Kuh

Aus Symbolonline
Wechseln zu: Navigation, Suche

Keyword: Kuh

Links: Mutter, Große Milch

Definition: Wiederkäuer mit breitem Schädel, unbehaartem, feuchtem Flotzmaul und Hörnern bei beiden Geschlechtern (bei den Männchen im Allgemeinen stärker entwickelt); Gehör - und Geruchssinn sind am besten ausgebildet, ihr Augensinn lässt sie die Farben Blau, Rot, Grün und Gelb erkennen. Es gibt weltweit etwa 450 - 800 Rassen von aus domestizierten Wildrindern hervorgegangenen Hausrindern. Die zahlreichen europäischen Wildrinder lassen sich alle auf den Auerochsen als Stammart zurückführen.

Information: Das neuhochdeutsche Wort "Kuh" geht über das mittelhochdeutsche und das althochdeutsche "Kuo" auf das indogermanische "gous" zurück, welches das männliche und das weibliche Rind zusammen beinhaltet. Möglicherweise ist mit diesem Begriff die Nachahmung des Brülllautes gemeint, der heute mit "muh" wiedergegeben wird. Im Germanischen dient "Kuh" lediglich zur Bezeichnung des femininen Rindes. Aber im Deutschen findet eine gewisse Bedeutungserweiterung statt. Denn in Zusammensetzungen bezieht sich das Wort allgemein auf das weibliche Tier, z. B. bei "Elefantenkuh" oder "Hirschkuh".

Das altindische "gau", "gáuh" oder "gaus" meint "Stier" oder "Kuh" und erscheint im Namen der hinduistischen Göttin Gauri wieder, der "die Helle" oder "die Goldene" bedeutet.

Parvati, die Gattin des großen indischen Gottes Shiva, fühlt sich gekränkt, als er sie wegen ihres dunklen Aussehens "Kali" (= "die Schwarze") nennt, und treibt daraufhin Askese, um sich von ihrer Hautfarbe zu befreien. Nach dem Erfolg ihrer Übung erhält sie den neuen Namen Gauri, dessen Wortherleitung auf die hohe Bedeutung besonders der weißen Kuh in Indien hinweist."Gau" oder "gaus" ist auch mit "go" verwandt, das "Erde" bedeutet und den griechischen Worten "ga" oder "ge" entspricht.

Die alte Göttin Gaia ist in der antiken Mythologie die Verkörperung der "Mutter Erde ". Das althochdeutsche "rinta" bezeichnet neben "Rinde" auch "Erde". In der altnordischen Sagenwelt gibt es auch eine Königstochter namens Rindr oder Rinda, die der höchste Gott Odin heiratet, um mit ihr den Rächer für den Tod seines Sohnes Baldur zu zeugen, was dann durch die Geburt von Vali gelingt. Der etymologische und mythologische Zusammenhang von "Rind", "Erde" und "Mutter" lässt schon die Spannweite der symbolischen Bedeutung der Kuh anklingen.

Dieses Tier taucht schon sehr früh in der Kunst der Menschheitsgeschichte auf. Die Höhlenmalereien des paläolithischen Zeitalters, besonders von Lascaux in Frankreich zwischen ca. 17. 000 und 12. 000 v. Chr., zeigen Rinder und Pferde oft dicht beieinander, obwohl beide Spezies in der Natur getrennt bleiben. Berühmt ist vor allem die Abbildung einer Kuh, wie sie über eine Reihe von Tieren der anderen Gattung springt. Möglicherweise waren in der Vorstellung der frühen Menschen Rinder weibliche, Pferde männliche Symbole. Deshalb könnte die paarweise Darstellung der Geschlechter der Grund für das unnatürliche Nebeneinander dieser Tiere sein. In diesem Zusammenhang ist auch die Funktion der Schlange und ihr weitverbreitetes Bild als Hauptgottheit in prähistorischen Zeiten von Interesse. Sie war Hüterin der Familie und ihrer Tiere, vor allem der Kühe. Als solche gewährleistete sie Fruchtbarkeit, Wachstum und Gedeihen. Jede Familie und jedes Tier hatten als Schutzgottheit eine Schlange, deren Lebenskraft mit der Vitalität des von ihr beschützten Wesens untrennbar verbunden war. Die Schlangengöttin der Jungsteinzeit besaß und hütete das Lebenswasser und die Lebensmilch, wachte über die Geburt der Kälber und hatte magische Heilkräuter. Die archaische Gottheit Marša aus Lettland wurde etwa als Mutter der Kühe oder als "Alte Hirtin" dieser Tiere bezeichnet und erschien in Viehställen u. a. als schwarze Schlange, die für die Rinder eine Art Schicksalsgöttin war. Sie brachte den Kühen Fruchtbarkeit, sorgte für eine leichte Geburt der Kälber und für Milch im Überfluss. Wurde sie von Menschen angerufen, konnte sie mächtige Wunderkühe erschaffen, deren Milch nie versiegte, und gutes Weideland hervorbringen.

In der Mythologie des Altertums tauchte dieses fruchtbare Tier nicht nur als Geschöpf, sondern auch als kosmische All - Mutter und Schöpferin des Universums auf. Mit einem Schütteln ihres Euters erschuf die gehörnte Mondkuh den Sternenhimmel; aus ihr floss die Milchstraße in üppigem, niemals endendem Strom. Täglich gebar sie die lebensspendende Sonne. Überall da, wo man Rinder züchtete, wurde eine Kuhgottheit zusammen mit einer Muttergöttin verehrt. Beiden gemeinsam war das generell fassbarste Bild der Fruchtbarkeit. Die Kuh galt in jedem Fall nicht als ambivalente, sondern als rein positive Macht. Sie stand für die mütterlich nährenden Kräfte der Erde, aber auch für die Welt des Mondes wegen ihrer Hörner und Weiblichkeit. In ihrer kosmischen Potenz war sie sowohl naturhaft – chthonisch als auch himmlisch – lunar. Als Verkörperung des Weiblichen, die das junge Leben trug, gebar und liebevoll aufzog, wurde sie zum Symbol der gebenden Fülle und des bergenden Schutzes. So repräsentierte sie auch die umfassende Dimension der Großen Göttin eindeutig in deren lebensbejahendem Aspekt der "guten Mutter". Allerdings wirkte die Kuh jedoch durch ihre schlichte vegetative Existenz, ihre demütige Natur, ihre einfache Wärme und geduldige Trächtigkeit auf den prähistorischen Menschen primär passiv, wodurch sie auch später in Mythen und Epen keine große Rolle spielen konnte. Trotzdem gibt es in der indischen, ägyptischen, griechischen und germanischen Sagenwelt für das Auftreten dieses Tieres einige markante Beispiele, die der vorliegende Artikel nun zur Darstellung bringt.

Es wurde schon indirekt darauf hingewiesen, dass im Sanskrit Erde und Kuh die gleiche oder zumindest eine ähnliche Bedeutung haben. Dieser Zusammenhang geht schon auf vor-arische Zeiten zurück und steht in Verbindung mit dem alten Kult einer Muttergottheit, der sich schon für die matriarchale Zivilisation des Industales zwischen 2700 und 1500 v. Chr. nachweisen lässt. Die Heiligkeit der Kuh im heutigen Indien hat ihre traditionelle Wurzel in der ursprünglichen Verehrung dieser umfassenden Großen Göttin und konnte sich trotz der jahrhundertelangen Vorherrschaft der fleischfressenden arischen, patriarchal organisierten Hirtenkrieger verfestigen, die ab 1500 v. Chr. in den Nordwesten des Landes einfielen und von 1200 bis 900 v. Chr. ihre vedische Religion und Literatur begründeten. Im Hinduismus ist das Schlachten einer Kuh und der Genuss von Rindfleisch strengstens verboten. In den vorgeschichtlichen mutterzentrierten Epochen galt das Tier als heilige Ernährerin, die Fruchtbarkeit und Fülle verhieß. Außerdem kennt die vedische Tradition die Kuh als Seelenführerin, die auch die Toten über den Schreckensfluss Vaitarani sicher ins Jenseits geleitet. Ebenso wurde dem weiblichen Rind himmlische Herkunft zugeschrieben. In den Mythen Indiens gewinnt das Universum, das aus der Milch der göttlichen Weltmutter geboren wurde, dadurch feste Gestalt, dass der Ozean dieses Lebenselixiers gequirlt wird. Die himmlische Milch strömt aus der Kuh Surabhi hervor und ist nicht nur das Rohmaterial für das trockene Land, sondern auch der Nektar der Götter, die auf diese Weise ernährt werden. Überdies gibt es in der altindischen Literatur noch etliche Wunsch- und Wunderkühe, die aus ihren Eutern alle möglichen Speisen und Getränke, aber auch Juwelen, Gewänder, Paläste, Lusthaine und ganze Gefolgschaften von Dienern und Seligen hervorzaubern können.

