Mahl

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Keyword: Mahl

Links: Abendmahl, Brot, Essen, Nahrung

Definition: Das Mahl, die Mahlzeit - im Mittelhochdeutschen bedeutet mal das zu einer festen Zeit aufgetragene Essen - kann sowohl das Essen (vgl. opulentes, kärgliches Mahl) wie auch das Einnehmen des Essens zu einem bestimmten Zeitpunkt oder einer bestimmten Gelegenheit bedeuten (Abendmahl, Festmahl, gemeinsame Mahlzeit). Im sozialen Leben der Germanen ist auch die Gerichtsversammlung als Mahl oder als Ding bezeichnet worden.

Information: Rituelle Mahlzeiten sind in der abendländischen Kultur u. a. das jüdische Passahmahl und das christliche Abendmahl. Die bildende Kunst des Mittelalters stellt sowohl das Abendmahl wie auch das Festmahl der Hochzeit zu Kanaa dar, in der niederländischen Malerei hat u. a. Peter Bruegel d. Ä. das weltliche Gastmahl dargestellt und dabei die symbolischen Elemente eines Gastmahls heraus gearbeitet.

Während Leonarda da Vincis berühmtes Abendmalgemälde an einem rechteckigen Tisch mit Jesus im Zentrum stattfindet, nehmen die 12 Ritter der berühmten Tafelrunde des König Artus an einem runden Tisch Platz. Mit einem solchen runden Tisch können Rangabstufungen beim Gastmahl vermieden werden. Deshalb werden runde Tische bei Verhandlungen und Arbeitsessen bevorzugt benutzt. Die nach dem Vorbild der letzten Mahlzeit Jesu mit seinen Jüngern gebildete königliche Tafelrunde von Artus verkörpert die höfischen Tugendideale, die mit den christlichen Idealen zusammen zu sehen sind.

Der Begriff Mahl kann als veraltet empfunden werden, so wie auch das alte genussbetonende Wort Schmaus (Hochzeitsschmaus, Leichenschmaus. Auch das gesellige, fröhliche Gastmahl als das Zelebrieren, das feierliche Darbieten, Preisen und Feiern des Essens wird heute so nicht mehr benannt. Essen und Ess-Kultur haben in Zeiten des materiellen Wohlstandes, der Industrialisierung, der Rationalisierung und Globalisierung, des Fastfood und Fertiggerichts zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der reichen Welt der Industriestaaten zwar einen anderen Stellenwert als das in historischen Zeiten und in den Ländern der 3. Welt ist, aber eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, ist mehr als Nahrung aufzunehmen und Hunger zu stillen, mehr als eine Beute gemeinsam aufzufressen, als Früchte im Wald zu pflücken und zu essen oder einen Hamburger im Vorbeigehen zu kaufen und zu verschlingen. Erste Hinweise auf gemeinsam eingenommene Mahlzeiten am Feuer gibt es schon bei asiatischen Frühmenschen, die lange vor den Neandertalern gelebt haben. Nicht mehr, das scheint eine wesentliche Errungenschaft des "Mahls", wie in der Tierhorde streiten sich die Menschen um die Mahlzeit, sondern sie teilen sie.

Interpretation: Entsprechend der realen, metaphorischen und symbolischen Bedeutung des Essens und der Nahrung ruft auch Mahl bzw. Mahlzeit vielfältige persönliche Assoziationen hervor.

Bis heute hat das Mahl bzw. die Mahlzeit sich ein gewisses Ritual erhalten, gleichgültig ob es sich um ein offizielles Bankett, ein gemeinsames Grillen im Garten oder das morgendliche Frühstück handelt. Mahlzeiten strukturieren den Tag und sind auch in ihrem Ablauf Ausdruck von Struktur und Ordnung. Essen, was ein anderer gekocht hat oder wie man in anderen Kulturen isst, heißt, den Menschen und seine Kultur aufzunehmen und kennen zu lernen. Von jemandem in dessen Haus zu einer Mahlzeit eingeladen sein, heißt auch, in dessen Leben hineingenommen zu werden.

