Ecclesia

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Links: Abendmahl, Christus, Geist, heiliger Jesus von Nazareth, Kirche, Pfingsten, Taufe

Definition: Das (lateinische) Wort stammt aus dem Griechischen (ekklesia), wo es Versammlung bedeutet. In der Umgangssprache wurde Ecclesia gleichbedeutend mit der christlichen Gemeinde und mit der Kirche (aus dem Griechischen Kyrios, Herr) als der Gemeinschaft der Gläubigen. In einem weiteren Sinn wurde Kirche zur Bezeichnung für ihre Institutionen und schließlich für ihre Gebäude.

Information: Im kirchlichen Sprachgebrauch wurde Ecclesia zur Bezeichnung für die Versammlung Gottes oder Christi, für die Getauften, die sich zur Gemeinde Christi zählen. Damit ist ein neues Volk gemeint, das sich als "neuer Bund" (Neues Testament) einmal abhebt vom jüdischen Volk, also vom "alten Bund" (Altes Testament), zum zweiten von den Heiden, die noch zu bekehren sind, schließlich von der "massa perditionis", von der Masse der Verdammten. Mit Letzterer ist die Vorstellung verbunden, dass nur diejenigen, die an Christus glauben und getauft sind, am Ende aller Tage in das Lichtreich Christi Aufnahme finden, auf alle anderen hingegen die ewige Verdammnis wartet.

Im Neuen Testament werden die Nachfolger Jesu mit höchsten Würdetiteln bezeichnet."Ihr seid das Licht der Welt", "Ihr seid das Salz der Erde", heißt es in der Bergpredigt."Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde" sagt das Johannesevangelium. Weitere Umschreibungen, die sich durch die ganze christliche Tradition ziehen, sind die der Gemeinde als der schönen, reinen Braut Christi, sowie die Gemeinde als sein Leib, wobei er das Haupt ist.

Zur ständigen Erneuerung und Vertiefung der Gemeinschaft mit dem erhöhten Herrn und zur Verbundenheit miteinander feiert die Gemeinde regelmäßig das heilige Mahl (Eucharistie / Herrenmahl / Abendmahl).

In der darstellenden Kunst wird oft Maria als Symbolgestalt für die Gemeinde gezeigt. Die einzelnen Glieder sind Empfänger des Heiligen Geistes, der die Gemeinde begründet. Pfingsten gilt als Geburtsdatum der Ecclesia.

Die Taufe mit Wasser zur Reinigung, Sündenvergebung und zum Exorzismus, gedeutet auch als Tod und Wiedergeburt, wurde zugleich als Empfang des Heiligen Geistes verstanden. Dieses Sakrament war auch die Voraussetzung für die Mission unter den Heiden. Mitglied des Neuen Bundes wurde man nicht mehr durch die (im Judentum) gebräuchliche Beschneidung, sondern durch die Taufe.

Hauptziel der Ecclesia ist zunächst die Erwartung der Wiederkunft Christi, bei der sie ihm wie eine Braut entgegengeht. Sie ist schon jetzt eine neue Kreatur, eine Gemeinschaft der Heiligen.

Das Ideal der Ecclesia wird in der Apostelgeschichte beschrieben, wo erzählt wird, wie die Urgemeinde sich täglich im Gebet und in der Mahlgemeinschaft versammelte, wie sie alles, also auch den Besitz der Einzelnen, miteinander teilte und für andere sorgte, sie tröstete und heilte (Apg. 2, 42-47). Der Heilige Geist gibt jedem Einzelnen besondere Gaben und Begabungen, mit denen er anderen und damit dem Ganzen dient. Die Gemeindeglieder bezeichnen sich untereinander als Brüder (und Schwestern) nach dem Wort Jesu: "Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder."

Die ersten christlichen Gemeinden bildeten sich im ganzen römischen Reich sowie im hellenistischen Raum des Vorderen Orients im Umkreis der jüdischen Synagogen. Daher nahmen sie im Alltag auch zahlreiche Gebräuche der jüdischen Diasporagemeinden sowie die Symbolspache des Alten Testaments auf. Die Verfolgung der christlichen Gemeinden in den ersten drei Jahrhunderten prägte das Selbstverständnis der Ecclesia als kleiner, bedrängter Schar, die durch ihr vorbildliches Leben, ihre Mission und durch ihre Märtyrer dennoch Anhänger fand. Mit der so genannten konstantinischen Wende, als das Christentum durch den römischen Kaiser Konstantin zur Staatsreligion erklärt wurde (313 n. Chr. ), änderte sich viel, wenn nicht fast alles. Die Kirche bekam nun die Macht, sich vom Judentum, von allen heidnischen Kulten, aber auch von innerchristlichen Häretikern nicht nur geistig, sondern auch mit Gewalt abzuheben.

In der römisch-katholischen Kirche wurde die ecclesia als ecclesia militans, als die auf Erden kämpfende Kirche, von der ecclesia triumphans, der in himmlischer Herrlichkeit triumphierenden unterschieden. Zwei berühmte Plastiken am Straßburger Münster zeigen zwei Frauengestalten, die siegreiche Ecclesia auf der einen, die gebeugte Synagoge auf der anderen Seite.

Träger des Ideals der Ecclesia waren durch die Jahrhunderte die Mönchs- und Nonnenorden, die nach festen Regeln lebten. Sie gingen ursprünglich aus Eremiten hervor, die durch ein asketisches Leben die Ekstase der Verbindung mit Gott suchten, sich in Klostergemeinschaften aber dann zusätzlich der Disziplin des Gehorsams unterwarfen und im übrigen Land urbar machten, Kranke pflegten, forschten und lehrten. Neben ihnen gab es die Ritterorden, die sich als militärische Kämpfer für die Mission der Kirche verstanden.

Um der in allen Jahrhunderten neu aufbrechenden Kritik an der Praxis der verfassten Kirche, die dem Ideal Jesu kaum noch entsprach, zu begegnen, wurde der Begriff ecclesia invisibilis, unsichtbare Kirche, geboren. Sie gilt als die wahre, reine Braut Christi, die alles erfüllt, was der Meister gemeint hatte, während die ecclesia visibilis, die sichtbare, eben auch aus Sündern besteht. Dafür verfügte und verfügt die Kirche mit ihrem Klerus und ihren Sakramenten über einen Schatz, aus dem sie immer neu Vergebung schöpfte. In der Reformation wurde schließlich der Begriff ecclesia semper reformanda geboren, der von einer Kirche, die an Haupt und Gliedern ständig zu reformieren ist, um sie in jeder Generation neu dem ursprünglich Gemeinten wieder ähnlicher zu machen.

In den letzten Jahrzehnten, seit sich in Europa die Verknüpfung von Kirche und staatlicher Macht gelockert hat, wird die Gemeinde als handelndes Subjekt in der Geschichte verstanden. Sie setzt mit ihrem humanitären Tun Zeichen, die auf das kommende Reich Gottes hinweisen. Sie kann das Reich Gottes nicht herbeiführen, aber die Glaubwürdigkeit ihrer Mission hängt ab von dem Bild, das sie anderen bietet.

Damit wird aufgenommen, was von Heiligen und als Ketzer Verfolgten zu allen Zeiten der Kirchengeschichte immer wieder vorgelebt und gefordert wurde: Die Nachfolger Jesu sollten seinen Gottesbezug, seine Liebe zur Wahrheit, seine bedingungslose Liebe, seine Freiheit gegenüber allen Autoritäten und seine Leidensbereitschaft selbst verwirklichen. Aber niemand braucht dabei allein zu bleiben, die Gemeinde unterstützt ihn mit ihrem Gebet, ihrer Liebe und ihrer Hoffnung, die auch über den Tod hinaus trägt.

Die Erzählung der Apostelgeschichte von der Urgemeinde hat durch die Jahrhunderte hindurch unzähligen Reform- und Erneuerungsbewegungen Auftrieb gegeben.

Das Gegenbild zur christlichen Kirche, das sich im Nachhinein als eine geschichtswirksame christlichen Häresie betrachten lässt, hat Karl Marx (1818-1883) entworfen. Er sah im Aufstand der Masse der Rechtlosen und Ausgebeuteten das Potenzial, aus dem durch einen revolutionären Umbruch, eine Umerziehung und vor allem durch nicht entfremdete Arbeit die menschliche Gesellschaft entstehen könne, die dem urchristlichen Ideal entspricht. Dabei richtete Marx sein Augenmerk auf eine Verwirklichung dieser Ideale im Diesseits statt im Jenseits. Anstelle von Ecclesia sprach er von der Kommune.

Pierre Teilhard de Chardin (1881 – 1955), Mönch, Paläontologe und Mystiker, hat die Ecclesia als Modell und Vorbild genommen für seine Vision von einer Evolution der Menschheit, die auf dem ganzen Globus zusammenwächst zu einem komplexen, lebendigen Organismus. Er sprach von der Christifikation der Menschheit.

Unzählige christliche Bewegungen und sektiererische Gruppierungen nehmen immer neu die Idee auf, dass es darum geht, zu einer besonderen, erwählten Gemeinschaft zu gehören, die sich von der übrigen Welt durch wahre Erkenntnis und eine reines Leben abhebt, um schließlich Erbe eines kommenden Reiches zu werden.

Bekannt sind in der Gegenwart zum Beispiel die so genannten Pfingstgemeinden in Afrika und Südamerika, die zahlreiche Menschen anziehen. xtreme derselben Idee zeigen sich in Gruppen, die das nahe Weltende kommen sehen und gemeinsam Suicid begehen oder sich an einem bestimmten Ort versammeln, um von UFO's abgeholt und in ein besseres Reich entführt zu werden. Neben der christlichen Taufe gibt es unzählige andere Initiationsriten, die Vorbedingung für die Aufnahme in eine solche Gemeinschaft sind. Meistens scharen sie sich um einen charismatischen Führer, dem sie sich mit Leib und Seele anvertrauen. Immer wieder bilden sich auch kleine Kolonien von Aussteigern, die fernab von der heutigen Welt ein Gemeinschaftsleben nach dem urchristlichen Vorbild und zum Teil mit umweltfreundlicher Lebensweise versuchen.