In der vedischen Mythologie erscheinen drei Göttinnen, die im engeren Sinne mit dem weiblichen Rind in Verbindung gebracht werden. Prithivi war die uralte indische Erdmutter, die anfangs Götter und Menschen aus sich selbst heraus gebar, bis sie nach der arischen Invasion zur schattenhaften Gattin des dann universellen Himmelsvaters Dyaus Pitar verblasste. Zusammen waren sie die kosmischen Eltern der Welt und mehrerer bedeutender vedischer Götter (Devas) wie Ushas, Ratri, Indra, Surya und Agni. Die ältesten Darstellungen zeigen beide als Kuh und Stier bei der geschlechtlichen Vereinigung. Indra tötete schließlich seinen Vater Dyaus, stieg seinerseits dann zum obersten Gott auf und begattete in dieser Funktion als Himmelsstier die Erdkuh, seine Mutter Prithivi. Deren eine Tochter war Ushas, die Göttin der Morgenröte. Sie wurde als liebliche Tänzerin gepriesen und oft mit dem weiblichen Rind verglichen. Wie eine Kuh, die ihren Euter den Menschen darreichte, entblößte Ushas ihre Brüste, um der Welt das tägliche Licht zu bringen. Ihr Bruder und Geliebter war der Sonnengott Surya und ihre Schwester die Nachtgöttin Ratri. Bei Tagesanbruch erschien die Morgenröte als junge Frau auf ihrem Wagen, der von den sieben Wochentagen in Gestalt von Pferden oder Kühen gezogen wurde. Im Vedismus galt Aditi als die Große Mutter, die zwölf Söhne aus sich heraus gebar: die sog. Adityas, die auch die Monate des Sonnenjahres verkörperten. Sie wurde mit der kosmischen Kuh als dem Symbol der mütterlichen Fruchtbarkeit, des natürlichen Überflusses und des unbeschränkten Wachstums gleichgesetzt. Ferner repräsentierte sie den grenzenlosen Himmel, die nährende Erde und die erlösende Schuldvergebung. Einer ihrer Söhne war in den Veden "ein gewisser" Vishnu, der gelegentlich auch als ihr Gatte auftauchte. In den Mythen des späteren Hinduismus stieg dieser zunächst eher unscheinbare Aditya zu einem der wichtigsten Hauptgötter auf, während Aditi völlig verschwand. Stattdessen erschien Lakshmi aus der Milch des kosmischen Ozeans, den die Götter und Dämonen schaumig schlugen, und kam als Lotusblüte auf der Stirn von Vishnu zur Welt. Sie wurde seine Geliebte und dann das Muster der liebreichen, passiven Gattin, die gehorsam alle Wandlungen ihres Partners mitmachte und treu an seiner Seite blieb. Mit dieser Dominanz des männlichen Prinzips durch Vishnu war in Indien der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat endgültig vollzogen und damit auch die Symbolik der Kuh aus der Literatur weitgehend entfernt.