Zur Mahlzeit gehören als jeweils kulturell unterschiedlich betonte und gestaltete Elemente: Nahrungsbeschaffung und -bereitung; fester Zeitpunkt und Pünktlichkeit; vorbereiteter und gestalteter Essplatz; geregelte Sitzordnung, geregelte Speisenabfolge, Beginn der Mahlzeit mit Gebet oder kurzer Formel, etwa "Guten Appetit" etc.; außerdem Muse und Geselligkeit. Wenn diese Elemente fehlen, fehlt die Kultur oder ist sie verwildert. Zur Gastfreundschaft zum Fest und zur Feier - von Einzelnen bis zur Völkergemeinschaft - gehört das Gastmahl, sei es als Staatsempfang, Stehempfang, als kleiner Happen, Festbankett oder als fröhliches Gelage. Feiern ohne gemeinsames Essen ist kaum denkbar.

Alle wichtigen Lebenssituationen von Geburt bis Tod werden seit alters mit Mahlzeiten begleitet, seit Jahrtausenden sollen die Götter mit Opfermahlen gnädig gestimmt werden, lässt man mit gemeinsamen, mehr oder weniger ritualisierten oder zelebrierten Mahlzeiten andere am eigenen Leben, an Glück und Unglück teilhaben. Da wo Essen abseits der Gemeinschaft herunter geschlungen wird, ist häufig eine bedrängende Notlage oder eine entwürdigenden Situation entstanden.

Sogar einem zum Tode Verurteilten wird noch eine letzte Mahlzeit, die Henkersmahlzeit, zugestanden. Scherzhaft oder auch tatsächlich wird auch bei Mahlzeiten vor besonderen Ereignissen mit ungewissem Ausgang von Henkersmahlzeit gesprochen. Kranke oder alte Menschen nicht mehr mit an den Familienmahlzeiten teilnehmen zu lassen, stellt eine entwürdigende Situation dar, wie das Grimmsche Märchen vom alten Großvater und seinem Enkel veranschaulicht. Ein Kind vom Tisch weg zu schicken, weil es sich nicht adäquat verhalten hat, ist eine gravierende Maßnahme, die beschämt und einsam macht. Nicht zur gemeinsamen Mahlzeit zu erscheinen ist Zeichen von Kränkung und von Trotz und Verweigerung.

Die Bedeutung der Mahlzeit als gemeinsame und gesellige Zeit an einem gestalteten Ort spiegelt sich auch in der Bedeutung des Ess-Tisches, der für viele Menschen Symbol für Gemeinsamkeit und Geselligkeit ist und darin, dass in vielen sprachlichen Wendungen Tisch und Mahlzeit sich ersetzen können: man bittet zu Tisch, wenn man zum Essen bittet, man ruht nach Tisch, also nach dem Essen bzw. nach der Mahlzeit.

Eine gemeinsame Mahlzeit am Tag gilt auch in modernen Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, noch als Minimum von Familienleben. Die meisten Mütter streben an, mit ihren Kindern nach der Schule gemeinsam zu Mittag zu essen oder den Kindern eine Mahlzeit im Kreise von anderen Kindern und Erwachsenen, in einem Hort, bei den Großeltern oder bei der Tagesmutter zu ermöglichen. Väter kommen so zeitig aus der Berufswelt zurück, dass sie noch mit der Familie die Abendmahlzeit einnehmen können. Um das sonntägliche Frühstück gibt es massive Konflikte mit Pubertierenden, die ihren Lebensrhythmus selber bestimmen wollen.

Die Mahlzeit anderer zu stören wird als Provokation und Aggression empfunden: "Kann man hier noch nicht mal in Ruhe essen”, erklingt als Stoßseufzer. Wenn die Störung so gravierend ist, dass das Essen unterbrochen werden muss, kann man ironisch "na, Prost Mahlzeit" sagen. Mit "Prost Mahlzeit" kann man auch auf andere Missgeschicke reagieren. Wenn man jemandem beim Essen stört, entschuldigt man sich, und zu bestimmten Zeiten, die allgemein als Essenszeit gelten, besucht man andere nicht, wenn man nicht eingeladen ist, diese Zeiten sind "heilig".

Eine warme Mahlzeit am Tag ist vielen Menschen wichtig, auch wenn sie nicht mehr selbst gekocht, sondern nur in der Mikrowelle aufgewärmt ist. Zwar ist sie ernährungsphysiologisch nicht unbedingt notwendig, aber sie ist Ausdruck von psychischer Wärme und Geborgenheit durch die sorgfältige Zubereitung des Essens und des geselligen sich Versammelns am Esstisch. In ihr ist das Kochen als mysteriöse Wandlung durch Feuer und Hitze erhalten geblieben. Verkürzte Formen der Mahlzeit sind das "miteinander etwas trinken gehen", "auf ein Glas vorbeikommen” oder auch die Tasse Kaffee oder die gemeinsame Zigarette mit einem Kollegen in der Teeküche. Bei Pubertierenden wird das gemeinsame Essen, Rauchen, Trinken und Drogen konsumieren oft eine Art modernes Gelage oder Orgie.

