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Version vom 6. Dezember 2011, 14:24 Uhr

Keyword: Flugzeug, fliegen

Links: Abgrund, Aufstieg, Ballon, Engel, Eros-Prinzip, Fallen, Flügel, Himmel, Oben, Luft, Vogel

Definition: Das Flugzeug ist ein Verkehrsmittel, das dem Menschen erlaubt, sich in der Luft fortzubewegen.

Information: Die Idee der Konstruktion einer Flugmaschine reicht bis in die Antike zurück. Erste Konstruktionspläne für ein solches Flugzeug, dem Abbild und der Anatomie eines Vogels nachempfunden, sind von Leonardo DaVinci überliefert. Die Realisation des Flugzeugbaus begann mit Otto Lilienthal, der sich 1862 bereits als 14jähriger mit der Flugtechnik auseinandersetzte. 1891, im Geburtsjahr des menschlichen Fliegens, flog er das erste Mal: 25 m weit in 5-6 m Höhe. Am 10. 8. 1896 stirbt er nach einem Absturz.

Die Gebrüder Wright begannen im Okt. 1900 mit ihren ersten Flugversuchen. Der längste Flug dauerte 72 Sekunden, die längste Strecke 622, 5 m. Die Technik des Motorbaus ermöglichte das heutige Flugzeug. Am 17. 12. 1903 waren die ersten erfolgreichen Motorflüge, im Dez. 1908 blieb Wilbur Wright mit einem Gast 1 Std. 9 min in der Luft. Louis Bleriot flog als erster Mensch 1909 über den Kanal, Whitten-Brown und Alcock überquerten 1919 den Atlantik, Charles Lindbergh startete am 20. 5. 1927 als erster allein über den Atlantik (insgesamt 5800 km in 33, 5 Flugstunden).

Der Traum vom Fliegen ist uralt: Die Erzählung der Himmelfahrt des Etana, der schon 3000 v. Chr. von einem babylonischen Künstler auf einem Siegelzylinder abgebildet wurde, findet sich auf Tontafeln: Etana möchte fliegen, weil er das Kraut des Gebärens suchte, das er auf der Erde nicht fand. Fliegen ist schon immer verbunden mit der Sehnsucht nach dem auf der Erde Unerfüllbaren, dem Streben, Unerreichbares zu erzwingen, dem Menschen gesetzte Grenzen zu durchbrechen, sei es aus Not oder aus Hybris.

Das Motiv des Etanamythos taucht wieder auf im deutschen Volksmärchen "Bärensohn", in der Bibel und im griechischen Mythos "Ganymed". Ein anderes Motiv wird im Mythos der Perser (Firdausi 1000 n. Chr. in "Scha-nama") um den Schah Kei Kaus beschrieben, der fliegen will, um den Himmel zu erobern. Das Motiv des größenwahnsinnigen Machtbewusstseins und der dünkelhaften Selbstvergottung wird im Mythos um Nimrod zugespitzt, der beschließt, sich an Gott zu rächen aus Wut darüber, dass der Herr den zum Tode verurteilten Abraham vom Scheiterhaufen errettet hat. Er fährt mit einem von Geiern bespannten Himmelswagen.

In der Geschichte vom Alexanderflug kommen die Überlieferungen der alten Völker (persisch-arabisch-jüdisch und sumerisch-babylonisch-assyrisch) in der Geschichte eines Helden zusammen. Auf dem Tor in Remagen und an den Münstern in Basel und Freiburg sind Darstellungen des Alexanderfluges, die den heidnischen Welteroberer darstellen, der sich zum Schaden seiner Seele an weltlicher Macht berauschte, in unerhörter Verblendung bis an die Pforten des Paradieses vordrang und, von gerechter Strafe ereilt, eines frühen und plötzlichen Todes starb. Alexander flog aus Wissensdrang und Neugier lt. der ersten Quelle, dem alten Pseudo-Kallisthenes. Die moralische Wertung taucht erst in der Bibel auf.

Interpretation: "Ikaros" ist der erste Mensch, der das Erlebnis des Fliegens mit dem Leben bezahlen musste: Dädalos hatte aus Neid seinen Neffen getötet. Die Idee des Fliegens entwickelt Dädalos in der Gefangenschaft, einer menschlichen, selbst verschuldeten Not. Er will die Grenzen des Menschseins mit dem Fliegen durchbrechen, die Strafe ereilt seinen Sohn, der begeistert vom Fliegen zu hoch fliegt.

Älteste Darstellung nördlich der Alpen ist die Sage von "Wieland, dem Schmied", die in der "Völundarkvida" der "Edda" und in der "thidreksaga", einer norwegischen Sammlung von Heldenliedern, enthalten ist. Hier wird die Fähigkeit des Fliegens zum Mittel, sich am König zu rächen und damit seine Ehre wiederherzustellen. Aus höchster Not erwächst ihm die Kraft des Fliegens, Symbol für politische und künstlerische Selbstbefreiung.

Auch bei Gerhard Hauptmann (1925) ist die Flugkraft Wielands das Sinnbild für die Überwindung des Leidens und den Triumph des menschlichen Willens, bildlich dargestellt auf dem angelsächsischen Runenkästchen aus dem 8. Jahrhundert im Britischen Museum in London.

