Armut

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Keyword: Armut

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Definition: Etymol. aus germanisch "arma" vereinsamt, unglücklich (im Gegensatz zu heil). Morphologisch vergleichbar ist vielleicht altindisch "arma" -"Ruinenstätte im Gegensatz zum intakten Dorf.

Information: Armsein und Armut kennzeichnet einerseits die wirtschaftliche Lebenssituation Einzelner oder auch ganzer Bevölkerungsgruppen und Völker, die bestimmt ist von einem umfassenden Mangel an materiellen Gütern, sodass die zentralen Grundbedürfnisse (u. a. Ernährung, Kleidung, Wohnung) nicht oder nicht ausreichend befriedigt werden können. Armut kann andererseits auch als Ausdruck eines umfassenden psychischen inneren Mangelgefühls verstanden werden, das mit Einsamkeit, Nichterfüllung und dem Fehlen von Glück in Verbindung gebracht wird und das dann entsteht, wenn zentrale menschliche Beziehungen sich nicht tragfähig erweisen oder frühkindliche vitale Bedürfnisse an Zuwendung und Geborgenheit nicht im ausreichenden Maße von den Eltern beantwortet werden.

Interpretation: In Traumbildern über Armut kommen Bilder der Leere vor, des Mangels und der Not: Teller ohne Speisen, Gefäße ohne Getränke, Felder oder Gärten, die vertrocknen, Hunger und Durst, die nicht gestillt werden, Brunnen geben kein Wasser, Haustiere sind in ihren Ställen nicht ausreichend versorgt, man ist nicht warm genug bekleidet, muss barfuß gehen, trotz Schnee und Kälte oder findet statt einem gemütlichen Bett nur eine kärgliche Bettstatt vor.

Das Gefühl innerer, seelischer Armut kann als Folge von emotionalem und oralem Mangel, als Urbeziehungsstörung, in der frühen Mutter- Kind- Beziehung entstehen, aber auch in Zusammenhang mit Krankheit des Säuglings oder körperlichen Beschwerden. Bis ins 20. Jh. bedeutete für Kinder der Tod der Eltern, Verlassenwerden oder Aussetzung große Not, Armut und auch gelegentlich selbst den Tod. Diese umfassende Armut ist auch kennzeichnend für die Ausgangssituation im Heldenmotiv. Die frühe Kindheit des Helden wird in Mythen und Märchen oft als besonders belastet und gefährdet dargestellt: Das vom Schicksal ausersehene Kind hat durch eine lange Periode der Finsternis hindurchzugehen, eine Zeit äußerster Gefahr, Behinderung oder Missachtung.

Bei Menschen im Alter steht Armut oft mit Einsamkeit in enger Verbindung. In Armut leben wurde auch oft mit "im Elend leben" bezeichnet, was eine extreme Notlage kennzeichnet, die oft in Verbindung mit Krankheit, Siechtum und frühem Tod stand. In verschiedenen Religionen (u. a. Buddhismus, im frühen Christentum Strömungen wie Waldenser, Franziskaner) gab es eine religiös motivierte, freiwillige Armut, die z. Tl. als Versuch angesehen werden konnte, asketisch die von den eigentlichen Heilszielen ablenkenden Formen des Lebens- und Daseinsgenusses zu überwinden und das Heil über den Weg der Bedürfnislosigkeit und die Solidarität mit den Armen zu erlangen.

Da es in den Kirchen keine Speisekammern gab, bedeutete "arm wie eine Kirchenmaus" sehr arm zu sein, auch bekannt im englischen "as poor as a churchmouse" oder im französischen: "Gueux comme un rat d`eglise”.

"Armer Teufel" bedeutet mitleidserregend arm, aber zugleich rechtschaffen und brav. Man kann aber auch "arm im Geiste sein". Vergleiche der Armut im Schwäbischen: "Der ist so arm, dass die Mäuse mit verweinten Augen in der Schublade herumlaufen" ("Dear isch so arm, dass d`Mäus in der Schublad mit verheinate Auga rumloffet")."Es ist nicht wie bei armen Leuten", scherzhafte, ironische Aufforderung an einen Gast, doch beim Essen zuzugreifen, da alles reichlich vorhanden ist. In deutschen Sprichwörtern wird die Armut auch in Zusammenhang mit ihrem Gegensatz, dem Reichtum, z. Tl. humorvoll umkreist, "Arm und Reich, der Tod macht alle gleich"; "Reicher Leute Krankheit und armer Leute Braten riecht man weit", z. Tl. idealisiert: "Besser arm in Ehren, als reich mit Schanden", "Arm ist nicht, wer wenig hat, sondern wer viel bedarf"; "Reich ist, wer mit der Armut eins ist". Armut wird z. Tl. als kreative Chance verstanden: wie z. B."Armut sucht neue Wege", – Armut ist der Künste Mutter / Armut lernt Künste", "Armut sucht List", jedoch auch realistisch als Einschränkung erlebt: wie z. B."Armut ist keine Schande, aber ein leerer Sack steht nicht gut aufrecht"; "Wenn die Armut zur Tür eingeht, fliegt die Liebe zum Tempel hinaus".

Das Verhältnis von Armut und Reichtum als Polarität aufgefasst, ist ein wichtiges Thema volkstümlicher Überlieferungen: In Märchen müssen die Hauptfiguren als Arme oder Reiche bestimmte Bewährungsproben bestehen, um ihr Ziel zu erreichen oder daran zu scheitern. Die Ausgangssituation von Held oder Heldin ist oft durch Armut gekennzeichnet, einer Mangelsituation, die den Helden / die Heldin veranlasst, sich auf die Suchwanderung, auf den Weg der Individuation zu begeben. (z. B."Der Teufel mit den 3 goldenen Haaren" (KHM 29), "Der gestiefelte Kater" (KHM Anhang 5) "Der arme Müllerbursch und das Kätzchen" (KHM 106)). Häufig werden Kinder auch aufgrund der Armut von ihren Eltern ausgesetzt, verstoßen oder verlieren ihre Eltern und müssen Not erleiden wie in "Hänsel und Gretel" (KHM 15), Brüderchen und Schwesterchen" (KHM 11), "Aschenputtel" (KHM 21), "Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein (KHM 130), Die drei Männlein im Walde" (KHM 13), "Die Sterntaler" (KHM 153) "Das Mädchen ohne Hände" (KHM 31) oder "Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" (Andersens Märchen).

Die Armut oder anfängliche Mangelsituation in Märchen kann aber auch so zum Ausdruck kommen, dass sich bei einem Elternpaar der ersehnte Kinderwunsch nicht einstellt. (z. B. in "Dornröschen", "Hans mein Igel", "Das Eselein"). So klagt die Königin im "Eselein": "Ich bin ein Acker auf dem nichts wächst". (Grimm Urtext von 1812). In Armut und Not können aber auch neue Entwicklungs- und Lebensmöglichkeiten (Reichtum) entstehen: z. B. in "Goldkinder" (KHM 85), "Rumpelstilzchen", "Die zwei Brüder" (KHM 60), "Die kluge Bauerntochter" (KHM 103), welche aber auch wieder verloren werden können wie z. B. in "Vom Fischer und seiner Frau" (KHM 19) oder "Die Nixe am Teich" (KHM 181).

Die Verarmung eines Königsreiches oder durch das Leben eines Königs in "Saus und Braus", der sein Reichtum verspielt ("Die drei Schwestern" KHM Anhang Nr. 16), bedeutet wie bei dem Motiv des kranken Königs die Schwäche des herrschenden Bewusstseins gegenüber der Macht des Unbewussten. Im Märchen "Der König vom goldenen Berge" (KHM 92) verliert ein Kaufmann sein gesamtes Vermögen (Vergleiche Reich/Reichtum) durch den Untergang seiner beiden Schiffe. Sein Vermögen ans Meer zu verlieren bedeutet den Verlust seiner Lebensenergie ans Unbewusste (Libido, Regression), wodurch Schattenaspekte (in Gestalt des Teufels) wirksam werden können.

Die Armut, die die Königstochter im Sinne einer vorübergehenden Prüfung erleiden muss (z. B. in "Die 6 Diener" (KHM 134), oder "König Drosselbart" (KHM 52) bedeutet die Konfrontation mit der Härte des realen Lebens, sich aber auch neuen, unbekannten Bereichen der Seele anzunähern (Schattenaspekte zu integrieren) und mit Werten auseinanderzusetzen, die bisher abgelehnt wurden.

Im Legendenmärchen "Der Arme und der Reiche (KHM 87) wurden heute überzogen belehrend wirkend christliche, tugendhafte Werte und Normen dargestellt: Während Gott als Wanderer von gastlichen Armen aufgenommen wird und diese entlohnt, tragen die aus Eigennutz handelnden Reichen nur Ärger, Mühe und ein verlorenes Pferd davon.

