Brot

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Keyword: Brot

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Definition: Das Brot ist eine aus Mehl, Wasser, Salz sowie Sauerteig oder Hefe durch Backen hergestellte Backware, die als Grundnahrungsmittel gilt. Das feste, dunkle Äußere des Brotes heißt Kruste oder Rinde. Das Innere ist die Krume. Brotkrümel heißen auch Brosamen oder Brösel. Die meisten Brotteige können in Form kleinerer Portionen als Brötchen gebacken werden.

Information: Die indogermanische Wurzel des Wortes bedeutet aufwallen und wird in Zusammenhang mit Gären und Brauen seit der Eisenzeit (in Europa etwa ab 700 v. Chr.) verwendet. Mhd. brauda ist eine gegorene Brühe, ahd. prot ist Gegorenes. Brot meint ursprünglich den gesäuerten, d. h. aus verschiedenen Mehlarten und Wasser unter Zusatz von lockerndem Sauerteig oder Hefe bereiteten Teig, später auch das gebackene Endprodukt. Älter als das gesäuerte ist das ungesäuerte Brot, das nur aus Mehl und Wasser bereitet, oft auf Steinen gebacken oder gebraten ist, später in Backpfannen und dann in Öfen. Ungesäuerte Brotfladen oder -kuchen sind vermutlich seit der Jungsteinzeit mit Beginn des Ackerbaus zum Grundnahrungsmittel in all den Ländern der Erde geworden, die Getreide anbauen konnten. Es enthält neben Stärke große Mengen an Eiweiß, Fetten, Vitaminen u. a. Nährstoffen. Gerste, Hafer, Roggen, Mais, Hirse sind früh kultiviert worden, der wesentlich empfindlichere Weizen erst später in größerem Umfang. Brot aus Reismehl ist vermutlich seltener gebacken worden. Vor der Kultivierung wurden bereits Wildgetreide sowie Mehle aus anderen Pflanzen zum Backen von Brot genutzt.

Das ungesäuerte Brot ist ursprünglich als Leip, dann als Laib bezeichnet worden. Der Brotlaib ist das aus dem gesäuerten Teig gebackene Endprodukt. Das aus derselben Wortfamilie stammende englische Wort loaf steckt im altenglischen Wort für Herrin/Frau, das eigentlich Brotkneterin bedeutet und sich in Lady weiterentwickelt hat. Lord ist im englischen abgeleitet aus Hlafward, was Brotschützer oder Brotwart bedeutet, eine Wortgeschichte, die sprachgeschichtlich die Wertschätzung des Brotes und der Brotbereitung deutlich werden lässt. Gesäuertes Brot ist wahrscheinlich zuerst von den Ägyptern genossen worden, die – vermutlich zufällig – die Gärung entdeckt haben. In Ägypten gibt es seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. Belege für verschiedene gesäuerte Brotsorten; vermutlich sind bis zu 40 Brotsorten bekannt gewesen.

In dem Maße, in dem das Müller- und Bäckereihandwerk entstanden und der Einsatz von Maschinen möglich geworden ist, sind das Mahlen von Getreide und das Backen von Männern übernommen worden. Die zunehmende Verstädterung hat seit dem Mittelalter, später durch die Industrialisierung und die dann beginnende Berufstätigkeit der Frau dazu geführt, dass das Brotbacken mehr und mehr vom Bäckerhandwerk übernommen wurde. In Amerika setzten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bestrebungen ein, das Brotbacken zu industrialisieren: Keine Hand sollte das Brot mehr berühren, bevor es beim Verbraucher ankommt. Dennoch wird nach wie vor das meiste Brot zwar unter Verwendung von Knetmaschinen, modernen Öfen und modernen Zusätzen doch letztlich auf eher traditionelle Weise gebacken.

Mehl ist durch ständige verbesserte Mahltechniken im Laufe der Jahrtausende verfeinert worden. Mit zunehmender Industrialisierung und zunehmendem Wohlstand sind hellere Brote und Auszugsmehle immer mehr den dunkleren Brotsorten und Vollkornmehlen vorgezogen worden. Dunkleres und gröberes Brot ist lange Zeit das Brot der Armen gewesen (Pumpernickel), das hellere und feinere Brot das Brot der Reichen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist eine Wende eingetreten, nachdem entdeckt worden ist, dass dem feinen Auszugsmehl wesentliche Nährstoffe und Mineralien fehlen. In Amerika ist beispielsweise das Grahambrot, ein Weizenvollkornbrot, entwickelt worden, und das eher germanisch grobe und nordische Grau- und Roggenbrot ist inzwischen in die Bäckereien und auf die Tafeln der Wohlhabenden zurückgekehrt.

Interpretation: Auf die Bedeutung der Ähre und des Brotes weisen ärchäologische Funde ebenso hin wie die Mythologien der Hochkulturen. Demeter u. a. Muttergöttinnen tragen die Ähre als Zeichen ihrer Fruchtbarkeit und ihrer nährenden Funktion. Brotbacken verweist uns in der Kulturentwicklung in die Phase, in der der Mensch sesshaft wird. Er bindet sich an einen Ort, er verwurzelt sich, er nimmt Besitz von der Erde. Anstatt das zu suchen und von dem zu leben, was die Natur ihm gibt, beginnt er, seine Umgebung nach seinen Bedürfnissen zu gestalten und das selbst herzustellen, was er braucht.

Vermutlich sind schon früh Brote und Brötchen in verschiedensten Formen gebacken worden, um sie dann in kultischem Mahl aufzunehmen. Bekannt ist aus dem Mithraskult (etwa 1000 v. Chr.) das heilige Mahl von Brot und Wasser. Bethlehem, heute im Westjordanland, in der Bibel Geburtsort von König David und von Jesus Christus, bedeutet "Haus des Brotes". Kunstvolles Formen der Brote und Anreichern mit verschiedensten, auch wertvollen Zutaten ist Hinweis darauf, dass das Brot schon früh als Opfergabe und als symbolisches Gebäck verwendet worden ist. Hintergrund der Tradition, für Rituale ungesäuertes Brot zu verwenden, ist möglicherweise, dass die Gärung, im Grunde ein Fäulnis- oder Sterbeprozess, als unrein empfunden worden ist. In einigen Kulturen, u. a. in Rom hat es Tabus für den Umgang mit Sauerteig gegeben. Ungesäuertes Brot wird in der jüdischen Religion als Fastenspeise und für die 12 Schaubrote verwendet – eine Erinnerung an den Auszug aus Ägypten und das gesäuerte ägyptische Brot. Auch die Hostie im Abendmahl ist ungesäuert – in Anlehnung an das letzte Mal Jesu mit ungesäuertem Brot.

Brot, allumfassende und nährende Lebensspeise, ist Nahrungsmittel und Symbol von höchstem Wert, ist Ambrosia, die Götterspeise. Im Alten Testament werden Brot und Wein als symbolische Nahrung verstanden. Adam soll zur Strafe für den Sündenfall sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen (Genesis 3,19), d. h. er muss arbeiten. In größter Not fällt den Israeliten nach dem Auszug aus ägyptischer Gefangenschaft in der Wüste Manna, süßes Brot, vom Himmel. Im Matthäusevangelium sagt Jesus nach 40tägigem Fasten dem ihn in Versuchung führenden Teufel: "Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das hervorgeht aus dem Munde Gottes" (Mt. 4,3f). Brot als Speise für Körper und Seele wird im "Vater unser" erfleht: "Unser täglich Brot gib uns heute" (Mt. 6,11) und im Johannesevangelium bezeichnet sich Jesus als das Brot des Lebens (Joh. 6,35) und als lebendiges Brot, das vom Himmel kommt. Wer es isst, wird leben in Ewigkeit (Joh. 6,51f). Die wunderbare Brotvermehrung ist in diesem Sinne ein Gleichnis für die Vermehrung einer essenziellen, kräftigenden und sättigenden Speise im seelisch-geistig-spirituellen Sinn. Brot essen ist gleichbedeutend mit den Geist in sich aufzunehmen. Seinen kultisch-religiösen Höhepunkt gewinnt das Brot im christlichen Abendmahl, in dem es den Leib Christi oder die Gegenwart Christi und die Kommunion mit ihm darstellt.

