Backwerk

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Keyword: Backwerk

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Definition: Der alte Begriff Backwerk enthält eine hohe Wertschätzung eines Backproduktes, denn ein Werk ist eine einer größeren Aufgabe dienende, eine besondere, oft auch künstlerische Tat oder Arbeit, die Kenntnis, Sorgfalt und Geschicklichkeit verlangt.

Gebäck, abgeleitet von backen, vermutlich im 15. Jh. entstanden, zunächst in der Bedeutung von "auf einmal Gebackenes” und Feingebäck (zweimal Gebackenes ist der harte und trockene Zwieback), bezeichnet kleine, meist süße gebackene Teigspeisen, oft als Nachtisch oder zu Kaffee oder Tee genossen. Kuchen ist ein größeres, in einer Form oder auf einem Blech als ganzes gebackenes, meist süßes Gebäck.

Das Wort Kuchen ist wohl aus der Kinder- und Lallsprache entstanden – kaka oder koka, vergleichbar mama oder papa – und bedeutet ursprünglich wahrscheinlich Speise oder Brei. In Fett gebackene kleine Kuchen werden auch als Küchel bezeichnet, abgeleitet von kücheln für Fettgebackenes bereiten. Ein aus mehreren Schichten bestehender Kuchen mit Creme o. ä. oder Früchten gefüllt ist eine Torte. Ursprünglich beruht das Wort auf lat. torta d. h. rundes Brot und frz. Tourte: Fleischtorte oder Ölkuchen.

Information: Die frühesten Kuchen und Gebäcke sind mit Honig, ältestem Süßstoff, Heilmittel und geheiligter Speise, gesüßt, also Honigkuchen. Seit den Kreuzzügen ist auch der zuerst in Ostasien aus Zuckerrohr gewonnene Zucker gehandelt worden, ist zunächst selten und teuer und gilt als Gewürz. Honigkuchen gehören vermutlich zu den ältesten Backwerken überhaupt. Abwandlungen davon sind Lebkuchen, Pfeffernüsse (Pfeffer bedeutete allgemein Gewürz) u. ä. Gebäcke, die außer mit Honig auch noch mit anderen kostbaren Ingredienzien gewürzt sind. Auch die Kombination mit vollreifem Obst und mit Trockenobst und Nüssen sorgte schon früh für Süße und Abwechslung und dafür, dass die geballte Kraft der Natur in die Kuchen eingebacken worden ist. Ursprünglich sind diese Gebäcke eher als Brot oder Brotkuchen betrachtet worden und ihre Kostbarkeit hat sich bis heute darin erhalten, dass sie als Weihnachtsgebäck bzw. Weihnachtsbrote oder -brötchen und Osterbrote gebacken werden.

Interpretation: Als Brot sind sie Nahrungsmittel gewesen, Gewürze haben diese Kuchen wertvoll gemacht und die Süße ist als Sinnbild für angenehme und wohltuende Empfindungen, für körperliche und geistige Wonne überhaupt angesehen worden. Als süß wird das Jesuskind in Weihnachtsliedern besungen, süß klingen die Glocken im Weihnachtslied, süß finden Menschen Babies, kleine Kinder, Tiere und geliebte Objekte. Auch dass Honig- und Lebkuchen wie auch anderes Weihnachtsgebäck bis heute oft auf ungesäuerten Oblaten gebacken wird, die geweiht auch als Hostie verwendet werden, verweist auf ihren kostbaren, symbolträchtigen Charakter.

Gebäck und Kuchen als Fein- oder Zuckerbackwerk hat einen etwas anderen Charakter als das Brot als alltägliche, kräftige und kräftigende Speise. Hefekuchen ist dem unentbehrlichen und kräftigen Brot am nächsten, und das Backen eines Hefekuchens ist eine ähnlich diffizile Angelegenheit wie das Brot backen, die Zeit und Ruhe verlangt. Viele traditionelle, symbolhafte, nahrhafte, wertvolle und oft weniger mit raffiniertem Zucker und mehr mit anderen Zutaten wie Gewürzen, Honig, Rosinen, Trockenfrüchten, Marmelade etc. gesüßte Gebäcke sind Hefegebäcke: Stollen, Osterzopf, Fruchtbrote, Fettgebackenes wie Krapfen und Berliner. Auch der Leichenschmaus wird traditionell in vielen Gegenden Deutschlands mit einfachem und wenig süßem Kranzkuchen (ähnlich dem Osterzopf oder Osterkranz) und Guglhupf ausgerichtet. In ländlichen Gegenden und auch in städtischen Nachbarschaftsgemeinden hat sich bis heute oft die Sitte erhalten, von diesem Kuchen an die Gemeindemitglieder etwas abzugeben.

Kuchen, Gebäcke und Torten sind meist mit einem Hauch von Luxus, von Überfluss, von besonderem Augenblick verbunden. In manchen Situationen ist der leichte, zarte und süße Kuchen auch zu süß und zu leicht und deswegen nicht wie das Brot unentbehrlich. Süße und zarte Kuchen oder Gebäcke sind fast allen Menschen als Geschenk, Belohnung und Trost vertraut, gelten als etwas Sonn- Fest- und Feiertägliches, als etwas, das man in ganz anderen Situationen, Zeiten und Gegenden genießt: Sonntagskuchen, Geburtstags- und Hochzeitskuchen oder -torte, Weihnachtsplätzchen, Stollen und Osterzopf, regionaltypische Gebäcke, durch Zutaten saisonabhängige Kuchen etc.

Weihnachtsgebäck wird traditionell an die Kinder verschenkt, und wenn das Backen in den Familien etwas Besonderes ist, ist auch das Verschenken von Kuchen oder Gebäck eine besondere Geste, mit der man den Beschenkten ehrt und ihn zugleich an einem familiären Tun teilnehmen lässt. Man zeigt mit dem selbstgebackenen Kuchen und Gebäck etwas über die Back- und Esskultur in der Familie, man zeigt etwas vom eigenen Können und vom eigenen Geschmack, von der eigenen Sinnlichkeit, man lässt den Umgang mit der Fülle der Zutaten durchscheinen, etwas von den eigenen weiblichen Seiten und von eigener Kreativität. Kinder und Jugendliche, manchmal auch Erwachsene, bringen gerne ein Stück vom Geburtstagskuchen oder sonstigen Familienfesten mit in ihre Therapiestunden und zu Weihnachten die gemeinsam mit der Mutter oder Großmutter gebackenen Plätzchen.

Etwas abwertend erscheint der Kuchenbegriff in manchen Sprachbildern, vielleicht, weil er nicht ganz so unentbehrlich ist wie Brot: Pustekuchen, manchmal auch Pfefferkuchen sagt man, wenn man vergeblich auf etwas gewartet oder etwas missverstanden hat. Sich einen Kuchen zu teilen weist auf gieriges, manchmal übervorteilendes Verhalten beim Teilen eines Gewinnes oder einer Beute und wird häufig in Politik und Wirtschaft benutzt, ebenso bedeutet, etwas vom Kuchen abgeben zu müssen, dass jemand seinen Gewinn teilen muss.

Wenn Kuchen und Gebäck – wie die anderen mit Zucker und Fett hergestellten Süßigkeiten und Naschereien – nicht mehr den Hauch von Luxus und Besonderheit haben, werden sie verführenden oder verbotenen Kalorienbombe und "teuflischen” Versuchung oder weisen auf einen ungeeigneten Versuch hin, sich positive kindliche Emotionen zurückzuholen. Die Ambivalenz des süßen Kuchens im Unterschied zum Brot wird im Bild des Pfefferkuchenhauses im Märchen von Hänsel und Gretel spürbar.

In der Urfassung des Märchens ist dieses Hexenhaus ein Brothaus mit einem Dach aus Pfefferkuchen und Fensterscheiben aus Zucker. Hänsel und Gretel sind hungrig, als sie vom Vöglein geführt, zu diesem Haus kommen, und sie nehmen sich vom süßen Dach und von den Fensterscheiben. Einen Augenblick lang können sie sich ausruhen, essen, Nahrung und Süße erfahren, bevor der dunkle Aspekt der Großen Mutter ihnen erneut begegnet. Einen Augenblick lang scheinen sie getröstet und geborgen. Ihre Lebensenergien werden wieder spürbar, als sie der Hexenstimme aus dem Innern des Hauses schlagfertig und mutig antworten können. Dieser Punkt im Märchen kann das abbilden, was in unterschiedlichsten Süchten erlebt wird, es ist ein Punkt der Wende, die gefangensetzende Mutterhexe lauert schon auf das bedürftige, abhängige, geschwächt sich verlierende Ich. Der süße Kuchen und der Zucker sind Hinweis darauf, dass es nicht nur um Hunger, Entbehrung, Nahrungsaufnahme und körperliche Bedürfnisse geht, sondern darum dass Kummer und Not, Schrecken und Angst des Allein- und Getrenntseins dem Trost des süßen Genährtwerdens weichen.

Hänsel- und Gretel haben genügend psychisches Potential, um wieder aus dem Pfefferkuchenhaus heraus zu finden und darüber hinaus aus genügend Reichtum für ihr weiteres Leben mit nach Hause nehmen. Süße Verwöhnung in ihrer Ambivalenz, dem Festgehaltensein, dem Suchtpotential ist bild- und märchenhaft auch im Schlaraffenland beschrieben, zu dem man sich durch süßen Brei oder Kuchen durchisst und in dem man dick, träge, abhängig und passiv wird. P. Bruegel d. Ä. hat diesen Aspekt in seinem Gemälde "Das Schlaraffenland” 1567 dargestellt.

