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Version vom 4. November 2011, 13:16 Uhr

Keyword: Alt

Links: Abend Abschied Anfang und Ende Kind Jung Jugend Tod Saturn Senex Weise, Alte Weiser, Alter Weisheit

Definition: Alt, Alter (indogerm. al: wachsen, wachsen machen, nähren; also eigentlich aufgewachsen, gewachsen sein) kann für Reife, Zeit der Ernte und für einen hohen Wert stehen, den man gerne erringen möchte.

Information: Alte Meister sind begehrte Gemälde, das Alterswerk des schöpferischen Menschen ist von besonderer Tiefe oder auch besonderer Höhepunkt. Die Doppelbedeutung des mit alt verwandten lateinischen Wortes altus (abgeleitet von alere: nähren) als tief und hoch weist ebenfalls in diese Richtung.

Interpretation: Alte Gegenstände können antik und wertvoll sein, aber auch nicht mehr neu, gebraucht, abgenutzt. Alte Dinge können schöne, wertvolle, tragende Erinnerungen sein, auch verblassen, festhalten, binden, erdrücken. Für Altes schwärmen, nostalgisch sein, kann auf regressives Verhalten, verklären vergangenen Lebens und Rückzug aus der Aktualität weisen und darauf, dass man etwas nicht lassen kann. Antiquitäten können Bild für Antiquiertes, Veraltetes sein und sie zu sammeln, kann bedeuten, dass man es nicht loslassen kann. Altes Essen ist nicht mehr frisch bzw. verdorben. Altes kann Spuren hinlassen, Tradition haben und bewährt sein, oder langweilig, überholt, festgefahren, nicht mehr zu ändern sein (der oder die Alte sein; alte Form zurückgewinnen, den alten Gang gehen, alles beim Alten lassen; altes Denken, alter Witz, alter Geizhals u. v. m).

Biblisches, gesegnetes Altter verbindet sich mit Weisheit, Gelassenheit, Abgeklärtheit, Reife, Ehrwürdigkeit, Ansehen. Hohes Alter, Greisenalter ist auch Zerbrechlichkeit, Verfall, Vergangenheit, Starre, Depression und Lebensmüdigkeit, Senilität, Tor- oder Narrheit: "Alter schützt vor Torheit nicht". Alt sein, heißt Gefahren überlebt, Erfahrungen gesammelt, Distanz gewonnen zu haben. Zentrale Positionen in Organisationen bedürfen großer Erfahrung und sind erst im Laufe des Älterwerdens erreichbar. Man gehört zu den Ältesten, ist geachteter Altmeister oder Senior. – vgl. auch Monsignore, ital. gnädiger Herr; Euer Gnaden, Euer Hochwürden. Dieser Aspekt symbolisiert sich z. B. auch in weißem oder grauem Haar. Sprichwörtlich soll man das Alter ehren. Alt und grau oder steinalt werden, um etwas zu erreichen, möchte man hingegen nicht. Altklugheit ist keine geschätzte Eigenschaft, zu den Älteren zu gehören, kann auch bedeuten, zum alten Eisen zu gehören. Die Älteren müssen ihre Machtpositionen wieder verlassen.

Biologisch-physiologisches, soziales und psychisches Lebendigsein, jedes lebendige System, jede lebendige Organisations- und Lebensform bedarf eines ausgewogenen Wechselspiels von Anfang, Offenheit, Wachstum der Jugend und zugleich formender, erfahrener und auch be- und einschränkender Strukturierung durch Werte, Gesetze und Traditionen des Alters. Alte Tradition, Struktur, Werte, Gesetz, Würde und Wissen werden von vertrauter, strukturierender, schützender, fördernder und tragender positiver Gewohnheit zum Gefängnis, werden kalt, unmenschlich, lebensfeindlich, wenn keine Veränderung mehr stattfindet.

In solchen Situationen kann psychisch "Vatermord" die zwingende Konsequenz sein. Dieses von Freud und E. Neumann beschriebene Motiv erscheint häufig in Fantasien, Imaginationen und Träumen und weist auf die entsprechende psychische Dynamik und Notwendigkeit, mit alten, überich-haften Aspekten konfrontierend umzugehen und einen Wandel einzuleiten. Eine mythologische Gestalt des ebenso fruchtbaren wie tötenden Ewig-Alten ist Saturn bzw. Kronos, zugleich Gott des Ackerbaus wie Vatertöter und Verschlinger der eigenen Kinder.

Literarisch in ihrer Ambivalenz aufgegriffen ist der Saturn-Aspekt des Alters z. B. in verschiedenen Figuren von M. Endes Roman "Die unendliche Geschichte", u. alt: der Alte vom wandernden Berg, die Kindliche Kaiserin, die uralte Morla. In Gegenwart eines Senex – archetypisches Bild für den starren Saturnaspekt -, möchte man nicht alt werden (d. h. nicht bleiben) kann man nicht wachsen. Wo es um alt, Altes und Alte geht, ist psychisch immer zugleich die Ambivalenz des Alten, des Senex, wie das archetypische Bild auch genannt wird, spürbar. Der Senex bedarf des Puer, d. h. der Kompensation durch das Neue und Junge.

Alte, bejahrte Menschen, haben – besonders in Zeiten einer Überbewertung des Jung-Seins in den letzten Jahrzehnten des 20. und im beginnenden 21. Jh. s hohes Interesse, nicht altbacken, altmodisch, veraltet zu sein und nicht alt auszusehen. Sie möchten jugendlich wirken, auf dem Laufenden und nicht inkompetent, senil oder gar überflüssig sein. Greisenhaft, veraltet, überholt oder überlebt sein, ist für die meisten Menschen eine Angstvorstellung und das sog. mittlere ist deswegen häufig ein schwieriges, kritisches, gefährliches Alter bzw. Lebensabschnitt. C. G. Jung spricht von der Krise der Lebensmitte und sieht in ihr eine Chance für den Individuationsprozess und die Hinwendung zum Selbst, zur Selbstwerdung. Alte Weise in Märchen stehen für im Laufe eines individuellen Lebens gesammeltes und gleichzeitig uralt-archetypisches, zeit- und altersloses, ewiges Wissen, können das Selbst von Mann bzw. Frau verkörpern. Das Selbst als Vereinigung der Gegensätze verbindet Einmaliges und Individuelles mit Ewigem und Allgemeinem. (vgl. GW 12, § 22) Alte Weise sind uralt und ewig jung zugleich.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette