Trinken

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Keyword: Trinken

Links: Alkohol, Bier, Eros-Prinzip, Essen, Kaffee, Nahrung, Oralität, Rausch, Sehnsucht, Sucht, Tee, Wasser, Wein

Definition: Durch Trinken (mhd. trinken, ahd. trinkan, eigentlich „einen Zug tun“) wird Flüssigkeit durch den Mund aufgenommen, um den Flüssigkeitsspiegel des Körpers zu regulieren.

Information: Durst als das Bedürfnis zu trinken weist demnach auf einen Mangelzustand hin, der durch das Trinken wieder ausgeglichen wird. Übermäßiger Durst kann Hinweis auf eine Erkrankung, z. B. Diabetis sein. Nichts zu trinken zu haben führt rasch zur Austrocknung und innerhalb weniger Tage zum Tod durch Verdursten.

Basales Getränk ist Wasser, gängige Genuss-Getränke sind Kaffee und Tee, Limonaden unterschiedlichster Art, auch Milch und Milchgetränke sowie leichtere alkoholische Getränke wie Wein und Bier. Um den Genuss zu optimieren, kommen bei der Herstellung vieler Getränke besondere Sorgfalt und Know-how zur Anwendung. Eine wichtige Rolle spielen das Zubereiten und Servieren beim Mixen von Getränken, beim Tee- und Kaffeekochen, auch die Degustation von Weinen nimmt eine besondere Stellung ein. Die Getränke werden in einem eigens für sie erschaffenen Trinkgefäßen dargeboten.

Unterschiedliche Trinkkulturen dienen der Genussoptimierung, der Verstärkung und Erhaltung der sozialen Gemeinschaft und dem religiösen Erleben. Sozial verstärkenden Charakter hat die Trinkkultur, indem sie in den Dienst der Pflege der Sozialbeziehungen der gemeinsam Trinkenden gestellt wird. Eine Form davon ist das Zuprosten und gleichzeitige Trinken in der Gruppe auf das gegenseitige Wohl. Auf diese Weise kann auch ein Druck entstehen, beispielsweise Alkohol konsumieren zu müssen.

Ein Trinker ist jemand, der gewohnheitsmäßig alkoholische Getränke in zu großer Menge zu sich nimmt und alkoholabhängig ist.

Interpretation: Wir trinken, wenn wir Durst, d.h. Mangel an etwas haben, wenn uns nach etwas dürstet, auch im übertragenen Sinn. Dass Trinken ebenso wie Essen einerseits archaische Bedürfnisbefriedigung und Lebenserhaltung ist, zugleich tiefe psychische Wirkung auf uns hat, wissen wir Menschen schon lange. Deswegen haben sich Ess- und Trinkkulturen und -rituale entwickelt, in denen wir unsere tieferen sozialen Bedürfnisse z. B. nach Gemeinsamkeit und Verbindung stillen können. Selbst wenn wir nur einen kurzen Besuch machen, bieten wir uns gegenseitig etwas zum Trinken an. Wir gehen abends noch kurz "einen Trinken", d.h. wir treffen uns zu einem entspannenden Gespräch z. B. in einer Kneipe. Wenn wir feiern, heben wir das Glas auf uns oder andere, prosten uns zu, singen Trinklieder.

Wir wissen um die symbolische Bedeutung vieler Nahrungsmittel und Getränke. Wasser und andere Getränke sind für uns immer auch das Lebenswasser bzw. das Wasser des Lebens. Wenn uns Libido, Sinn und Perspektive fehlen, wenn wir an etwas Mangel haben, kranken, schwach und alt geworden sind, dann brauchen wir einen Schluck vom Wasser des Lebens (vgl. z. B. das Grimmsche Märchen vom Wasser des Lebens).

Eine besondere Bedeutung innerhalb der Trinkkulturen hat die japanische Teezeremonie (auch Teeweg) Sado, die nicht primär ein geselliges Zusammensein beabsichtigt, sondern Ausdruck einer besonders achtsamen, ganz auf den gegenwärtigen Augenblick eingestellten meditativen Einstellung ist.

Wenn Tiere trinken, so spricht man auch heute noch von saufen, so wie Tiere auch fressen, nicht essen. Wenn Menschen fressen und saufen, dann sind sie ganz reduziert auf die Erfüllung des Triebs, sind Tieren vergleichbar. Parallel dazu werden auch Alkoholiker umgangssprachlich als Säufer bezeichnet.

In den meisten Religionen ist die Einnahme von Getränken mit bestimmten Ritualen verbunden, vgl. z.B. das christliche Abendmahl. Eine "göttliche" Flüssigkeit zu trinken, wie z. B. Wein, Soma, Nektar, Wasser, Milch usw., bedeutet eine Veränderung des Bewusstseins in Richtung Spiritualität und die Vereinigung mit dem höheren "göttlichen" Leben, der Energie und Kraft. Alkoholismus bzw. die "Trunksucht" kann unter dieser Perspektive verstanden werden als Ausdruck einer ungestillten Sehnsucht nach dem Spirituellen. Spiritus contra Spiritum" lautet die Formel, die C. G. Jung dafür prägte. Diese Sicht führte zur Gründung der Anonymen Alkoholiker durch einen ehemaligen alkoholkranken Patienten Jungs, der auch nach der Therapie bei Jung seinen Alkoholismus nicht aufgeben konnte. Der brieflich geäußerte Hinweis Jungs gegenüber dem Patienten auf die spirituellen Aspekte seiner Sucht setzte die Initialzündung für die Entwicklung des 12-Schritte-Programms der Anonymen Alkoholiker.

In seiner mehr profanen symbolischen Bedeutung hängt das Trinken oft mit (psychoanalytisch so bezeichneten) "oralen" Bedürfnissen des Sich-Ein-Verleibens, des Aufnehmens von Entbehrtem, des Auffüllens von Defiziten (Anerkennung, Liebe, Nähe, Zugehörigkeit, Regression, Entspannung, Symbiose, Verschmelzung etc.) zusammen. Das Trinken kann so Ersatzcharakter für die vermissten frühlindlichen und zwischenmenschlichen Erfahrungen bekommen. Ein Trinker, so kann man sagen, hängt an der Flasche, damit an der (mit vergifteter Hexenmilch) stillenden Mutterbrust. D.h., dass er sich nicht aus der Sphäre der Großen Mutter lösen kann, die dadurch für sein individuelles Leben zur Todesmutter wird.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette

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