Anthropos

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Keyword: Anthropos

Links: Archetyp, Gottesbild, Individuation, Selbst, Urmensch

Definition: Anthropos heißt griechisch "der Mensch".

Information: Der Begriff wird von C. G. Jung für den Archetypus des Göttlichen Menschen verwendet. Er steht in einem gewissen Gegensatz zum Ich, dem Umfang des Bewusstseins des gewöhnlichen Alltagsmenschen. Es ist die Idee des Menschen, wie er geschaffen wurde, unverfälscht durch Erziehung und Kultur, der "reinste Mensch" wie der Alchemist Gerhard Dorn ihn nennt oder der "große Mensch" (homo altus) der Alchemisten. Das Bild dieses ursprünglichen Menschen liegt im Hintergrund eines jeden Individuums, und die Verwirklichung desselben ist das Ziel des Individuationsprozesses.

Interpretation: Der Anthropos bedeutet nicht nur den ursprünglichen Menschen, sondern auch den Schatz des evolutionären Prozesses in uns, den instinktiven Naturmenschen. Er geht über den individuellen Menschen hinaus, weil wir zum einen mit allen Menschen gewisse Merkmale gemeinsam haben (Archetyp) und wir zum anderen in eine Um-Welt eingegliedert und Teil derselben sind. Wir stehen mit ihr in dauernder Beziehung, bestehen aus der gleichen Materie wie sie, unterliegen den gleichen Gesetzen, die im Kosmos herrschen (Korrespondenz von Mikro- und Makrokosmos).

Wir leben in einer "participation mystique" mit der uns umgebenden Welt und haben kein anderes Kriterium für die Wirklichkeit als die von unserer Psyche entworfenen Bilder, Symbole und Vorstellungen. Insofern unsere Psyche uns den Eindruck des Lebendigen vermittelt, erscheint uns auch unsere Umgebung belebt und zwar nicht nur von Lebewesen, sondern von einer Welt-Seele (Anima mundi). Diese lässt uns vor der Größe und der Schönheit der Schöpfung erschauern. Wir erleben diese darum nicht wie ein Physiker als eine abstrakte Weltformel, sondern als einen harmonischen geordneten Organismus. Darin hält eine geheime Ordnung eine ungeheure Vielfalt in einem Ganzen zusammen. In diesem sind die einzelnen Komponenten sinnvoll aufeinander bezogen.

Daraus ergibt sich ein kosmisches Mandala, was heißt, dass die Schöpfung nicht eine Anhäufung von Zufälligkeiten ist, sondern ein im schöpferischen Chaos gleichzeitig geordneter Organismus. Wir wissen nicht, ob wir diese Auffassungen durch den Archetypus des Anthropos vermittelt bekommen oder ob die Welt an sich so ist. Doch das ist eine wissenschaftlich unbeantwortbare Frage. Die Welt an sich und unsere Psyche scheinen jedenfalls in hohem Maße aufeinander abgestimmt zu sein, dass sie einander entsprechen.

Der Archetypus des Anthropos stellt das Selbst in menschlicher Form dar. In der Geschichte der Menschheit spielt er die zentrale Rolle im Zusammenleben der Menschen, sei es der Horde, Sippe oder des Stammes bei Naturvölkern, sei es der Organisation von Staaten oder überstaatlichen Gebilden wie Europäische Union, Völkerbund, United Nations, Vereinigte Staaten.

In dem Maße, als derartige Organisationen nur ein Konstrukt der Vernunft sind, ist ihr Zerfall vorprogrammiert. Der Anthropos ist daher sowohl ein vereinigendes Symbol als auch eine einigende Idee. Ersteres ruht auf instinktiver, letzteres auf geistiger Basis.

Vermutlich sind die ersten Hochkulturen der Menschheit auf diesem Fundament entstanden. Der König oder Pharao ist die Verkörperung dieses Archetypus und darum göttlich. Die Königsattribute von Jesus weisen auch auf seine Anthroposqualität hin. Der Pharao ist die höchste politische, religiöse, juristische und militärische Instanz im Staat. Er ist der Stellvertreter des Götterkönigs auf Erden und damit eine Inkarnation des Gottes in menschlicher Gestalt. Die Pyramiden wurden nicht als Monument zu Ehren des Pharao, sondern zu Ehren des Sonnengottes Re, dessen Abkömmling er ist, errichtet.

Außerhalb der Politik ist der Held wohl die bekannteste und aktuellste Form des Anthropos. Er ist jener Mensch, der den Durchschnitt an Mut, Intelligenz, Kraft oder Ideen übertrifft. Er spielt nicht nur in Märchen und Mythen eine zentrale Rolle, sondern in der Medienlandschaft. Wo wären unsere Medien, wenn sie nicht ihrem Publikum immer wieder neue Helden vorführen könnten? Zwar sind es oft nur Eintags-Helden einer Quizsendung oder eines Sportereignisses. Doch der Mensch hat ein Verlangen nach Heldenfiguren, mit denen er sich identifiziert. Das ist allerdings noch eine primitive konkretistische Stufe, denn der Held in uns ist eigentlich das principium individuationis. Er stellt jenen Instinkt dar, der uns zur Selbstwerdung führen will. Der Ganzwerdungsprozess ist nämlich die moderne Heldentat, die Überwindung des Mutterdrachens (Drachen). Das ist ein stilles Heldentum, dem keine Denkmäler errichtet werden.

Die Königstheologie ist auch dem modernen Menschen nicht so fremd denn der Archetypus des Königs tritt auch in Träumen moderner Menschen auf, die durchaus demokratisch denken. Er spielt nicht nur in der Alchemie eine wichtige Rolle, sondern ist das Symbol der regierenden Bewusstseinshaltung im Individuum. Sie umfasst alle Voraussetzungen, aus denen einer lebt. Im Laufe eines Lebens altert sie und muss sich wandeln.

Wenn es in der Schöpfungsgeschichte der Bibel (Gen 1, 26) heißt, Gott habe den Menschen nach seinem Bilde geschaffen, so bedeutet das symbolisch, dass etwas im Menschen göttliche Qualitäten hat, nämlich der Anthropos. Umgekehrt hat Gott menschliche Qualitäten, sonst wäre er völlig unzugänglich und unerkennbar. Wegen seiner menschlichen Natur hat er die Tendenz zur Inkarnation und zwar nicht bloß im Pharao oder in Christus, sondern in jedem Menschen. Das gibt diesem die übernatürliche Würde. Der Mensch in seiner Kreatürlichkeit ist der Stall der Gottesgeburt. Dadurch eröffnen sich unabsehbare Perspektiven, die wohl auszuloten die Aufgabe des neuen Jahrtausend sein wird.

Der "Große Mensch" (homo altus) übersteigt die Möglichkeiten des natürlichen Menschen in beträchtlichem Umfang. Er fühlt sich als Mikrokosmos in ständigem Kontakt mit dem Makrokosmos, was sich in synchronistischen Ereignissen kundtut. Je näher ein Mensch dem Selbst ist, um so häufiger treten synchronistische Erscheinungen auf, was sich sowohl beim Geisteskranken wie beim Alten Weisen (Weise, alte, Weiser, alter) ereignen kann. Synchronizitäten sind Ausdruck des unus mundus, der Einheitswirklichkeit, der Einheit von Makro- und Mikrokosmos, von Außen-und Innenwelt. Sie rufen uns immer wieder in Erinnerung, dass wir Teil eines geordneten Ganzen sind, dessen Teile miteinander in Beziehung stehen.

Literatur: Standard, Ribi (2002)

Autor: Ribi, Alfred

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