Märchen

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Keyword: Märchen

Links: Heldenfahrt, Literatur, Mythos, Nachtmeerfahrt

Definition: Märchen (mittelhochdeutsch Maere = Kunde, Bericht, Nachricht) sind Erzählungen, die von wundersamen Begebenheiten berichten, in denen übernatürliche Kräfte und Gestalten in das Leben der Menschen eingreifen und meist am Ende die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden. Sie treten in allen Kulturkreisen auf und folgen oft dem Muster der Heldenfahrt und der Nachtmeerfahrt. Unterschieden vom mündlich überlieferten und anonymen Volksmärchen wird die Form des Kunstmärchens, dessen Autor bekannt ist. Im Vergleich zur Sage und Legende haben Märchen keinen real-historischen Hintergrund, sondern basieren auf allgemeinmenschlichen, archetypischen Mustern, sind weder zeitlich noch örtlich genau festgelegt.

Information: Märchen sind Urerzählungen, Urgeschichten der menschlichen Seele. Sie sind einfach, übersichtlich, klar, knapp dargestellt, so dass sie von Kindern und Erwachsenen überall auf der Welt unmittelbar verstanden werden. Das Besondere an den Märchen wie auch an den anderen "volkstümlichen" Textformen ist, dass sie nicht von einem konkreten Autor oder einer Autorität geschrieben wurden, sondern durch die mündliche Weitergabe immer wieder umgeformt wurden, dass also viele "Autoren" beteiligt waren. Auf diese Weise können sie allgemeingültig werden. Sie sind weniger kulturell überlagert als Mythen und andere Literatur. Märchen sind nicht an Ort, Zeit und Kultur gebunden, sie setzen kein Wissen voraus. Wir hören in den Märchen nichts über das Schicksal eines persönlichen Menschen mit "normalen" Gefühlen, Affekten und Gedanken, und doch sehen wir deutliche Parallelen zu unserem eigenen Leben, weil in ihnen allgemeinmenschliche Erfahrungen, typische Lebensphasen, Konflikte und Schwierigkeiten so dargestellt werden, dass wir unmittelbar spüren: "Das bin ich auch. Das ist auch ein Teil meiner Schwierigkeit mit mir und meinem Leben."

Märchen erscheinen uns in gewisser Weise näher, menschlicher, konkreter als mythische Erzählungen, die sich mit unsterblichen Helden und mit Göttern befassen, oder als die Dramen und Romane der Weltliteratur, die häufig ebenfalls mythische Themen aufgreifen. Manchmal werden Märchen als "herabgesunkene" Mythen aufgefasst, als einfachere, volkstümlichere, weltlichere und kindlichere, leichtere Form des Mythos. Die großen Mythen erzählen uns ja von der Entstehung der Welt und des Kosmos, von der Geburt der Götter und Menschen, von der Auseinandersetzung der Menschen mit den Göttern und mit den "Ur-Kräften" und "Ur-Themen" der (inneren und äußeren) Natur, von der Entwicklung der menschlichen Zivilisation und Kultur, erscheinen damit aber auch der Lebenserfahrung des durchschnittlichen Menschen ferner. Märchen ähneln in vielerlei Hinsicht unseren Träumen. In den Träumen und Märchen erleben wir, wie nahe uns magisches und symbolisches Leben, Denken und Erfassen ist.

Die Märchenhelden bewegen sich - ebenso wie wir manchmal in unseren Träumen - souverän zwischen ganz verschiedenen Welten, in verschiedenen Wirklichkeitsebenen. Sie sind in der inneren, seelischen Realität, der Welt der Fantasie, der Magie, des Zauberns und Wünschens zu Hause wie auch in der äußeren Realität. Sie bewältigen einen weiten Weg mit Siebenmeilenstiefeln und reden mit einem Tier wie wir mit unserem Nachbarn. Es begegnen ihnen Hexen und andere Zauberdinge, ohne dass sie sich auch nur einen Augenblick darüber wundern oder davon irritieren oder ängstigen lassen, und wir als Leser oder Hörer wundern uns genauso wenig, weil wir spüren, dass sich unser Leben tatsächlich in der Verwobenheit dieser unterschiedlichen Dimensionen abspielt.

