Fegefeuer

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Keyword: Fegefeuer

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Definition: Das Fegefeuer (kirchenlat. ignis purgatorius = reinigendes Feuer) ist ein Ort der Läuterung, in dem die Verstorbenen ihre verzeihbaren Sünden abbüßen, bevor sie endlich in das Reich Gottes eingehen dürfen.

Information: Der archaisch-mythische Glaube an ein Purgatorium, ein jenseitiges Fegefeuer existiert in vielen alten Kulturen. Bisweilen züngelt dieses schon ins diesseitige Leben herein: So beschreibt etwa Katharina von Genua (1447-1510) den mystischen Prozess der Gottesfindung mit dem Bild des läuternden Feuers (ignis purgatorius). Ähnlich schildert auch Johannes Tauler von Straßburg (1300-1361) die Erfahrungen des Mystikers. Wie sein theologischer Jugendfreund Andreas Karlstadt (1480-1541), so vergleicht auch Luther (1483-1546) die Anfechtungen im Glauben mit dem Aufenthalt im Purgatorium, wo Unreifes und Eigensüchtiges geläutert werde.

Schon Augustinus (354-430) beschreibt die Erfahrungen des Lebens, die uns reifen lassen, mit dem Bild eines reinigenden Feuers. Gefragt, ob dieses Feuer nach dem Tode im Jenseits weiterhin brenne, meint er: "Incredibile non est": "Möglich!"

Clemens von Alexandrien (gest. vor 215) glaubt, das Feuer, welches die Seelen der Verstorbenen in der Zeit zwischen dem Tod und dem Jüngsten Tag heimsuche, sei entweder ein läuterndes oder ein peinigendes Feuer; Verstockte bestrafe es, Lernwillige aber erleuchte es.

Origenes (185-254) vertritt die Ansicht, das Fegefeuer werde zuletzt alle reinigen, sogar den Teufel. Apokatástasis Pantõn (Wiederherstellung Aller)! Doch das geht der Kirche zu weit: Der sonst hoch geschätzte Theologe wird in diesem Punkt als Irrlehrer verketzert.

Votivmessen für Seelen im Fegefeuer sind seit dem 4. Jahrhundert beliebt; Ambrosius (339-397), Bischof von Mailand, und Papst Gregor der Grosse (Papst 590-604) tragen maßgeblich zu deren Popularisierung bei. Den liturgischen Höhepunkt dieser Entwicklung bildet die Einführung des Allerseelentages (2. November) durch Abt Odilo von Cluny anfangs des 11. Jahrhunderts. Die wirtschaftliche Blüte dieses mächtigen Benediktinerklosters beruht weitgehend auf Schenkungen, mit denen Votivmessen zur Verkürzung von Fegefeuerstrafen erkauft wurden.

Berühmt ist die Schilderung des Fegefeuers von Dante Alighieri in der Divina Commedia (1302-1321). Il Purgatorio bildet den Mittelteil. Für Dante ist das Fegefeuer ein Berg aus sieben kreisrunden, über einander liegenden Schichten. Die Seele, die zum Gipfel aufsteigt, wird auf ihrem Weg gereinigt. Im archaisch-mythischen Weltbild gilt das Fegefeuer natürlich nicht als Symbol, sondern als echte Realität. Es wird konkretistisch aufgefasst und kann daher auch lokalisiert werden: Weltkarten mittelalterlicher Geographen zeigen, wo es liegt: beim Ätna oder in Jerusalem. Das christliche Lehrgebäude des Fegefeuers wird im Hoch- und Spätmittelalter (12. -15. Jh.) endgültig ausgebaut. Die für die kathatolische Kirche heute noch verbindliche Definition des Fegefeuers erfolgt im Konzil von Trient; sie ist im Decretum de Purgatorio vom 3. 12. 1563 fixiert. Danach ist ein Messopfer für Seelen im Fegefeuer wirksam; es läutert und verkürzt deren Aufenthalt im Fegefeuer.

Auch hinduistische Upanischaden erzählen von einem Feuer, worin die Toten geprüft werden. Die jüdischen Vorstellungen von einem Fegefeuer sind vom altiranischen Glauben an ein sündenfressendes Feuer im Jenseits beeinflusst. Schon vor der Zeitenwende entwickelt sich im Judentum die Vorstellung vom Fegefeuer im Gehinnom; mit rabbinischem Scharfsinn wird die jeweilige Sühnezeit im Fegefeuer genau errechnet.

Interpretation: Die Tiefenpsychologie erkennt im Fegefeuer ein Symbol für den Bewusstwerdungsprozess. Der Weg zu mehr Bewusstheit, Reife und geistiger Flexibilität ist mit Schmerzen verbunden; er heizt ein und bringt einen zum Schwitzen! Das Leben mit seinen Irrungen, Wirrungen und Leiden selbst ist das große Purgatorio, läuternd für Lernfähige, vernichtend für Verstockte (Clemens v. A.).

"Der richtige Weg zur Ganzheit aber besteht - leider - aus schicksalsmäßigen Um- und Irrwegen. Es ist eine "longissima via", nicht eine gerade, sondern eine gegensatzverbindende Schlangenlinie, an den wegeweisenden Caduceus erinnernd, ein Pfad, dessen labyrinthische Verschlungenheit des Schreckens nicht entbehrt. Auf diesem Wege kommen jene Erfahrungen zustande, die man als "schwer zugänglich" zu bezeichnen beliebt. Ihre Unzugänglichkeit beruht darauf, dass sie kostspielig sind: sie fordern das, was man am meisten fürchtet, nämlich die Ganzheit, die man zwar beständig im Munde führt, und mit der sich endlos theoretisieren lässt, die man aber in der Wirklichkeit des Lebens im größten Bogen umgeht." (Jung, GW 12, § 6).

Literatur: Standard, Kaufmann (1994)

Autor: Kaufmann, Rolf

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