Buchstabe

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Keyword: Buchstabe

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Definition: Buchstaben (ahd. buohstap: Stab mit Runen; Stab aus Buchenholz, Zusammenziehung von Buchenholz, Buch und Stab, senkrechter Hauptstab der Runen) sind grafische Zeichen, die einen Laut oder eine Folge von akustischen Lauten abbilden. Mit der beschränkten und überschaubaren Zahl abstrakter Zeichen, die die Buchstabenschriften entwickelt haben, können alle Laute und Wörter einer Sprache zusammengesetzt werden.

Information: Ägyptische Bilderschrift und die babylonische Keilschrift haben Spuren in den Buchstabenzeichen hinterlassen. Hieroglyphen (griech. hieroglyphika grammata, d. h. heilige Schriftzeichen) bildeten anfänglich Götter und diesen zugeordnete Objekte und Taten ab, später nicht sakrale Objekte und ihnen zugehörige abstrakte Prinzipien; später repräsentieren sie auch Lauteinheiten. Die babylonische Keilschrift abstrahierte in ihren Piktogrammen (lat. pictum, pingere: malen; griech. grammatikos: Buchstabe, Schrift) die Bildersprache durch Beschränkung auf gerade und konische Linien. Die Phönizier stellten als erste nicht mehr bedeutungstragende Lauteinheiten, sondern die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten, also Einzellaute, grafisch dar. Sie setzten die Anfangslaute bestimmter Worte mit dem schon bestehende Bildzeichen des Wortes gleich, gaben das Bild als Schriftzeichen auf und benannten jetzt den Anfangslaut des Wortes mit diesem Zeichen. Damit waren die Buchstaben erfunden. Es wird vermutet, dass sie die Worte als Namen für die Buchstaben auswählten, die für sie zentrale Bedeutung hatten: Aleph, d. h. Ochse, im Bildzeichen ein Ochsenkopf, war jetzt nicht mehr der Ochse, sondern alpha, der Buchstabe; ähnlich beth, Haus: beta; gimmel, Kamel: gamma; daleth, Tür delta; jodh, Hand jota; pe, Mund: pi; ros, Kopf rho etc.

In Zeiten der Globalisierung werden zusätzlich zur Buchstabenschrift oft an international besuchten Orten wieder Piktogramme eingesetzt, weil sie komplexe und symbolische Inhalte wesentlich kürzer und nicht an eine Sprachkompetenz gebunden, vermitteln können.

Interpretation: Buchstaben als kleinste Einheiten der Wörter sind Quelle spekulativer Erkenntnis, wenn Worte als sich verströmender göttlicher Atem und Geist verstanden werden. Philosophisch-metaphysische Sprachforschung interessiert, wie weit akustische Laute und geschriebene Buchstaben als Bilder allgemeine geistige Prinzipien und Strukturen bezeichnen. Das B, erster Buchstabe des Korans und der hebräischen Bibel, gilt z. B. als Geburtsort der Schöpfung. Möglicherweise wurzelt diese Vorstellung in der Aussprache des B: die Luft wird kurz zurückgehalten, dann kommt der Ton aus der Stille des sich öffnenden Mundes hervor. Kabbala und andere mystischen Traditionen verstehen ähnlich jeden Buchstaben aufgrund seines Klanges, der Form und der ihm zugeschriebenen Zahl als Ausdruck archetypischer Lebensprinzipien und -energien, die sich im Wort zu verschiedenen Formen des Lebens und der Welt zusammenfügen.

In der Musik sind Töne und Tonarten mit Buchstaben bezeichnet, denen Tonfarben zugeordnet werden. Hinduismus und Tantrismus verwenden Mantras (sanskrit: Mitte des Denkens; ursprünglich vedische Hymnen, später Bezeichnung für heilige Silben wie das OM). Transzendentale Meditation benutzt individuelle Mantras, die durch Klang und Figur der Buchstaben psychische Inhalte assoziativ berühren und magisch verstärken.

Manchmal werden Buchstaben so abstrakt, dass das Wesen ihres Inhaltes verloren geht, oder sich zu weit aus seinen ursprünglichen lebendigen Bezügen entfernt und willkürlich wird. "Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig" (2. Korintherbrief 3,6) schreibt Paulus. Umgangssprachlich sprechen wir dann vom toten Buchstabe, davon, am Buchstaben zu kleben, sich an den Buchstaben zu klammern. Etwas nach den Buchstaben des Gesetzes oder buchstabengetreu zu erfüllen, kann bedeuten, dass etwas nur formal erfüllt wird, aber auch, dass man sich streng an Vereinbarungen hält. Mit "buchstäblich" als Zusatz verstärken wir eine Aussage (buchstäblich am Verdursten sein). Buchstabengläubig ist, wer eng oder naiv denkt.

Beim Lesen einer erschreckenden Nachricht können die Buchstaben einem vor den Augen tanzen. Ein "Buchstabensalat" verbildlicht Sinnlosigkeit und Chaos, Nichtverstehen, Nichtfunktionieren, kann auch für Chaos und seine schöpferischen Möglichkeiten stehen. Im Alltag haben oft Anfangsbuchstaben des eigenen Namens oder des Namens von geliebten Menschen besondere emotionale Ladung. Liebende z. B. verschlingen ihre Initialen ineinander, ritzen sie in Bäume, gravieren sie in Schmuck. Therapeutische Symbolarbeit kann die "Mana"-Aufladung von Buchstaben nutzen, z. B. um scheinbar "tote" oder nichtssagende Buchstaben und Worte aus der eigenen Geschichte wieder zu beleben oder neue Beziehung zu dem damit verbundenen Bedeutungskomplex zu entwickeln.

Ein achtjähriger adoptierter Junge schrieb seine Initialen anfänglich oft klein in einer Ecke des Sandkastens. Im Laufe der Therapie wurden sie größer und zentraler geschrieben, mit Steinen gelegt, als bewegliche Lettern in Ton gestaltet, aus Holz gesägt. Der Junge brauchte die Beweglichkeit der Lettern, weil er die Reihenfolge seiner Initialen – deutscher sowie ursprünglicher Vor- und Nachname – in Zusammenhang mit der Klärung seiner Identität und Stellung in Familie und im deutschen Umfeld bearbeitete. Mit den beweglichen Initialen konnte er in diesem Prozess genügend von sich abstrahieren und Distanz schaffen, um seinen ursprünglichen und seinen deutschen Namen und seine Identität auseinander- und neu zusammenzusetzen.


Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette

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