Symmetrie

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Keyword: Symmetrie

Links: Chaos, Mandala, Ordnung

Definition: Symmetrie leitet sich ab aus dem griechischen syn "zusammen" und metron "das Mass". Die Dinge befinden sich in einem aufeinander abgestimmten Maß, in einem Ebenmaß und bilden ein bestimmtes Wiederholungsmuster. Es handelt sich um wechselseitige Entsprechungen des Ganzen oder Teile eines Ganzen in Bezug auf Grösse, Form, Farbe oder Anordnung.

Information: Die Welt ist voller symmetrischer Strukturen. Sobald wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, erscheint unser Lebensraum von ihnen erfüllt, und das Chaos tritt in den Hintergrund. Fast alles erscheint plötzlich in einer neuen Sicht. Bauwerke mit ihren Fensterzeilen, Friesen oder Fassaden, Fahrzeuge, Möbel, viele Gebrauchsgegenstände und Werkzeuge, sogar manche Buchstaben des Alphabets fallen als symmetrische Gestaltungen auf.

Gehen wir in die Natur, schauen wir auf Blüten und Blätter oder auf die Lebewesen einschließlich der menschlichen Gestalt können wir statt Zufälligkeiten eher Gleichmaß und Struktur, eben Symmetrie feststellen.

Symmetrie und Rhythmus, die zeitliche Entsprechung der sich im Räumlichen ausdrückenden Symmetrie, machen den Kosmos aus. Der Gegensatz von Kosmos ist Chaos. Chaos ist das Fehlen von Struktur, Ordnung und Regel. Nur Zufall bestimmt das Geschehen, Vereinzelung und Durcheinander herrschen. Die Polarität von Kosmos und Chaos war dem Menschen schon immer bewusst. Sie findet Ausdruck in allen Weltmythen als Licht und Dunkel. Die moderne Chaosforschung ist zu anderen Ergebnissen gekommen. Die mythologische Vorstellung von Chaos entspricht dem psychischen Geschehen.

Strukturen, bes. symmetrische lassen sich bei Fehlen eines Teils aufgrund ihrer Regelmäßigkeit ergänzen. Bei einem Chaos ist das - mangels Regeln- nicht möglich, abgesehen davon, dass in ihm sogar jedes Maß fehlt. Chaos unterliegt also dem Zufall, ist unendlich – Symmetrie stellt ein Ordnungsprinzip dar. Erst Maß macht endlich und begrenzt. Das Mandala mag als Beispiel dienen.

Symmetrie wird durch Wiederholung oder Verschiebung (Stuhlreihen), Drehung (Blume) oder Spiegelung (Schmetterling) erzeugt. Die Zahl der Grundformen der Symmetrien ist also sehr gering:

Die regelmäßige Anordnung des gleichen Objekts oder Motivs ist die einfachste Symmetrieform und heißt Translationssymmetrie. Translation bedeutet in diesem Zusammenhang Verschiebung. Stuhlreihen, Fensterfronten, aber auch die Wirbelsäule oder als komplexe Form der Fruchtstand eines Maiskolbens sind Beispiele. Bei repetitiven und Translationssymmetrien kommt es zu einer Wiederholung des immer gleichen Musters wie etwa in Säulengängen, Geländern, den griechischen Ornamenten oder Verzierungen und Dekorationen in vielen Kulturen.

Sind die Elemente rund um einen Punkt oder eine Achse, ein Zentrum angeordnet, wird es als Radiär- oder Rotationssymmetrie bezeichnet. IWenn man einen Maiskolben quer durchschneidet, sind die Körner um den Kolbenstamm radial angeordnet. Eine Unzahl von Beispielen bieten die Blumen, aber auch Fensterrosetten, Mandalas und das Symbol für Yin-Yang gehören dazu. Im Tierreich ist Radiärsymmetrie selten. Ein Beispiel ist die Panzerkapsel des Seeigels. Drehsymmetrien finden wir bei Windmühlenflügeln, bei vielen Anordnungen von Blättern und Blüten, im Mandala oder auch in Logos. Das bekannteste Beispiel für die Kombination von Spiegelung und Drehung sind die Schneeflocken, deren Variantenreichtum unerschöpflich erscheint.

Die 3. und bereits letzte Basisform der Symmetire ist die Spiegel- oder Bilateralsymmetrie. Jeder Punkt in einem System findet sich in identischer Weise wieder. Spiegelsymmetrie findet sich in vielfältiger Weise in der Natur und der Kultur. In der Biologie wird Spiegelsymmetrie auch als Klassifizierungskriterium verwendet. So sind alle 25000 bekannten Orchideenarten spiegelsymmetrisch aufgebaut. Andere Pflanzen werden als "Bilateralia" bezeichnet. Der menschliche Körper ist über weite Teile paarig und symmetrisch aufgebaut, wie etwa die Arme, Beine, Hände und das Gesicht. Kleine Abweichungen bewirken, dass eine gespiegelte Gesichtshälfte nicht vollkommen identisch erscheint. In der Architektur finden sich unzählige Beispiele von Spiegelsymmetrie. Dies erstreckt sich von der ganzen Anlage von Plätzen und Bauwerken (Versailles, Petersplatz in Rom) bis hin zur profanen Spiegelung von Doppelhaushälften.

Wer in Japan die Wirkung der Spiegelung von Tempeln und Pagoden in eigens zu diesem Zweck angelegten Gewässern und die durch sie erreichte Symmetire und Harmonie erlebt, macht eine beglückende Erfahrung von Ordnung und Regelmäßigkeit, von Zugemessen-Sein und Bezogen-Sein.

Das ubiquitäre, überall und häufige Vorkommen von Symmetrien in der Natur lässt daran denken, dass die Symmetrie ein grundsätzlicher, möglicherweise konstituierender Faktor der Welt ist. Damit hätte die Symmetrie einen archetypischen Charakter. Zur Symmetrie gehört die Asymmetrie. In der kosmischen Physik geht man vom symmetrischen Zusammenwirken von Materie und Antimaterie aus. Auch in der Physik der kleinsten Teilchen scheint die Symmetrie eine hervorragende Eigenschaft der Strings zu sein. Teilchen und Antiteilchen gehören zusammen.

In menschlichen Beziehungen spricht man von einer symmetrischen Beziehung, wenn eine weitgehende Ausgeglichenheit und Gleichheit gefunden wurde. Häufig wird dies in dem bekannten Yin-Yang-Symbol dargestellt. Durch die Wiederholung der Gleichheit wohnt der Symmetrie geradezu ein demokratisches Element inne. Die Symmetrie befriedigt wohl auch unser Bedürfnis nach Wiederholung. So können wir Rituale, die in der Herausbildung der Psyche eine große Rolle spielen, wie eine Translation symmetrischer Beziehungs- und Verhaltensmuster verstanden werden, die schließlich zu einer ganzen Gestalt (der Psyche) führen. In der Symmetrie kommt auch das Aufeinander-bezogen-Sein zum Ausdruck: das Eine kann nicht ohne das Andere existieren. In jüngster Zeit wird die Funktionsweise von sogenannten Spiegelneuronen im Gehirn erforscht, die vermutlich die Grundlage für aufeinander bezogenes Verhalten, Denken und Fühlen bilden.

Interpretation: In jedem Menschen liegt wohl deshalb die Sehnsucht nach Schönheit als einem Ergebnis sichtbarer oder fühlbarer Regelmäßigkeit und Struktur. Drängt uns die Übersymmetrie unserer technischen Umwelt, die Freiheit im Chaos zu suchen, das Signal des Zufalls zu setzen?

Symmetrie und Struktur dienen der Bannung des inneren Chaos, dissoziierte, neurotische Zustände bessern sich. Wenn ein Punkt, eine Linie oder eine Fläche konstant bleiben, wird dies angstmindernd erlebt. Chaos tritt in Erscheinung, wenn der Individuationsprozess zum Stillstand kommt (Jung, GW 9 / I, 689). Spiegelsymmetrische Gestaltungen helfen, das innere Gleichgewicht zu finden (Jug, GW 9 / I, 608)..

Bilder aus dem Unbewuddten zeigen, dass Autonomie aus Struktur und vor allem aus Symmetrie erwächst. Es wird eine Struktur erkennbar, die sich wandelt und erneuert.