Interpretation: Manche Märchen bewegen uns mehr als andere, je nachdem, welche Lebensphase, welcher Konflikt, welcher Komplex oder Archetyp gerade in unserem persönlichen Leben konstelliert sind. Im Märchen Rotkäppchen z. B. werden starke Ängste und Konflikte thematisiert, die wir mit unserer "animalischen, triebhaften, gierigen" Triebnatur, sei es in Form von Gewalt und sexuellem Übergriff, die uns von außen begegnen, sei es in Form von ebensolchen Impulsen, Phantasien und Handlungen, die uns aus dem eigenen Inneren anfallen. Wir alle haben Angst, "vom rechten Weg" abzukommen, werden doch aber auch immer wieder verführt, auf dunklen Seitenpfaden zu wandern. Der Wolf in uns mit seinen großen gierigen Augen und dem gefräßigen Maul treibt uns zum Verbotenen und Tabuisierten, so daß wir uns manchmal von unseren Trieben, Sehnsüchten und Leidenschaften geradezu verschlungen fühlen.

Im Lieblings- oder auch im Angst-Märchen unserer Kindheit lassen sich oft tiefe Beziehungen zu unserem Leben und unserer Identität, unseren Konflikten und Komplexen, unseren Stärken und Möglichkeiten wie unseren Schwächen und Ängsten, unseren Hoffnungen und Sehnsüchten auffinden. Im Rückblick auf unsere Leben können wir manchmal feststellen, daß wir lange Zeit ein Märchenthema gelebt haben, daß wir uns z. B. wie Aschenputtel, wie Dornröschen oder wie Hans im Glück verhielten. Je unmittelbarer und emotionaler uns ein Märchen berührt, um so tiefer ist noch sein Symbolgehalt, sein unbekannter, erneuernder, transzendierender Aspekt. Häufig erinnern wir uns auch scheinbar "falsch" an Märchen, wir haben sie für uns umgeschrieben. Vielleicht zeigt uns die "Verfälschung" unsere Lebensthematik und unsere Art der Bewältigung, sie zeigt uns aber auch die uns eigenen kreative Gestaltungsfähigkeit und unsere Lösungsversuche. Auf jeden Fall kann es sehr lohnend sein, sich zuerst das eigene, vielleicht rudimentär erinnerte, vielleicht umgeschriebene Märchen zu erzählen und aufzuschreiben, dann erst das Märchen nachzulesen. Daraus kann sich eine sehr spannende und dynamische Arbeit mit dem "Original"- Märchen und den "persönlichen", der eigenen seelischen Struktur, den eigenen Konflikten und Komplexen und den bewußten und unbewußten Wünschen und Vorstellungen entsprechenden Märchen-Varianten ergeben. In einem weiteren Schritt können wir uns außerdem noch andere Varianten des Motivs in Märchen, in Literatur, Filmen etc. vergegenwärtigen, um uns auf diese Weise dem ganz individuell-persönlichen und besonderen Gehalt des Märchens oder -motivs wie auch dem allgemein- menschlichen und prospektiven Sinn anzunähern. Die nur individuell-persönliche Erinnerung und Deutung kann reduzierend auch in Enge und Ausweglosigkeit zurückführen und alte Positionen, das schon Bekannte bestätigen: "Ich bin halt ein Aschenputtel, das auf den Prinzen wartet". Wenn wir ein Märchen auf diese Weise deuten und festlegen, geht es für uns verloren, es verliert seinen Zauber und das Wunderbare. Demgegenüber kann die Anreicherung des Motivs das Neue, das Hoffnungsvolle, das Richtunggebende, das Finale und Transzendente erschließen. Über die mehr verbale und intellektuelle Erweiterung eines für uns wichtigen Märchens hinaus, können wir auch noch andere Wege beschreiten, z. B. das Märchenmalen, das Um- und Weitererzählen oder -spielen des Märchens.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette

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