenn die Wale fortziehen“. Rytcheu ist Tschuktsche und erzählt von der Nähe von Walen und Menschen. Nau ist die Urmutter des Menschengeschlechts. Aus Liebe zu ihr wird Reu, der Wal, zum Menschen und zeugt mit ihr Waljunge und Menschenkinder. Nach dieser Schöpfungslegende sind Menschen und Wale Brüder. Nau überlebt über alle Zeiten und gibt ihr Wissen von der Abstammung der Menschen und von der Verehrung der Wale weiter. Doch die Achtung der Menschen vor den Meeresriesen schwindet genauso, wie die Achtung vor ihr. Die Gemeinschaft der Menschen zerfällt immer mehr und angefüllt von Macht- und Eroberungsgelüsten stehen schließlich die Menschen vor einem entleerten Meer …

Sehr eindrucksvoll ist diese Geschichte im Film „Whale Rider“ umgesetzt worden. Die weltenschaffende und –bewahrende Funktion des Wales wird dabei genauso erzählt, wie die Nähe, ja Verwandtschaft, zwischen Wal und den Menschen. Die kleinste Störung dieser „Wahl-Verwandtschaft“ hat verheerende Folgen für jeden Menschen und die menschliche Gemeinschaft. Wale sind die sanften Riesen der Ozeane mit einer hohen sozialen Bezogenheit und Kompetenz. Sie können singend kommunizieren und benötigen viel Körperkontakt zu ihrer Zufriedenheit – die Menschen können viel von den Walen zur Ausbau ihrer sozialen Kompetenz und ihrer Achtsamkeit gegenüber allen Welten und Geschöpfen lernen. Das Besondere an den Walen ist ja, dass sie Säugetiere sind und damit dem Menschen sehr nahe stehen.

In einer hinduistischen Geschichte beauftragt Brahma der Schöpfergott, Vishnu, den Erhalter des Universums, die Erde neu zu schaffen. Dazu musste er jedoch die geheimnisvollen Bücher, die Veden, die auf dem Boden des Meeres lagen, bergen. So verwandelte Vishnu sich in einen Wal und holte in die Tiefe eintauchend die heiligen Bücher zurück auf die Erde und gestaltete mit deren Wissen die Welt neu.

In der Beschäftigung mit unsere eigenen Tiefen, dem Hinabtauchen in unser Unbewusstes, können wir uns selbst und auch die Welt neu gestalten – das verspricht das Symbol des Wales als archetypisches Bild.

Literatur: Standard

Autor: Dauner, Bernd

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