Der ganz besondere oral-symbiotische Aspekt des Kuchens taucht im Wort Mutterkuchen (Plazenta ist ein breiter, flacher Kuchen) für das der Ernährung und Atmung des Kindes im Mutterleib dienende, aus mütterlichem und kindlichem Gewebe gebildete Organ auf. Der Mutterkuchen ermöglicht den Austausch von Nährstoffen bei gleichzeitig getrenntem Kreislauf. Das Kind ist mit diesem nährstoffreichen Kuchen durch die Nabelschnur verbunden, und es hat darüber teil an positiven und negativen Stoffen, die die Mutter zu sich nimmt. Zugleich

Eine an Magersucht mit Erbrechen und an Panikanfällen leidende, an beide Eltern ambivalent gebundene Adoleszente erzählte als unangenehmste Lebenssituation, wie sie und die Mutter seit sie sich erinnern konnte, abends hungrig auf den Vater warteten. Dieser versprach regelmäßig, um 20. 00 Uhr zum Abendessen zu kommen und kam ebenso regelmäßig nicht früher als 22. 00 Uhr, oft noch später, nach Hause, machte sich frisch und kam dann zum Esstisch geschlendert, immer mit einer verwunderten und abwertenden Bemerkung darüber, dass Mutter und Tochter hungrig auf ihn gewartet hatten und mit der ebenso abwertenden Feststellung, sie hätten doch mittags ihren Kuchen gehabt, wohingegen er mit einem Apfel Vorlieb genommen habe. Die angenehmste Erfahrung der jungen Frau: Vor dem Beginn der Magersucht habe sie nachmittags mit der Mutter immer ein Stück Kuchen gegessen und dabei mit ihr über alles reden können, was sie und die Mutter beschäftigte. Die zwar normalgewichtige aber dennoch essgestörte Mutter habe sich das Stück Kuchen gegen ihr eigenes schlechtes Gewissen und gegen den Vorwurf des Vaters, sie sei zu dick und Kuchen zu essen sei nicht akzeptabel, ertrotzt.

Die Magersucht der Pat. hatte dieses Ritual beendet, die Jugendliche sehnte sich zugleich danach, dieses Ritual mit der Mutter wieder aufnehmen zu können und fürchtete es. Die Mutter berichtete, dass die Magersucht und das Erbrechen der Tochter erreicht hätten, dass sie nun endgültig mit dem Nachmittagskuchen aufgehört habe. Seit sie in ihrem zehnten Lebensjahr begonnen hatte, Tagebuch zu schreiben hatte die Pat. dieses Stück Kuchen als "Mutter = Kuchen” bezeichnet. Das Wort hatte sie in einem Streit der Eltern aufgeschnappt. Sich ihrem "Mutterkuchen” auf der Objekt- und Subjektstufe der Symbolarbeit anzunähern, ermöglichte ihr die spezifische intra- und interpsychische Dynamik von Autonomie und Abhängigkeit zu erfassen, die ihr bisheriges psychisches Leben bestimmt hatten. Sie konnte einen Zugang zu ihrer ambivalenten Beziehung zu den Eltern finden, die sie bis dahin immer hatte leugnen müssen. Sie entdeckte die möglicherweise toxischen Wirkungen der pathogenen Familiendynamik, Abhängigkeit und Unabhängigkeit in der Mutter-Kind-Dyade, die hexenhafte und gefangensetzende Verwöhnungssituation mit der Mutter. Über das Symbol des Mutterkuchens konnte sie ihren guten Intellekt zur Bearbeitung ihrer Beziehungskonflikte ebenso hilfreich einsetzen wie ihre Intuition und ihren Zugang zu Märchen, Dichtung und Kunst. Zum ersten Mal, so hatte sie später den Eindruck, hatte sie erfahren, dass in ihr Ressourcen liegen, zu denen sie intuitiv und intellektuell Zugang hat. Wie sonst hätte sie als Zehnjährige den hochambivalenten Kuchen am Nachmittag so treffend als Mutter=Kuchen bezeichnen können.

Der im Therapiezimmer sich befindende Sandkasten erweckt bei vielen Patienten als eine der ersten Assoziationen das Sandkuchenbacken im Sandkasten der Kinderzeit. In regressiven Therapiephasen wird manchmal im Sandkasten Bäcker gespielt, Kuchen gebacken und "gegessen”. Es entsteht dabei eine Situation, in der auch Kinder, die spontan nicht viele Erinnerungen an ihre Kindheit erzählen, sich an positives oder negatives Erleben aus der Sandkastenzeit erinnern. Sie erzählen dann beispielsweise von ihren aggressiven Konflikten oder ihren Gefühlen von Hilflosigkeit, weil ein anderes Kind ihnen immer den Kuchen zertrampelt hat. Progressive Schritte in einem therapeutischen Prozess werden manchmal durch das Gestalten eines Geburtstagskuchens oder einer Torte angezeigt.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette