Werk

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Keyword: Werk

Links: Alchemie, opus magnum

Definition: Die Wurzel des Wortes „Werk“ liegt im gr. ergon und bedeutet „Werk, Tat, Handlung, Unternehmung, Wirkung; das durch Arbeit Hervorgebrachte, Kunstwerk“ (Benseler).

Information: Das Werk ist Prozess und Resultat des ergonomai, des Arbeitens und Tätigseins. Das Werk macht wirklich, durch das Werk wird Verwirklichung real. Seine Spannweite reicht vom größten Heilswerk, vom „opus“ (lat. für „Werk“), opus dei oder opus divinum, aber auch dem alchemistischen oder dem des Künstlers, bis zum kleinsten Ergebnis irgend eines Tätigseins. „Werk“, „wirken“ und „Wirklichkeit“ stammen aus derselben Wurzel. Wirklichkeit entsteht aus kleinen und großen Werken. Nicht alle scheinen auf den ersten Blick wichtig, nicht alle sind sichtbar, trotzdem schaffen sie Realität.

Interpretation: Ein Werk ist ein komplexes Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Es ist ein vielfädiges Gewirk aus der Werkstatt des gestaltenden Wirkens, Verflechtens, Gestaltens, Konkretisierens, ist Schöpferischsein, ist schöpferisches Sein. Alle Inspiration bedarf des konkreten Werks zur Vollendung. Doch der gestaltende Werkprozess ist nicht nur aufbauend. „Solve et coagula“ lautet das Motto des Alchemisten, „trenne und verdichte“ (genauer: „löse, löse auf und lasse gerinnen, verfestigen“). Das Auflösen gehört genauso zum Werk wie das neu Zusammenbringen oder sich verdichten Lassen. Es ist ein Stirb- und Werde-Prozess.

Im Mythos wirken darum an der Wurzel der Schöpfung die Schicksalsgöttinnen, zwirnen die Schicksalsfäden zusammen, (Klotho, Urd), schneiden sie aber auch ab (Atropos, Skuld). In der jüdischen und christlichen Tradition ist die Urmutter aller Werke und Wirklichkeiten die Sapientia Dei, die Weisheit Gottes, die Sophia. In ihr liegt nach gnostischer Anschauung nicht nur die Summe aller ursprünglichen Ideen beschlossen, sondern sie ist auch die „Werkmeisterin“ der materiellen Realität. Die Astrologie hat sie im Sternbild Jungfrau an den Himmel versetzt. Im hellsten Stern Spica (Weizenähre) verbirgt sich der alchemistische Mercurius als göttlicher Zündfunke des Werkes, Prozessor der Reifung und Licht der Erkenntnis gleichermaßen.

Wie C. G. Jung entdeckt hat, wurde in den alchemistischen Texten der Antike und des MA die Suche nach dem göttlichen Geheimnis auf die Materie projiziert. Das Werk (opus) sollte das „Gold“ ans Licht bringen, und zwar nicht das „gewöhnliche“, materielle Gold, sondern das aurum non vulgi, das „nicht vulgäre Gold“, nämlich die Weisheit. Die Beschreibung dieses alchemistischen Werkes lässt sich aber seiner Ansicht nach genauso lesen als symbolische Beschreibung des Individuationsprozesses, der letztlich das eigentliche „Werk“ unseres Daseins ist. Es ist unser Lebenswerk schlechthin, das vom unbewussten Verhaftetsein an die Welt der Emotionen und Dinge zur zunehmenden Bewusstheit des Wesens reift und ein stetiges (oft schmerzliches) Ablösen und (oft mühsames) Neuordnen, neu Zusammensetzen und Integrieren erfordert. Die Grundlage dieses Individuationswerkes ist die Erfahrung, die wir in der Herausforderung durch die konkrete Welt sammeln. Es geht um die Wesensverwirklichung, das tätige Aus-Wirken dessen, was keimhaft angelegt war.

Man kann sich fragen, ob nicht die immer mehr beschleunigte Produkt- und Produktionsbesessenheit unserer Tage letztendlich die Ahnung der Notwendigkeit dieses essentiellen Werkes spiegelt. Doch wird übersehen, dass als Grundhaltung und Methode des Alchemisten von alters her drei Tugenden unverzichtbar gelten: Geduld, Bedächtigkeit und den weisen (und verantwortungsvollen) Umgang mit Stoff und handwerklichen Möglichkeiten. In Mythos und Märchen entspricht dem Werk oft der Weg, der gegangen werden muss, die Tat, die vollbracht, die Probe, die bestanden sein, das kostbare Heilmittel, das gefunden werden muss. Manchmal sind die symbolischen Werkstücke jedoch auch ganz konkrete „Wirkwaren“ wie z. B. in Andersens Märchen „Die wilden Schwäne“: Die Schwester muss für die verzauberten Brüder Hemden aus Nesseln knüpfen und in völligem Schweigen verharren, bis das letzte fertig ist. Bis zu dem Moment, als der Henker Hand an sie legen will, bringt sie alle fertig, bis auf den Ärmel des letzten. Das Werk ist nicht „vollkommen“, aber vollständig genug, um als Erlösungswerk zu gelten. Eine Art Umkehrung des Motivs des Webens und Wirkens im Sinne einer Entscheidungsvermeidung finden wir in Homers Odysseus: Die von zudringlichen Freiern umlagerte Penelope trennt das Gewirk in der Nacht auf, um den Fertigstellungsprozess hinauszuzögern, bis auch Odysseus sein schwieriges Reisewerk beendet hat.

Literatur: Standard

Autor: Romankiewicz, Brigitte

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