In "Der Gevatter Tod" (KHM Urfassung 1812) urteilte der Arme über den lieben Gott als Paten: "Ich will dich nicht zum Gevatter, du gibst den Reichen und lässt die Armen hungern". Sozialkritische Züge sind in Märchen im Unterschied zu Sagen aber eher selten. Gerade da die bestehende soziale Ordnung zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Märchen für den größten Teil der Bevölkerung, den wirtschaftlich und sozial Benachteiligten, real keine Veränderungsmöglichkeit zuließ, können diese Märchen, die meist das "Reichwerden" zum Ziel hatten, als utopische Wunschfantasien und Kompensation der realen Lebenssituation verstanden werden.

Armut ist Ausdruck von Leere, Mangel, Versiegen oder vorübergehend Nichtvorhandensein sowohl von äußeren Gütern als auch von innerseelischen, körperlich, geistigen Möglichkeiten und Ressourcen, dem Fluss der psychischen Energie oder geistig, schöpferischen Impulsen, was eine Entfaltung der Persönlichkeit erschwert oder unmöglich macht.

Armut bedeutet Abhandensein der Fülle, des Mütterlich-Weiblich-Spendenden, den Verlust des Paradieses, das Fehlen von Glück und die nicht mögliche Verwirklichung des Gefühlsleben, Abhandensein des Notwendigen, sodass grundlegende vitale Bedürfnisse nicht befriedigt werden können. Psychologisch kann der Begriff der Armut am ehesten mit dem Abhandensein von Fülle und Reichtum verbunden werden, was verstanden werden kann als nicht Vorhandensein des positiven Pol des Großen Weiblich-Mütterlichen, d. h., dass sich der negative Pol des Großen Mütterlich/ Weiblichen konstelliert: Ohnmacht und Schutzlosigkeit konstelliert die furchtbar-negative Mutter, "die als Hexe und Höllenmutter der Leiden, des Schmerzes verstößt und allein läßt [...] und die von der guten Mutter verlassene Wesen plagt". (Neumann, 1963, S. 81).

Die Beziehung, in der sich meist als Ausdruck einer gestörten Mutter-Kind- Beziehung oder auch überpersönlich aufgrund körperlicher Beschwerden und Krankheit des Säuglings seelische Armut konstellieren kann und sich meist gravierend auf die weitere psychische Entwicklung auswirkt, ist die frühe Mutter-Kind- Beziehung. Die Armut ist in Mythen und Märchen jedoch Ausgangsbedingung und Voraussetzung für das Motiv des Heldenweges, da der Held "aller profanen Werte bar" sein muss.

Häufig wird der sogenannte Dummling, der 3. und jüngste Sohn nicht nur als dumm und närrisch, sondern auch als arm und allgemein verachtet dargestellt, was psychologisch verstanden werden kann als die 4. und undifferenzierte Bewusstseinsfunktion, die aber auch aufgrund dessen, dass sie dem Unbewussten am nächsten steht, das größte das Bewusstsein belebende Potenzial beinhaltet.

In Kinderpsychotherapien konstelliert sich die Polarität arm/ reich häufig über Stunden kollusiv aufgespalten in der Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehung und in symbolischen Darstellungen: Eine 8jährige Pat., bei der erhebliche Geschwisterrivalität und eine Urbeziehungsstörung vorliegt, liegt, ihre Macht und Wohlstand genießend als "reiche Chefin " in der Hängematte, während die Therapeutin als deren "arme und faule Arbeiterin" heftig von der Patientin angetrieben wurde, um den Fluss einer sprudelnden süßen (Sand-)Quelle ständig am Laufen zu halten und das wertvolle Getränk in Gefäße abzufüllen, deren Genuss aber nur der "Chefin" erlaubt war. Den Part des armen, bedürftigen aber auch faulen Anteils der Patientin, der auch noch die Teilhabe am belebenden und nährenden Quell versagt wurde, musste die Therapeutin übernehmen, die Rolle der Verliererin, die Kargheit und Mangel ausgesetzt ist, wie die Patientin dies lebensgeschichtlich in ihrer Familie erlebte. In weiteren Stunden setzte sich diese Dynamik in Gesellschaftsspielen fort: Bei "Monopoly", "Sagaland" oder "Memory" nimmt die Patientin günstigere Ausgangsbedingungen für sich in Anspruch und genießt ihre Macht und ihren Reichtum als "Millionärin", während die Therapeutin "als arme Kirchenmaus" jeweils nur den geringeren Anteil abbekommt, dabei eifersüchtig und neidisch sein soll, während die Patientin sich lustvoll im Reichtum und Überfluss suhlt.

Literatur: Standard

Autor: Kuptz-Klimpel, Annette

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