Jemanden zur Mahlzeit an den eigenen Tisch zu bitten, kann zu einer ganz besonderen Ehre werden, wenn es sich um einen mächtigen oder Reichen handelt, der einlädt. Was geschieht, wenn jemand, aus welchen Gründen auch immer, bei einer solchen Einladung nicht berücksichtigt wird, zeigt das Märchen Dornröschen: Weil ein Gedeck fehlt, wird die 13. Fee nicht eingeladen und wandelt sich durch diese Kränkung zur bösen Zauberin. Heutige Könige, Politiker und Mächtige lassen ihre Protokollchefs darauf achten, dass solche Kränkungen möglichst unterbleiben. Auf Kreuzfahrt bei einer Mahlzeit am Kapitänstisch zu sitzen, erscheint vielen als Privileg. Das "Komm, setz dich zu uns" in der Kantine kann eine äußerst positive Wirkung haben; einen Kollegen, mit seinem Essen auf dem Tablett alleine und nach einem Platz suchend, nicht an den leeren Platz am eigenen Tisch zu bitten, ist eine soziale Botschaft.

Nicht wenige Beziehungskonflikte zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern entzünden sich an den Regeln und Ordnungen der Mahlzeiten, denn trotz aller Regeln und trotz der geselligen Bedürfnisse geht es bei den Mahlzeiten auch um Triebbefriedigung. Die Frage, wer das kleinste oder letzte Stück Fleisch, die Mitte der Torte, das durchgebrochene Stück Kuchen bekommt, berührt narzisstische und orale Konflikte und kann pathogene Interaktionsstrukturen in einer Familie aufzeigen. Die Atmosphäre bei den Mahlzeiten lässt die Familiendynamik spürbar werden. Konflikte machen das gemeinsame Einnehmen einer Mahlzeit schwierig oder manchmal unmöglich, der Bissen bleibt einem im Hals stecken. Und wenn man es geschafft hat, Konfliktparteien an einen Tisch zu bekommen, dann müssen erst Konflikte geklärt werden, bevor miteinander gegessen wird.

Ein angepasst und freundlich wirkender Jugendlicher, der mit seiner Mutter alleine lebte, und der sich in einer konflikthaften und schuldbetonten Bindung mit ihr festgehalten empfand, wurde bei den gemeinsamen Mahlzeiten mit ihr von ihn sehr ängstigenden und beunruhigenden Fantasien heimgesucht. Atem und Kaugeräusche der ihm gegenüber sitzenden Mutter ließen ihn immer und immer wieder fantasieren, er möchte ihr den Hals umdrehen oder den Kopf abschlagen. Als er einmal in einem teuren Restaurant mit ihr aß und der Ober das Essen auftrug und die Deckel von den Schüsseln nahm, stellte er sich vor, der Kopf der Mutter läge darunter. Er konnte schließlich seine Fantasien und Affekte gegenüber der Mutter bei den gemeinsamen Mahlzeiten kaum noch kontrollieren. Er wollte die Mutter nicht kränken und verletzen, für sie waren die Mahlzeiten "Glücksmomente" und "Symbol für das Zusammengehören", hatte sie ihm immer wieder gesagt, und er wollte auch selber nicht alleine essen. Zugleich konnte er aber die Nähe während der Mahlzeiten nicht aushalten. Für Sohn und Mutter wurde in der therapeutischen Arbeit die Auseinandersetzung mit ihren Fantasien und Wünschen, ihren vielen angenehmen und unangenehmen Erinnerungen, die die Mahlzeiten umkreisten und belasteten, zugleich auch zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Beziehung, mit der Familiengeschichte und mit den Veränderungen in der Familie durch das Heranwachsen des Sohnes.

Angst, Not und Erstarrung einer Störung des Essverhaltens, der Fähigkeit, bezogen, genießend und mit Nutzen Nahrung zu sich zunehmen, spiegeln sich auch darin, dass Essgestörte gemeinsames Essen und Feiern mit anderen Menschen meiden oder dass gemeinsame Mahlzeiten zum Schrecken werden.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette

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