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Version vom 4. November 2011, 13:32 Uhr

Keyword: Anfang

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Definition: Entstehung, Ursprung, Beginn einer Sache oder eines Prozesses.

Information: Die Beschäftigung mit Anfang, Ursprung, Beginn, dem Ersten, der Ur-Sache ist archetypisch und führt letztlich zur Frage nach dem Anfang aller Dinge: "Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde", beginnt die Bibel (Genesis); "Im Anfang war das Wort" ist das Johannes-Rvangelium eingeleitet, und ähnlich beginnen viele mythologische Überlieferungen mit Schöpfungsgeschichten. Häufig wird ein Schöpfergott oder -paar als Erstes und Ewig-Seiendes an den Anfang gestellt. Die moderne naturwissenschaftliche Kosmologie sieht am Anfang des heutigen Universums, den Urknall. Der Anfang liegt häufig im Dunkel des Unbewussten und der Vergangenheit, beginnt in unserem Bewusstsein oft mit einem ungenauen Gefühl oder einem Einfall, mythologisch heißt das dann, dass es von einem Gott gegeben, erschaffen oder gelehrt ist.

C. G. Jung beschreibt das Bewusstsein als den eigentlichen Weltschöpfer, weil es aus der "Stille des ewigen Anfangs, der Welt, wie sie schon immer war", die Welt hervorbringt, die jetzt in einem bestimmten Augenblick für ein bestimmtes Individuum ihren Anfang nimmt und Bedeutung bekommt. (Jung/Jaffé, 1961, S. 259)

Interpretation: Wir sind alle auf der Suche nach dem Anfang oder dem Ausgangspunkt und seinem Grund und Ziel, weil wir etwas wahrnehmen und begreifen wollen. Der Ursprung des Wortes (mhd. an (e) vahen, ahd. anafahan: anpacken, angreifen, anfassen) zeigt: Im ganz konkreten Anfassen und Angreifen erfassen und verstehen wir – Säuglinge beginnen in diesem Doppelsinne die Welt zu erfassen und zu begreifen. Das Anpacken beinhaltet den zweiten Aspekt des Anfangs: Wir nehmen etwas in Angriff, schreiten zur Tat, bringen etwas ins Rollen, rufen es dadurch ins Leben.

Goethes Faust entscheidet sich in seiner Lebenskrise für "Im Anfang war die Tat" – ein folgerichtiger Anfang, um die bisherige einseitige Betonung des Logosaspektes ("ImAnfang war das Wort", "Im Anfang war der Sinn" (Studierzimmer) zu kompensieren. Ein Anfang, egal ob geistig, sinnlich, handelnd, hat Lockendes, Abenteuerliches, Faszinierendes, Heroisches, neue Möglichkeiten, so dass wir ihm mit Vorfreude, Spannung oder Leidenschaft entgegensehen. Man kann einen neuen Anfang machen, jeder Tag ist ein neuer Anfang an dem etwas entsteht, geboren, ins Leben gerufen werden kann oder eintritt, was vorher noch nicht da war. Ein Anfang kann ein Meilenstein in einer Entwicklung sein: "Am Anfang war das Feuer" titel ein Film von Jean-Jacques Annaudzur Entwicklung des Menschen. Der Anfang kann etwas ganz Kleines sein, aus dem Großes entsteht. Anfang kann ein bestimmter festgelegter Zeitpunkt oder Ort oder Stelle sein, auch ein Auftakt, eine Ouvertüre oder eine Einleitung, die man nicht verpassensollte z. B. beim Konzert.

Eine andere Seite des Anfangs formuliert Ovid "Wehre den Anfängen" – ursprünglich gegen die Gefahren des Verliebens ausgesprochen, wird bis heute so argumentiert, wenn es darum geht, dass es einen unkontrollierten Verlauf nehmen könnte.

Zugleich gilt: "Aller Anfang ist schwer"-denn Anfang führt ins Neue und Ungewisse, ist ein Ausgangspunkt, dessen Ende oder Konsequenzen unabsehbar sind. Anfang macht Angst, Mühe, Sorge, lässt einen zurück- oder ausweichen, innerlich blockieren, Hemmung, Schwellenangst empfinden. Eltern vorsichtig-zurückhaltender Kinder haben oft das Gefühl, sie müssten sie zum ersten Schritt in Neues zwingen, aber dann, wenn der Anfang gemacht ist, mag man gar nicht mehr aufhören.

"Wer begonnen hat, der hat schon halb vollendet" formulierte Horaz diese Dynamik des schöpferischen Prozesses, die z. B. vom Aufsatz- oder Briefeschreiben fast allen Menschen vertraut ist.

Viele Menschen müssen eine Art Eingangsritual machen, um etwas anzugehen, denn die psychische Energie steht nicht unter Kontrolle des Ich. C. G. Jung beschreibt die "rite d'entrées", mit denen Angehörige von Naturvölkern sich z. B. im gemeinsamen Tanz auf den Anfang einer Arbeit einstellen, sich auf sie zentrieren und konzentrieren.

Moderne Menschen mit ihrer illusionären Idee eines frei lenkbaren Willens gehen verhaltenstherapeutisch vor, stellen sich Belohnungen in Aussicht, verordnen sich Zeit- und Terminpläne, um den Anfang (und das Ende) für etwas zu finden. Kinder und Jugendliche setzen dagegen häufig das Trödeln als eine Art Eingangsritual, müssen gerade eben noch erst etwas anderes machen, bevor sie mit dem "Eigentlichen" anfangen können.

Auch Initiationsrituale sind Rituale des Anfangs. Manchmal ist es schwer, den Anfang zu machen, aber "Einer muss ja den Anfang", heißt es dann in Gruppen. Manchmal nehmen Dinge einfach ihren Anfang und Lauf, manchmal bleiben sie in den Anfängen stecken. Manche Menschen fangen ständig Neues an, aber es fehlt ihnen dann das Durchhaltevermögen.

"Aller Anfang sei leicht", empfinden sie, allerdings: die letzten Stufen des Weges werden selten erklommen. (vgl. Goethe in Wilhelm Meister) "Was man anfängt, muss man auch fertig machen", oder "Wer a sagt, muss auch b sagen", ist deswegen Erziehungsmaxime.

Vorwiegend zwanghaft strukturierte Menschen halten oft "bis zum Letzten" durch, wenig strukturierte Menschen empfinden schon kleinere Frustrationen oder Langeweile als unangenehm und lassen deshalb vieles offen.

Angefangenes, Unerledigtes, Offenes kann auch Druck ausüben, ein schlechtes Gewissen machen, nach Gestaltung und Vollendung rufen.

Dem linearen und kausalen Denken unseres Bewusstseins ist der Anfang als Gegensatz zum Ende und als auf ein Ende hin orientiert vertraut. Komplexer betrachtet ist der Anfang der eine Pol einer grundlegenden Gegensatzspannung allen Seins, das unserem Bewusstsein zugänglich ist, vergleichbar mit der Polarität von Sein und Nichtsein, Aktivität und Passivität. In dieser Sicht beginnt der Anfang in der Mitte der Nacht, des Todes, des Endes, wie der Osterhymnus, der Heldenmythos und das Tai-Chi der indischen Philosophie wissen. Er ist höchster und tiefster Punkt, Umschlag- Krisen- und Wendepunkt: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben" (H. Hesse, Stufen), so wie der Höhepunkt eines Geschehens wieder die Wende zum Ende, den Anfang des Sterbens markieren kann: "Leben ist der Anfang des Todes" (Novalis)

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette