Ekel

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Keyword: Ekel

Links: Abwehr, Affekt, Angst, Emotion

Definition: Der Begriff Ekel beschreibt die Empfindung einer starken Abneigung nicht nur gegen Dinge wie Nahrung, Exkremente und verwesendes organisches Material, sondern auch gegen Personen und Verhaltensweisen.

Information: Ekel kann sich psychisch in Form von Ohnmachtsgefühlen, Angst und Panik sowie in starken körperlichen Reaktionen wie Übelkeit und Erbrechen äußern. Wie die Angst hat der Ekel aus anthropologischer Sicht zunächst eine Schutzfunktion. Ekel schützt instinkthaft vor Kontamination mit Giften und der Infektion mit Erregern, insbesondere vor dem Verzehr verdorbener giftiger Speisen, vor dem Kontakt mit gefährlichen Tieren und der Kontamination mit vermeintlichen Leichengiften.

Neben dem Ekel gibt es noch das Ekel. Das Ekel ist nicht so sehr ein Subjekt, vor dem man sich ekelt, sondern vielmehr ein Mensch, der andere mit verabscheuungswürdigen Verhaltensweisen im Sinne von Gemeinheiten vergrault oder wegekelt.

Interpretation: In einer zunehmend aseptischer werdenden Zivilisation hat sich der Ekel - analog zu den Angststörungen - verselbstständigt. Hier kann er ganz viele verschiedene Attribute in sich vereinigen: neben Abneigung, Furcht und Scham auch Verlangen und Lust. Beim Ekel des modernen Menschen geht es sowohl um eine Furcht vor als auch um eine Sehnsucht nach der Befriedigung archaischer Impulse, also letztlich um das Ringen mit der instinkthaften Natur des Menschen. Insofern kann Ekel auch als ein modernes Symbol für die Entfremdung des Menschen vor sich selbst und der von ihm erschaffenen Kultur verstanden werden.

Symbolträchtig ist aber nicht so sehr der Ekel selbst, als vielmehr sein Objekt. Insofern können unnatürliche Ekelempfindungen nicht nur lerntheoretisch als Folge von Erziehung und Erfahrung sondern auch als Symbolisierung intrapsychischer Konflikte gedeutet werden.

Beim Ekel geht es häufig um die Konfrontation mit dem Themenkomplex Krankheit, Verwesung und Tod. Wir ekeln uns vor schlecht gewordenen Nahrungsmitteln, vor offenen Wunden, vor unhygienischen Umständen, in denen Bakterien die Überhand gewinnen, vor allem aber auch vor den Toten selbst. In dieser Sequenz wird deutlich, dass es beim Ekel letztlich auch um die Angst vor dem Sterben geht, insbesondere um die Verwesungsprozesse, die den Menschen sein Leben lang bis in den Tod begleiten.

Andererseits fühlt sich der Mensch vom Ekligen – z. B. in der Medizin oder in Horrorfilmen - nicht selten wie magisch angezogen. Die Überwindung des Ekels kann dann - ähnlich wie das Überschreiten von Angst- und Schamgrenzen – auch ein befreiendes Moment bergen. Dieser Effekt wird nicht selten in den Initiationsriten von Jugendbünden ausgenutzt und findet zunehmend auch in den Massenmedien als Ersatz für archaische Rituale Anklang. Mutproben, in denen es um die lustvolle Überwindung von Ekel geht, fungieren in diesem Sinne letztlich als Siege der Vitalität über die Herrschaft der Vergänglichkeit.

Psychoanalytisch gesehen kann der Ekel also, mehr noch als die Angst, ein hochambivalentes Verhältnis zu einer Sache oder einer Person anzeigen: So kann das, wovor wir uns am meisten ekeln, auch das konkrete oder symbolische Ziel unserer intimsten Wünsche sein. Im Sinne einer solchen "Affektverkehrung" erklärte Freud Ekel als Resultat der Verdrängung archaischer vor allem oraler und analer Triebregungen aufgrund einer übermäßigen Erziehung zu Ordnung und Reinlichkeit (was erläutert, warum Ekelreaktionen stark kulturabhängig sind).

Ferenczi (1924) erklärte die Assoziation des Ekelgefühls mit der Ausdrucksbewegung des Spuckens und Erbrechens damit, dass letztere bereits als "Reaktionsbildungen gegen Koprophagie aufzufassen" seien. Analog führt der Konflikt des Zwangskranken mit Putz- oder Waschzwang eben auch dazu, dass er sich mit dem was ihn ekelt, immerzu beschäftigt. Ebenso wie der Zwang die letzte Bastion gegenüber einer Psychose formiert, dient der übermäßige Ekel und die mit ihm verknüpften unwillkürlichen Reaktionen aus psychoanalytischer Sicht auch dem Schutz eines fragilen Ich vor psychotischer Dekompensation und restituiert die Grenzen zwischen Ich und Außenwelt.

Wie der Rückzug aus einer scheinbar beängstigenden Außenwelt in eine noch ungleich beängstigendere Innenwelt zur letzten Konsequenz von Ekel werden kann, illustrieren Sartres Roman "Der Ekel" (1982) und Polanskis Film "Ekel". Sartres Roman handelt von einem jungen Mann, der mit seinem Menschsein und den Existenzen seiner Umgebung zerfallen ist. Er empfindet ein mit Entsetzen behaftetes Seinsgefühl, welches sich in einem permanentem Ekelgefühl ausdrückt. Seine Rückzugsbewegungen führen zu einem Drama, das sich ausschließlich in ihm selbst abspielt.

Ähnlich geht es Polanskis Filmprotagonistin. Die Mitarbeiterin eines Schönheitssalons zieht sich immer mehr in ihre urbane Wohnung zurück, um dem Ekel gegenüber anderen Menschen zu entgehen. In der Isolation aber wird sie schließlich immer mehr von Wahnvorstellungen und Halluzinationen heimgesucht, die sie schließlich dazu veranlassen, die einzigen Menschen, die ihr noch eine Hand entgegenstrecken, umzubringen. Weil Vergänglichkeit und Leben für sie unvereinbar miteinander sind, bietet nur der Tod selbst eine Lösung.

Ekel bedeutet hier, den Tod im Leben nicht akzeptieren zu können. Insofern verlangt die Auseinandersetzung mit Ekel dem Menschen einen Umgang mit Vergänglichkeit und Endlichkeit im Leben ab.

Literatur: Standard, Kluitmann, 1999

Autor: te Wildt, Bert T. / Schlimme, Jann E.

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