Im alten Ägypten können alle wichtigen, bekannten Göttinnen die Gestalt des weiblichen Rindes annehmen. Nut, die Personifikation des Himmelsgewölbes, wurde als Frau oder Schwein, aber auch als Kuh dargestellt, die ihren Sohn, den Sonnengott Re, jeden Morgen als Kalb gebar. Er wuchs dann bis mittags zum Stier heran, der seine Mutter begattete. Am Abend starb er, um am nächsten Tag in aller Frühe als sein eigener Sohn wiedergeboren zu werden. Ähnliches geschah den Sternen, die an Nuts Bauch befestigt waren, aber auch als ihre Kinder aufgefasst wurden, die in ihren Mund eingingen und aus ihrem Schoß wieder hervorkamen. Neith, die Stadtgöttin von Sais, galt als "Gottesmutter, die den Re gebar", oder als "Kuh, welche die Sonne zur Welt brachte". Vor allem aber wurde Hathor, die Kultgöttin von Dendera, als weibliches Rind oder als Frau mit einer Krone von mächtigen Hörnern auf dem Kopf vorgestellt. Als Himmelsgöttin war sie die Mutter des Sonnengottes Horus, der Re selbst in seiner falkenköpfigen Gestalt verkörperte und "der Ältere" genannt wurde. Zwischen ihren Kuhhörnern trug sie oft als Ausdruck ihrer Bezogenheit und Verbundenheit die Sonnenscheibe, das Zeichen ihres Lieblings. Außerdem säugte sie als Amme auf Darstellungen auch den kleinen Pharao, der durch ihre Milch unsterblich gemacht werden sollte. In der Nekropole Theben wurde Hathor in Gestalt einer aus dem Berg tretenden Kuh verehrt, die jenseits des Grabes die gerade Gestorbenen stillte. Als Gebieterin über die Unterwelt empfing sie in dieser Erscheinung die ankommenden Toten und gab ihnen Nahrung und Lebenswasser. Ansonsten galt sie nicht nur als Mutter und Gattin der Sonne, sondern auch als Gottheit des Krieges und des Blutrausches in ihrem negativen Aspekt, aber auch als Göttin der Liebe, der weiblichen Schönheit, der Freude, der Musik und des Tanzes von ihrer positiven Seite her. Ebenso wurde sie als Sinnbild der Hoffnung und der Lebenserneuerung sowie als leibhaftige Seele der Bäume angesehen, die unter dem Namen "Herrin der Sykomore" in einem Hain am Ende der Welt wohnte. Isis, die bekannteste ägyptische Gottheit, war als Erdmutter die Personifikation des Landes selbst und als solche Symbol für den Thron des Königs. In dieser Funktion verknüpfte man sie bald mit dem Sonnenkult der Pharaonen und identifizierte sie mehr und mehr mit Hathor, von der sie die Kuhhörner mit der Sonnenscheibe auf dem Kopf übernahm. Ihr Sohn hieß auch Horus, allerdings mit Beinamen wie "der Jüngere", "das Kind" oder "Isis – Sohn ". Der Kult von Isis verbreitete sich im spätantiken römischen Reich bis weit nach Europa hinein und entwarf dabei das Bild einer rührenden Ehefrau, klagenden Witwe und besorgten Mutter. Jeder ihrer Verhaltensaspekte entsprach ganz den Rollenerwartungen des Patriarchats an die Frau, wobei auch die kosmische Dimension der Kuh nur auf die nährende Funktion des Mütterlichen von Isis in Bezug auf das Horuskind reduziert wurde.

In der griechischen Mythologie spitzte sich die Tragödie der Demütigung des Weiblichen noch weiter zu. Bei den olympischen Göttern war die Himmelskönigin Hera, die Schwestergattin von Zeus. Ihr Name könnte mit "Dame", "Herrin", aber auch "Erde" übersetzt werden und verweist auf ihre umfassende Dimension in der matriarchalen Vorzeit. Homer nannte sie "boopis", d. h."kuhäugig", womit er einen Bezug zu ihrem heiligen Opfertier herstellte. Außerdem war ihr in ihren Orakelstätten eine Schlange zugeordnet, deren schutzbringender und heilkräftiger Geist mit den vitalen Kräften der Erde in Verbindung stand und mit magischen Pflanzen Leben schaffen oder wiederherstellen konnte. So setzte man Hera auch mit der ägyptischen Hathor gleich, die als Himmelskuh und die Welt regierende Urschlange beschrieben wurde. Die Stadt Argos verehrte sie als Göttin des Jochs und hielt in deren Tempel, dem sog."Heraion", heilige Herden, die sie ihr weihte und opferte. Die lange Insel Euboia, die Hera gehörte, hieß "die gute Kuhlandschaft", und bei hochzeitlichen Bräuchen wurde in Städten, auf die sich ihr Kult erstreckte, das Bild der Göttin als Braut gebadet, geschmückt und auf einem von Kühen gezogenen Wagen in festlichem Aufzug zum Brautgemach gefahren. Da die Hörner des Rindes als Symbol der Mondsichel galten, kam zu Heras chthonischer Dimension die lunare Sphäre als Herrschaftsbereich noch hinzu. Auf dem Olymp und auf anderen Bergen war sie die Königin "mit dem goldenen Thron", und sie wählte den jüngeren Bruder Zeus schon bei seiner Geburt zu ihrem Mann. Kinder konnte sie auch ohne ihn aus sich selbst heraus gebären. Daher suchte sie in ihrer Beziehung nicht Mutterschaft, sondern Erfüllung. Doch sie wurde gleich zu Beginn schon schwer enttäuscht. Als Zeus sie zunächst erfolglos umwarb, verwandelte er sich in einen zerzausten Kuckuck, erregte dadurch in Hera Mitleid und vergewaltigte sie dann in seiner wahren Gestalt, so dass sie ihn heiraten musste, um der Schande zu entgehen. Die Ehe der beiden wurde zum Dauerstreit, der die Auseinandersetzung zwischen dem unterlegenen Matriarchat und dem siegreichen Patriarchat in Griechenland symbolisierte. Hera wollte ihre alte verlorene Bedeutung wiedergewinnen, während Zeus seine noch junge Herrschaft um jeden Preis behaupten musste. In diesem Kampf um die Macht wurde die Göttin immer mehr gedemütigt und abgewertet, so dass sie nicht mehr anders konnte, als sich zu rächen. Dies geschah in Form von Eifersucht und Zornesausbrüchen, die durch die ständigen Seitensprünge ihres Gemahls hervorgerufen wurden.