In der neueren Literatur sind ordensähnliche Gemeinschaften jeder Art in der Regel mit der Aura des Unheimlichen und Unzeitgemäßen umgeben, und sie werden meistens mit Misstrauen und Befremdung, selten auch mit Bewunderung zur Kenntnis genommen (vgl. Mozarts Oper "Die Zauberflöte" oder z. B. die Amish-People in den USA).

Ein Lebensbezug, der über die Ziele des irdischen Daseins hinausweist, findet ohnehin kein Verständnis, außerdem werden oft die Hierarchien innerhalb einer solchen Gemeinschaft kritisch beurteilt und die daraus folgenden Einschränkungen für die individuelle Entfaltung des Einzelnen. Die Aufdeckung von Missständen innerhalb solcher Gruppen sorgt jeweils für großes Aufsehen (vgl. Umberto Eco, Der Name der Rose).

Interpretation: Hinter der von Misstrauen begleiteten Beurteilung solcher Gemeinschaften verbirgt sich oft auch die unausgesprochene Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einer wirklich idealen Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die in einer Welt der Vereinsamung und Sinnleere Halt und Geborgenheit geben könnte. Der Preis, der dafür zu zahlen wäre – weitgehender Verzicht auf Eigentum und Einschränkung der Freiheit - ist aber den meisten zu hoch.

Dennoch ist diese Idee immer neu virulent, weil der Einzelne nur innerhalb einer tragfähigen Gemeinschaft etwas von den Zielen verwirklichen kann, die über das Private hinausgehen - seien es kulturelle, politische, ökologische oder soziale.

In den Lebensschicksalen vieler Einzelner findet sich daher beides: die mühsame Befreiung aus einer ideologisch befrachteten und ihn in seiner Entfaltung behindernden Gemeinde oder Gruppe und die Suche nach einer Gemeinschaft, die ihm und seinen Zielen entspricht. Dies ist insbesondere für Frauen oft ein schicksalbestimmendes Thema.

Tiefenpsychologisch relevant ist das Potenzial des Einzelnen, auf eine charismatische, priesterliche Persönlichkeit den eigenen inneren Meister, das Selbst zu projizieren. So gewinnt ein schwaches und unsicheres Ich Orientierung im Leben, so entsteht aber auch eine totale Abhängigkeit, die bis zur Selbstentfremdung führen kann.

Das ursprüngliche christliche Angebot, diesen inneren Meister auf Christus als eine nicht mehr irdische, kosmische Gestalt zu projizieren und sich mit anderen zu verbinden, die Vergleichbares erlebt haben, scheint auch heute noch gesünder als vieles, was im Zusammenhang mit Religion als Priester, Meister und Guru daherkommt. Die Sehnsucht, zu verehren und sein Leben einem Ziel zu widmen, das über das Alltägliche hinausgeht, gehört zur psychischen Grundausstattung. Auch wenn sie millionenfach missbraucht und fehlgeleitet worden ist, bleibt dieses Potenzial bestehen. Es ist, als hätte der Mensch nicht die Wahl, ob er religiös ist, sondern nur die Wahl, welcher Religion er sich zuwendet und welcher Glaubensgemeinschaft er sich anschließt.

Seit die Aufklärung mit ihrer Kritik an der Religion und schließlich die Psychoanalyse den Missbrauch der religiösen Sehnsucht aufgedeckt haben, neigt der Mensch der Industriegesellschaft und der Postmoderne dazu, sich als Einzelner und ohne religiöse Bindung durchs Leben zu schlagen, die traditionellen Kirchen sind ihm zudem suspekt geworden.

Zu beachten ist aber, dass jeder Mensch nach den Beobachtungen C. G. Jungs mindestens in der zweiten Lebenshälfte nach religiöser Orientierung sucht. Und wer sich einem inneren Weg verschließt, wird umso leichter versklavt an die banalen äußeren Ziele der Gesellschaft und des Marktes – mit den bekannten Folgen von Sucht, Depression und Sinnverlust. Hier besteht eine unklare Situation, die aus dem uneinheitlichen Menschenbild der Gegenwart rührt.

Die Psychoanalyse wird keinen konkreten Weg weisen können, was sie aber kann, ist, den Einzelnen auf die womöglich richtungslosen, dabei aber starken psychischen Energien hinzuweisen, die nach Ausdruck, Entscheidung und Gestaltung drängen.

Literatur: Standard; Eco, U: Der Name der Rose. München, Hanser 1982; Schmid, G.: Sehnsucht nach Spiritualität. Stuttgart, Kreuz 2002

Teilhard de Chardin, P.: Wissenschaft und Christus. Düsseldorf, Walter 1970

Autor: Wöller, Hildegunde

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