Ein Beispiel für die Entwicklung der Autonomie aus der Symmetrie finden wir in der Geschichte des Tanzes. Stellen wir uns höfische Tänze vor, für die allgemein galt, dass alles, was nach der rechten Seite vollführt wurde, auch nach der linken gemacht zu werden hatte, und zwar ausgehend von einer Mitte als einem geometrischen Konstrukt. Und denken wir weiter an die Gesellschaftstänze, die paarweise, mit zwar festgelegten Tanzfiguren oder Schrittfolgen viel mehr Raum für individuelle Ausformung ließen, bis hin zum Discotanz, bei dem jeder einzeln, ohne durch jemand oder etwas anderes bestimmt zu werden, seinen Körper im Rhythmus der Musik bewegt und dabei möglicherweise seelischen Zuständen Ausdruck verleiht. An diesem Beispiel lässt sich allerdings auch erkennen, dass Auflösung der Ordnung oder anders ausgedrückt, Zerfall der Gesetzmäßigkeiten und Regeln isolieren bis hin zur Auflösung derjenigen Struktur, die wir Beziehung nennen.

Das zeigt auch die entwicklungspsychologische Sicht der Autonomie. Erikson beschreibt in seinem Buch "Kindheit und Gesellschaft" (1971) die Autonomieentwicklung als frühe Stufe einer psychologischen Anpassung. Er sieht das Trotzalter als Kampf um Autonomie.

Die Autonomie- oder Ich-Entwicklung des Kindes beginnt, wenn das Selbst des Kindes sich aus dem Selbst der Mutter löst. Die körperliche Entsprechung wäre, wenn das Kind sich selbst aufzurichten beginnt. Nun lernt es, Gleichgewicht zu halten. Das Balancieren auf Mauern und Baumstämmen, um auszuprobieren, wie lange man sich im Gleichgewicht halten kann, beschäftigt ein Kind über eine lange Zeit und unzählige Male. Balance ist für Selbstbestimmtheit und Autonomie unerlässlich. Wenn in der körperlichen Funktion das Gleichgewicht erreicht ist, kann es sich auch seelisch ausdrücken. Das Kind ist nun, d. h. etwa zur Zeit der Schulreife, in der Lage, spiegelsymmetrische Gestaltungen zu machen. In der Folge hat das Kind nicht mehr nur ein Gefühl für einzelne Gesten oder einzelne Linien sondern für das „Zusammenstimmen“, für das Symmetrische. Autonomie möchte ich im Sinne der Befähigung selbständig und eigenverantwortlich zu handeln und innerer Souveränität verstehen.

Bei der gestörten Entwicklung ist etwas nicht in Ordnung. Wenn die Störung größeres Ausmaß annimmt, benutzen wir in der Umgangssprache den Ausdruck, jemand sei verrückt. Das heißt, dass er aus der Ordnung oder aus dem Gleichgewicht geraten ist. Der gestörte Mensch ist also aus der Ordnung gefallen. Aus diesem Zusammenhang wird verständlich, dass sich notwendigerweise die strukturbildende, ordnende Kraft im heilenden Prozess der psychotherapeutischen Behandlung zeigen muss.

Wenn sich der Patient in der therapeutischen Beziehung gut aufgehoben fühlt und die Libido bis zu den heilenden Kräften der Seele regrediert, kann z. B. in einem Sandspielprozess - oft erst nach wiederholten Gestaltungen mit dunklen und chaotischen Inhalten - ein Selbstbild entstehen. Die Selbstmanifestation ist immer ein Bild von starker Struktur, großer Ordnung und Konzentration. Hier sind die annähernd radial- und spiegelsymmetrischen Formen besonders häufig (Mandala, Blüte, Rad, kreisförmig gelegte Schlange oder Ei). Sowohl in den verwendeten Symbolen als auch im Verlauf des Prozesses zeigt sich die Entwicklung der Autonomie auf der Grundlage von solchen Strukturen.

Literatur: Hargittai, Magdolna (1998); Sitte, Peter (1986)

Autor: Leibig, Bernd; Löwen, Sigrid

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