Der freundlichen Seite der gnädig waltenden Himmelskönigin standen so wiederholt auch unversöhnlicher Hass und grausame Härte wie in der Verfolgung des Herakles und der Io gegenüber. Der Sage nach war der größte Held Griechenlands der uneheliche Sohn von Zeus, der ihn mit der sterblichen Königin Alkmene in Theben gezeugt und daher wieder einmal die Eifersucht seiner Frau provoziert hatte. Doch legte der Göttervater seinen Sohn der schlafenden Hera an die Brust und ließ ihn bei ihr so kräftig saugen, dass die unfreiwillige Amme erwachte und das fremde Kind empört wegstieß. Dabei verspritzte die Göttermilch über den ganzen Himmel und wurde zur "Milchstraße" im Kosmos. Hier liegt ein Vergleich mit der Himmelskuh Hathor nahe. Jedenfalls machten einige wenige Tropfen aus den göttlichen Brüsten den kleinen "Helden" schon so früh unsterblich. Das Wort "Heros" ist eine direkte Ableitung von "Hera", und der Name "Herakles" bedeutet "Ruhm der Hera". Die Göttin als seine Feindin ist nur die patriarchale olympische Version; denn ursprünglich war der Held wohl ihr eigener Sohn, in Argos ihr klassischer Heros und in Kreta der unmittelbare Nachfolger von Zeus im Amt ihres Jahreskönigs, d. h. ihres männlichen Begleiters für ein Jahr. Die berühmten zwölf Arbeiten des Herakles waren letzten Endes Heiratsaufgaben, die ihm die Göttin als Vorbedingung für Königswürde und "Heilige Hochzeit " stellte und in denen er sie verherrlichte. Nach seinem Tod söhnte sich Hera mit ihrem "Ruhm" aus, nahm ihn als Adoptivsohn an, liebte ihn von nun an fast wie Zeus selbst und gab ihm zur Frau ihre unscheinbare Tochter Hebe, die sog."Jugendblüte", die als blasse Kopie nur ihre Mutter selbst in ihrem ersten Aspekt als Mädchen - und Frühlingsgöttin "Hera Pais" verkörperte.

Das zweite Opfer der eifersüchtigen Himmelskönigin war Io, die Tochter des Königs Inachos von Argos und ihre eigene Priesterin, in die sich der Göttervater verliebte und die er schließlich vergewaltigte. Um sie vor Hera zu schützen, verwandelte er sie in eine weiße Kuh, die aber auch die Farben "rot – violett " und "schwarz" annehmen konnte und damit die drei Phasen bzw. Dimensionen der Großen Göttin des Matriarchats repräsentierte. Die Gattin von Zeus erbat sich das Tier als Geschenk, ließ es zunächst von einem hundertäugigen Ungeheuer bewachen und verfolgte es schließlich mit ihrem Hass von Griechenland über den Bosporus ("Rinderfurt") und den Kaukasus bis nach Ägypten, wo Hera den Bitten ihres Mannes nachgab und ihm erlaubte, der Kuh wieder ihre menschliche Gestalt zurückzugeben. Ursprünglich war Io jedoch der Name der alten kretischen Erdmutter in ihrem zweiten Aspekt als Nymphen - und Sommergöttin. Gaia, ihre Tochter Rhea und ihre Enkelin Hera stellten die umfassende Ganzheit dieser archaischen Herrin des Lebens und des Todes dar. Die olympische Himmelskönigin selbst wurde als "Pais" (="Mädchen"), "Teleia" (="erfüllte Frau, Gattin"), und "Chera" (="Witwe") verehrt. Io und Hera waren also letztlich nur zwei Seiten der gleichen Gottheit, die sich in der Gestalt der Kuh ausdrückte. Der patriarchale Mythos zeigt die Abspaltung der einstigen weiblichen Totalität in einen passiven, zärtlichen, vergewaltigten Anteil und einen aktiven, aggressiven, sadistischen Aspekt, der seine zerstörerische Energie aber letztlich masochistisch gegen sich selbst richtet und nur durch den versöhnenden Eingriff des Männlichen in seiner gebrochenen Identität wiederhergestellt werden kann.