Als weitere Motive für das Fliegen sind zu erwähnen: das Fliegen der Hexen, um sich sexuelle Wünsche zu befriedigen; das Fliegen des Doktor Faustus aus ungestilltem Wissensdrang."Die Auffassung des Volksglaubens, dass Kinder vom Storch durch die Luft fliegend gebracht werden als Symbol des Volksglaubens für das geheimnisvolle Zusammenfinden eines körperlichen und eines Geistigen, aus dem der Mensch entsteht [...]. Was vom Storch durch die Luft gebracht wird, ist nämlich eigentlich nicht das Kind, sondern die Seele des Kindes. Die Seele wird in Gestalt eines Vogels symbolisiert." (Lochner, 1972, S. 66f.)

In dem Jugendroman: "Auf und Davon oder der Traum vom roten Flugzeug" von Siegfried Chambre (1994) geht es um die Flucht von Rumänien nach Deutschland und das Flugzeug steht für die Sehnsucht nach Freiheit."Der Gedanke des Fliegens hat sich im Wandel der Jahrtausende von dumpfer, triebhafter Unbewusstheit durch alle Schichten der menschlichen Seele hindurch bis zur rationalen Bewusstheit seiner technischen und wissenschaftlichen Verwirklichung emporentwickelt. Die Geschichte des Fluggedankens ist die Geschichte des Aufstiegs eines Seeleninhaltes." (Lochner, 1972, S. 75)

Trotz beträchtlicher Unterschiede in den geschichtlichen und religiösen Zusammenhängen bedeutet das Symbol des Fluges auf allen Kulturstufen "immer die Aufhebung der natürlichen Bedingtheit des Menschen, Transzendenz und Freiheit" (Eliade, 1961 S. 159)."Der "Flug" drückt plastisch die Fähigkeit gewisser Individuen aus, willentlich den Körper zu verlassen und im "Geist" durch die drei kosmischen Bereiche zu reisen." (Eliade, 1961, 147)

Für C. G. Jung (GW 13, 399 u. GW 14/I, 290) steht das Flugzeug symbolisch für das "emotionale Realisieren von Gegensätzen im Auf- und Absteigen." Er sieht das Flugzeug als Motiv für geistige Intuitionen, mit denen man sich nicht identifizieren, d. h. zu weit von der Erde entfernen soll, anstatt früher der Adler von Zeus oder das Erklettern des Baumes (GW 12, 147f.)

C. G. Jung erzählt in "Traumsymbole des Individuationsprozesses" (GW 12, 147) folgenden Traum: "Der Träumer, der Arzt, ein Pilot und die unbekannte Frau sind in einem Flugzeug auf der Fahrt. Plötzlich zertrümmert eine Krockettkugel den Spiegel, ein notwendiges Navigationsinstrument, und das Flugzeug stürzt ab. Auch hier wieder der Zweifel, zu wem die Unbekannte gehört." Jung sieht in der Art des Vehikels im Traum die Art der Bewegung, respektive den Modus, nach dem man sich in der Zeit fortbewegt – mit anderen Worten: wie man seelisch lebt, ob individuell oder kollektiv, ob aus eigenen oder fremden, geborgten Mitteln, ob spontan oder mechanisch. Im Flugzeug vom Piloten geführt heißt für Jung, von Intuitionen unbekannter Herkunft getragen.

Man könnte auch sagen, das Element, in dem sich jemand fortbewegt, entspricht einer der psychischen Orientierungs-Funktionen. Mit dem Flugzeug fliegen hieße dann, dass jemand überwiegend seinen Intuitionen oder dem Denken folgt, er aber keinen Kontakt zum Fühlen oder Empfinden hat. Ein Flugzeugabsturz hieße dann, dass die alte Funktion in dieser Lebenssituation nicht mehr taugt.

Eine Patientin, die nach einer Trennung schwer depressiv geworden war, wobei sie, die selbst Gefühlen keinerlei Stellenwert in ihrem Leben beimaß, lange nur die Gewichtsabnahme und die massiven Schlafstörungen bemerkte und es dann für völlig absurd hielt, dass eine Trennung eine derartige Krise ausgelöst haben sollte. In den ersten Monaten der Therapie wiederholten sich Träume mit Flugzeugen, die auf verschiedene Art auf die Erde kamen:

Die Patientin saß mit einer ausländischen Freundin, mit der sie lange zusammengearbeitet hatte, zu der aber der Kontakt abgerissen sei, im Freien, habe mit ihr geredet und die Sterne beobachtet. In den Sternen flog ein Flugzeug, das plötzlich in der Luft explodierte, die Trümmer flogen überall herum. Plötzlich lag ein Telephon, ein Handy, vor ihnen.

Die Patientin sah von einem Hotelzimmer aus, dass ein Flugzeug abstürzte. Sie ging in ein Parkhaus, wo eine Frau war. Beide stiegen die spiralig ansteigende Bahn rauf, um das Flugzeug in der wunderschönen, grünen, hügeligen Landschaft zu sehen. Oben saß ein 80 Jahre alter Mann, der schlief mit einem braunen Hund neben sich.

Im einem zweiten Traum derselben Nacht saß die Patientin mit fünf oder sechs Anderen in einer Propellermaschine, die langsam sich dem Boden näherte, landete oder abstürzte, aber sanft in einen flachen See mit lauwarmen Wasser.

Als letzten in dieser Serie träumte sie folgenden Traum: sie saß in einem Flugzeug, das vom Himmel aufs Wasser und dann unter Wasser flog. Erst hatte sie die Berge von oben gesehen, jetzt sah sie sie unter Wasser und redete mit jemanden, den sie nicht sah.

Literatur: Standard, Lochner (1972)

Autor: Junghan, Marianne