Wahrscheinlich tragen verschiedene Faktoren zur hohen Bedeutsamkeit des Brotes bei: seine Nahrhaftigkeit, die Tatsache, dass man es relativ zuverlässig herstellen, dass man Getreide für Notzeiten lagern kann und dass die Bereitung des gesäuerten Brotteiges jedes Mal erneut größter Sorgfalt und auch Übung bedarf. Die Begriffe Brot und Leben sind so eng aneinander gekoppelt, dass sie fast austauschbar sind und das tägliche Brot ist nicht nur die tägliche Minimalmahlzeit und Bild für genügend Nahrung, sondern auch für das tägliche Lebensschicksal. Brot symbolisiert (wie auch der Wein oder das Bier als das oft gleichzeitig genannte symbolische Getränk) sowohl die Abhängigkeit des Menschen von der Natur und dem Geist der Erde wie auch von der eigenen Arbeit und der eigenen Kreativität. Brot und Wein herzustellen sind im wahrsten Sinne alchemistische Prozesse (Alchemie), die des Zusammenspielens von unbewusst-naturhaften und bewusst-kulturhaften Prozessen ebenso bedürfen wie der Lebens- und Individuationsprozess selber.

Brot und Bier oder Wein sind eine Art archaische Ur-Mahlzeit: Brot und zwei Krüge Bier sind z. B. in Ägypten jedem Arbeiter zugeteilt worden. Mit Butter, Fleisch oder Käse angereichert sind sie auch für den modernen Menschen ein Gleichnis für ein ebenso einfaches wie wunderbar kräftigendes und sättigendes Essen. "Und haben wir nicht Herrenfutter, so haben wir doch Brot und schöne frische, reine Butter und Milch, was denn für Not?", dichtet M. Claudius im Abendlied eines Bauersmanns.

Brot und Wasser gilt als Minimalernährung, die in Zeiten der Not einen Menschen am Leben erhalten kann und demjenigen noch zusteht, der gegen die Gesetze der Gemeinschaft verstoßen hat oder im Krieg ein Feind ist. Auch im Alten Testament gibt es nicht nur den Grundsatz Auge um Auge und Zahn um Zahn, sondern die Aufforderung: "Wenn dein Feind hungert, gib ihm Brot zu essen, und wenn ihm dürstet, gib ihm Wasser zu trinken" (Sprüche 25, 21).

Brot und Salz sind eine traditionelle Hochzeitsgabe.

Brot herstellen kann aufgrund des Aufgehens des Teigs mit dem weiblichen Körper, mit Schwangerschaft und beginnendem Leben assoziiert werden, Brot kann ein Symbol für Fruchtbarkeit und Sexualität sein. Auch das Kneten, Walken, das Formen und die Formen des Brotes (rund und länglich) können erotische und sexuelle Assoziationen wecken.

Goethe formuliert: "Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte, Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt Euch nicht, Ihr himmlischen Mächte."

Hat man ein hartes Brot, dann hat man es allgemein schwer. Brotherr oder Brötchengeber ist der Arbeitgeber, der mit der Möglichkeit, Arbeit zu geben, Broterwerb (d.h. zu arbeiten), also die Grundlage zur Existenz, ermöglicht. Manchmal muss man sein Brot sauer verdienen und kleinere Brötchen müssen in Notzeiten gebacken oder der Brotkorb muss höher gehängt werden. Eine brotlose Kunst oder ein brotloses Studium bringen nichts ein, weswegen oft ein Brotberuf erlernt wird, bevor man der Neigung folgt und eine künstlerische Tätigkeit ausübt.

Brot ist Macht und Abhängigkeit: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Brot und Spiele beschwichtigten die Armen in Rom, Brotknappheit führte 1789 zur Revolution in Frankreich. Das Gnadenbrot bekommt – Mensch oder Tier – wenn er vorher brav gedient hat.

Brot, Brotbacken und Brotessen ist in den Fantasien und Träumen der Menschen meist positiv besetzt. Wenn z. B. im Traum etwas mit dem Brot nicht in Ordnung ist, wenn nicht genügend Brot vorhanden ist, das Brot trocken oder hart ist, ist häufig die Oralität gestört, damit die Beziehung zum Mütterlich-Weiblichen, zum natürlich-lebendigen Lebensfluss, das basale körperlich-sinnliche und das basale geistig-seelische Leben. Brot als Grundnahrungsmittel und Lebensbrot nährt und stärkt körperlich, sozial, emotional, geistig und ethisch-moralisch. Es nicht zu haben, bedeutet, das, was wirklich Not tut, entbehren zu müssen. Der Missbrauch oder die Verachtung von Brot als Produkt von Natur und Kultur kann darauf verweisen, dass der Mensch mit sich selber missbrauchend und verachtend umgeht, dass ihm zentrale Werte und Sinn fehlen, dass er nicht weiß, welches Wunder und Geheimnis der Mensch und sein tägliches Brot sind, dass er sich vom Mysterium des Lebens entfernt hat. Dass es dem nahrungsabhängigen Menschen im Laufe der Entwicklung gelungen ist, ein allgemein zugängliches Grundnahrungsmittel zu erzeugen, kann zwar selbstverständlich und einfach erscheinen, aber es ist zugleich wunderbares Ergebnis von Naturfülle und menschlicher Kreativität, Arbeitsfähigkeit und Gesundheit, sozialer und emotionaler Zuverlässigkeit und Stetigkeit des Menschen für sich selbst und für andere.

Den einfachen und kräftigen Geschmack eines Stückes Brotes einmal wieder bewusst und dankbar zu erleben, ein Brot zu empfangen oder selber zu backen, kann den Kontakt zur eigenen Vitalität, zur Lebensenergie herstellen und zum heilenden Mysterium werden.

Eine essgestörte junge Frau träumt über Jahre immer wieder von der Küche in ihrem Elternhaus, die sich in einem chaotischen Zustand befindet: Überall teilweise angegessene Nahrungsmittel. Die Träume sind quälend und beschämend für sie. Sie versteht sie als Aufforderung, endlich in ihrem Ess-Verhalten Ordnung und Struktur zu schaffen, und sie versucht das auf alle erdenklichen Weisen, die ihrem Bewusstsein zugänglich sind. Einen neuen Zugang zu den Träumen, den Konflikten mit ihrem Körper und ihren weit über Oralität und Triebhaftigkeit hinausführenden Bedürfnissen, den ihr schon bekannten Konflikten mit der persönlichen Mutter, mit ihren eigenen weiblich-mütterlichen Aspekten und mit der archetypischen Großen Mutter kann sie nach dem Erscheinen eines neuen Details in einem Küchen-Traum finden. Auf einmal liegt da mitten in der chaotischen Küche auf dem Tisch ein rundes Brot mit einem eingeritzten Kreuz, das sie selbst gebacken hat. Es riecht wunderbar und ist noch warm. Sie nimmt den Duft auf, nimmt dann das Brot in ihre Hände, spürt seine Wärme, empfindet Ehrfurcht und Dankbarkeit. Es ist, so erlebt sie es später, ein Brot-Mandala, das ihr da in Händen liegt, nicht allein wegen seiner Rundheit und dem Kreuz, sondern weil dahinter einfaches, archaisch-natürliches und zentrierendes Tun verborgen liegt, das eine tiefe Freude und einen unmittelbaren und über sich hinaus weisenden Sinn für sie entfaltet.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette

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