Auch in der germanischen Mythologie gibt es Entwicklungstendenzen zur Abwertung der einst im Matriarchat herrschenden Großen Göttin. In der Sage von der Schöpfung der Welt trat sie zuerst in Gestalt der Urkuh Audhumla (="die reiche Hornlose") auf, die aus dem Schmelzwasser der Eisströme des Nordens und der heißen Luft des Südens in der Schlucht Ginnungagap entstand. Aus ihrem Euter gingen vier Milchflüsse hervor, die dem anderen noch existierenden Lebewesen, dem Riesen Ymir, als Nahrung dienten. Audhumla aber leckte am salzigen Eis der Schlucht und erschuf so ungewollt mit der Zeit Buri, den Stammvater der Götter. Die Kuh verkörperte hier die nährende, beschützende Potenz des Weiblich – Mütterlichen und gab in dieser unwirtlichen Landschaft eine Geborgenheit, mit der die beiden Männer aber nichts anfangen konnten. Denn Ymir und Buri vertrugen sich nicht und lieferten sich eine erbitterte Feindschaft, die sich bei ihren Söhnen und Enkeln noch verstärkte. Hier lag die Wurzel für den unerbittlichen Hass, der sich zwischen Göttern und Riesen entwickelte und schließlich zum Entscheidungskampf und zum Untergang der Welt führte.

Nach einem Bericht des römischen Historikers Tacitus wohnte die alte germanische Erdmutter Nerthus (="die Unterirdische") in einem heiligen Hain auf einer Insel des Ozeans. Im Frühjahr fuhr ihr Priester mit ihr auf einem geweihten, von Kühen gezogenen Wagen durch das Land. Während dieser Zeit herrschten Ruhe und Frieden, Freude und Festtage. Dies währte aber nur kurze Zeit. Dann kehrte die Göttin wieder in ihr Heiligtum zurück; ihr Wagen wurde in einem See von Sklaven gewaschen, die anschließend dort ertränkt und damit ihrer Herrin geopfert wurden. Nerthus heißt im Altnordischen Jord, die personifizierte Erde, die seit Urzeiten als Mutter allen Lebens galt. In der patriarchalen Asen-Religion wurde aus ihr die männliche Gottheit Njord (="Zeugungskraft") mit den Kindern Freyr (="Herr") und Freyja (="Herrin"). Eine andere Variante von ihr stellte Frigg (="Geliebte, Gattin") dar, die dem obersten Gott Odin (="Dämon") als Frau zur Seite stand. Wie die griechische Hera war sie für die Ehe zuständig, wachte eifersüchtig über die Treue ihres Mannes und stritt dauernd mit ihm über seine Liebschaften. Das Große Weibliche, das von Anfang an bei den Germanen mit dem Symbol der Kuh in Verbindung stand, wurde in der patriarchalen Deformation entweder vermännlicht oder dem Männlichen untergeordnet, d. h. in beiden Fällen entwertet und entwürdigt. Dieser Befund zeigt sich auf ähnliche Weise auch in den anderen, bisher betrachteten Mythen-Kreisen.

Interpretation: Die tiefenpsychologische Forschung untersucht das Sinnbild der Kuh vor allem am Beispiel der ägyptischen Religion. C. G. Jung sieht etwa dieses Tier als Muttersymbol in der überarbeiteten Fassung seines ersten großen Hauptwerkes "Symbole der Wandlung " von 1952 bei allen möglichen Formen und Abarten der Hathor – Isis und besonders bei dem Nun, dem feuchten Urstoff, der zugleich männlicher und weiblicher Natur ist. Diesem entspricht die Urgöttin Nit oder Neith als "die Kuh, die Alte, welche die Sonne gebar und die Keime der Götter und Menschen legte"."Nun" bezeichnet auch das neu ankommende Wasser der Nilflut, ebenso im übertragenen Sinne das chaotische Ur-Gewässer und die gebärende Ur-Materie, die durch die Göttin Nunet personifiziert ist. Aus ihr entsprang Nut, die Himmelsgöttin, die als Frau oder Kuh mit besterntem Leib dargestellt wird. Wenn sich der Sonnengott auf dem Rücken der Himmelskuh zurückzieht, geht er in die Mutter zurück, um als Horus wieder zu erstehen. Die Göttin ist am Morgen Mutter, am Mittag Schwestergattin und am Abend wieder Mutter, die den Toten in ihren Schoß aufnimmt. Diese Ausführungen bestätigen Jung in seiner Grundauffassung, wonach die ägyptische Kultur gerade auch im Bild der Kuh mythologisch die Vereinigung des Sohnes mit der Mutter und den Geschwisterinzest betont und damit auf Regression, Triebfixierung und Naturkreislauf ausgerichtet ist.

Erich Neumann behandelt in "Ursprungsgeschichte des Bewusstseins" von 1949 das Thema des weiblichen Rindes zunächst auf der Stufe des Uroboros. Hier ist die nährende Große Mutter mit ihren vielen Brüsten, die auch phallisch – befruchtend verstanden werden können, mehr Zeugerin als Gebärerin. Die Milchgeberin Mutter vermag sogar deswegen väterlichen, zeugend – schöpferischen Charakter anzunehmen und wird am häufigsten durch das Symbol der Kuh ausgedrückt. An anderer Stelle erwähnt Neumann das Tier nochmals, wenn er in Bezug auf die Ambivalenz der Magna Mater den Blick auf Ägypten lenkt, wo die bedeutenden Göttinnen nicht nur nährende, webende, lebenspendende und –erhaltende Mächte sind, sondern auch Wildheit, Blutgier und Verderben repräsentieren. Neith ist einerseits Himmelskuh und Ur-Gebärende, andererseits aber Kriegsgöttin und Wegbahnerin in der Schlacht ebenso wie Richterin im Streit. Auch Hathor tritt als Kuh, Milchgeberin und Mutter der Sonne sowie als Liebes- und Schicksalsgottheit auf. Tanz, Gesang, Klappern, Rasseln und Trommeln gehören zu ihrem Fest und verraten ihr erregend orgiastisches Wesen. Aber sie kann auch im Krieg zur blutdürstig – rauschhaft – wahnsinnigen Zerstörerin der Menschen werden. Auch Isis hat ihren furchtbaren Aspekt. Erst als Horus der Jüngere seine Mutter enthauptet hat, ist ihre schreckliche Seite vernichtet und verwandelt. Jetzt erhält sie vom Weisheitsgott Thot den Kuhkopf, das Symbol der guten Mutter, und wird zur Isis – Hathor, dem weiblich – mütterlichen Ideal und Vorbild der patriarchalen Zeit. Ihre Macht ist an den Sohn Horus und die Pharaonen abgetreten, ihr destruktiver Aspekt wird ins Unbewusste verdrängt.

In "Die Große Mutter " von 1956 kommt Neumann innerhalb der Thematik des negativen Elementarcharakters noch einmal auf diesen Zusammenhang zurück. Das Bild des Weiblich – Mütterlichen verbindet immer mit dem Tod und Untergang auf eine hintergründige Weise auch das Leben und die Geburt. Auf einem ägyptischen Papyrus erscheint Ta – Urt, das schwangere Tierungeheuer, das Nilpferd und Krokodil, Löwin und Frau zugleich ist und ebenso tödlich wie schützend wirkt. Hinter ihr streckt grauenhaft-sinnvoll die gute Kuh- und Muttergöttin Hathor, die aber gleichzeitig Krieg, Tod und Verderben bringen kann, ihren Kopf hervor. Beide tragen dieselben Kuhhörner wie Isis, die das Haupt des Horus an sich drückt. Die im Laufe der patriarchalen Entwicklung verdrängte Negativ–Seite des Großen Weiblichen ist heute nur noch als Inhalt der Vorzeit oder des Unbewussten nachzuweisen. Ein letztes Mal nähert sich Neumann dem Kuh–Symbol durch die Einführung von Methyer als kosmischer Personifikation der Ur-Gewässer und von Mehurt als Gebärende des Sonnengottes. Beide sind aber nur spezielle Erscheinungsformen von Hathor, Nut oder Isis, deren Einheit in Wirklichkeit alle weiblichen Gottheiten Ägyptens umfasst. Die Kuh als Urflut und Himmelsozean ist das ursprüngliche und primitive Symbol der Vorzeit und ein echtes Sinnbild weltschöpferischer Mütterlichkeit. Als Tier am westlichen Berg umfasst sie auch die Unterwelt und den Wasserabgrund der Tiefe. In der ägyptischen Mythologie erscheint die obere Kuh als Mutter der Horus–Sonne und die untere als Hathor der Toten.

Hedwig von Beit hat sich in ihrer "Symbolik des Märchens" von 1952 mehrfach zum Thema des weiblichen Rindes geäußert. Die Kuh bedeutet für sie vitale Kraft, das Lebendig - Nährende, einen höchsten Wert für die primitive Kulturstufe, ein Symbol der fruchtbaren, mütterlich spendenden Natur und somit der Erd- und Mutter-Gottheit. In China ist das weiblich - empfangende Yin-Prinzip unter dem Bild dieses Tieres dargestellt als Sinnbild äußerster sanfter Fügsamkeit. Hier ergibt sich eine Parallele zur Baum -Symbolik der Magna Mater. Die Himmelsgöttin und Kuh-Mutter Hathor hieß in Ägypten u. a."Herrin der Sykomore", und im indischen Mythos existierte entsprechend der Wunschkuh etwa des Gottes Indra auch ein Wunschbaum, der alle Fantasien Wirklichkeit werden ließ. Das Symbol des weiblichen Rindes erscheint bei den Märchen in der gleichen Bedeutung wie bei den Sagen und hängt hier wie dort eng mit dem Vorstellungskreis der Großen Mutter zusammen. Die Kuh, die den Helden zur Anima –Gestalt führt, ist z. B. ein solches Bild der Magna Mater. Sie tritt besonders dann als Vorstufe der weiblichen Seite des Mannes auf, wenn das Bewusstsein des Menschen wie etwa beim Dümmling noch kindlich – unreif ist. Dieses Tier als ein Symbol für das nährende Wesen des Unbewussten kennt die Lebensquellen, das Land jenseits des Wassers, aus welchem der seelische Reichtum des Einzelnen stammt. Der Held kann zu seinem Ur- und Idealbild, das er verwirklichen muss, nur durch Verbindung mit Kühen werden, weil zur eigentlichen Weisheit auch das Prinzip der Erde, des Weiblichen gehört, das dem ruhelos schweifenden Geist des Mannes Nährboden und Wirklichkeit gibt.

Das Hüten der Mutter-Kuh bedeutet für ein Mädchen im Märchen eine sorgfältige Beachtung des eigenen Unbewussten, im besonderen der eigenen Weiblichkeit. Dieses Tier als Sinnbild der Fügsamkeit hilft der Heldin durch Gehorsam und Geduld, zu sich selbst zu kommen. Indem der Mensch dieses Einfügen und Hinhören, diese freiwillige Abhängigkeit in sich pflegt, erlangt er Klarheit ohne Schärfe und findet seinen Platz in der Welt. Beim Umgang mit der Kuh geht es um eine wissendere Einstellung der Heldin zum Unbewussten und um eine angemessene Reaktion auf dessen dämonische Seite. In den Mythen wurde beim Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat die Symbolik des weiblichen Rindes parallel zur Macht des Großen Mütterlichen entwertet und seine kosmische Potenz auf die bloß nährende und pflegende Funktion reduziert. Doch in den Märchen gewinnt das Verdrängte wieder seine ursprüngliche, umfassende Bedeutung zurück, indem dort die Kuh zum Sinnbild des kollektiven Unbewussten wird, das in dieser Gestalt hilfreich in das Leben der Menschen eingreift, ihnen seine tiefere Weisheit zukommen lässt und so ihre Entwicklung bis zu ihrem inneren wie äußeren Glück fördert.

Literatur: Standard

Autor: Schröder, Friedrich

Meine Werkzeuge
Namensräume
Varianten
Aktionen
Navigation
Werkzeuge