Wanderung

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Keyword: Wanderung

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Definition: Wanderung meint zielgerichtete Fortbewegung zu Fuß, meist über unbekannte Wege und Straßen durch Natur- und Kulturlandschaften, die in der Regel ohne äußeren Zeitdruck geschieht, früher als ursprüngliche Fortbewegungsart des Menschen, heute meist mit dem Ziel verbunden des vertieften Erlebens der Natur, der körperlichen Bewegung und der Erholung / Entspannung. Man bewegt sich aus eigener Kraft vorwärts und kommt langsam aber stetig voran.

Information: Die Begegnung mit der äußeren Natur kann verbunden sein mit dem Erleben, sich der inneren menschlichen Natur anzunähern, sich Gedanken, Gefühlen, Fantasien, Bildern aus dem Unbewussten zu überlassen, die durch den monotonen Ablauf der Bewegung gefördert werden. W. hängt auch mit der Wahrnehmung von Eindrücken, Gefühlen und Sinnen zusammen und dem bewussten Erleben der Gegenwart: Der Wanderer lässt los: er kennt keine Termine, keinen Stau, keinen Streß. Aufbruch und Unterwegssein ist stets mit Freude, kann aber auch mit Angst verbunden sein. Von den alltäglichen Belastungen und Notwendigkeiten ist nur das geblieben, was in den Rucksack hineinpasst. Der Wanderer tritt, von fast allen zivilisatorischen Zwängen befreit, „Mutter“ Natur / seinem Schicksal, direkt und unmittelbar entgegen, deren polarer Charakter sich ihm durch Herausforderungen des Weges (z. B. zu überwindender Abgrund / Bach, zu besteigender Berg) und des Wetters gütig / wohlwollend oder unfreundlich/ herausfordernd entgegenstellt. So wird der Wanderer selbst zu einem Teil der Natur und bildet mit ihr eine Einheit, die auch als Einheit mit dem Göttlichen (Selbst) erlebt werden kann. Im Buddhismus symbolisiert das Wandern das Samsara, den Zustand des im Kreislauf von Geburt und Tod gefangenen Menschen, bis Erleuchtung und Befreiung erlangt sind und das bewegungslose Zentrum erreicht ist. Im alten Testament wird das Volk Israel als wanderndes, von Gott geführtes Volk dargestellt, wie unter anderem beim Auszug Israels aus Ägypten und der Wanderung durch die Wüste ins gelobte Land. In der Legende vom großen Kampf des Buddhas durchwanderte der junge Prinz als Bettler die Welt und durchlief wandernd die acht Stadien der Meditation. Auch Parzival und Herakles waren Wanderer. Ein bekanntes Bild für die Wanderung des Helden analog des Sonnenlaufs ist das Jonas- Motiv, das Verschlungen werden vom Walfisch (Wal) und die Wiedergeburt als Gleichnis für ein zeitweiliges Eingehen ins Unbewusste (Regression)

Helden in Märchen und vielen Mythen sind meist zu Fuß unterwegs. Sie befinden sich als Ausdruck ihres Schicksals oder inneren Entwicklungsweges auf einer Wanderung (Suchwanderung), erschließen sich unbekannte Wege und haben Aufgaben und Prüfungen zu bestehen. (Typische Bsp.:Grimm KHM „Die zwei Brüder“, „Das tapfere Schneiderlein“, „Der Trommler“, „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, „Schneewittchen“, „Die Bremer Stadtmusikanten“, Bechstein „Der Wandergeselle“), Häufig wird Held / Heldin von einem Wander- oder Reisekameraden begleitet, der als Schattenaspekt / o. Anima - Animusaspekt verstanden werden kann und mit dem eine Auseinandersetzung geführt werden muss (z. B. Grimm KHM Nr. 107 „Die beiden Wanderer“, Nr. 89 „Die Gänsemagd“, Andersen „Der Kamerad“). Im Zeichen des I-Ging „Der Wanderer“ heißt es: „der Wanderer hat keine feste Stätte, die Straße ist seine Heimat “, ( [...] ) Fremde, Trennung ist sein Los. Das zu Fuß unterwegs sein ist die natürliche Fortbewegungsart des Menschen, seitdem dieser evolutionär zum aufrechten Gang fähig ist. Über die Jahrhunderte blieb das Gehen oder Laufen als Fortbewegungsart insbesondere den unteren, weniger wohlhabenden Bevölkerungsschichten vorbehalten. Der Mensch „ging“ zur Kirche, zur Arbeit, zu Märkten und aufs Feld. Wer es sich leisten konnte, ritt, fuhr in Kutschen, ließ sich tragen oder hat heute ein eigenes Auto. Wanderungen wurden als notwendiges Übel, als Mittel zum Zweck gemacht, um anzukommen. Im Mittelalter machten sich vor allem Pilger auf religiös motivierte Wanderschaften. Am Ende des 18. Jh. wandelte sich die vorwiegend berufs- und zunftbedingte Wanderung der Handwerksgesellen zum Freizeitvergnügen zunächst von Studenten, die das Wandern nach alten Zunftregeln als schick entdeckten. Wandern als neu entdeckte Freizeitbeschäftigung der Intelligenz beinhaltete auch Sympathie fürs Volk und subtile Ablehnung der Ausritte und Kutschfahrten des Adels. Romane, die dem Zeitgeist dieser Zeit entsprachen, sind Goethes „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“, Jean Pauls „Franz Sternbalds Wanderungen“ oder Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg.“

Als erster überzeugter Fußwanderer kann der Philosoph Jean-Jacques Rousseau verstanden werden, der sich um 1750 die Schweiz erwanderte. Das Wandern als Auseinandersetzung mit der Landschaft und mit sich und seine Gefühlen war geboren. Später wanderte Johann Gottfried Seume von Leipzig nach Syrakus und philosophierte: „Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.“

Das Wandern war zunächst bildungsbürgerliche Freizeitbeschäftigung geworden, wurde Anfang des 19. Jahrh. aber auch zu einer preiswerten und erholsamen Freizeitgestaltung der Arbeiter (sozialdemokratische Wander- und Alpenvereine, Wandervogelbewegung) In der Zeit des Nationalsozialismus wurden diese Gruppen aufgelöst oder mit der HJ gleichgeschaltet. In den 50er und 60er Jahren verbürgerlichte die Wanderbewegung. In den letzten Jahren wird das Wandern als Sportart unter neuen Begriffen wie „Outdoor“ und „Trekking“ zunehmend von jüngeren Menschen (wieder-)entdeckt und führt in der entsprechenden Ausstattungsbranche zu steil aufsteigenden Wachstumsraten. Auch Wanderreisen oder Wanderliteratur, häufig in Verbindung mit Selbsterfahrung und Meditation helfen zur Zeit bei der Selbstwerdung.

Interpretation: Wanderung wie auch Reise symbolisieren die Überwindung von Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Lebensweges, das Bestehen von Prüfungen und Gefahren (Initiation) und die Suche nach Vollständigkeit der Persönlichkeit. Wanderung und Reise sind uralte Symbole für den Individuationsprozess und Symbole für seelische Wandlung und Veränderung: Im archetypischen Motiv des Heldenmythos begibt sich der Held / Heldin, der meist ein Wanderer ist, sich in einen inneren Entwicklungsprozess, äußerlich repräsentiert durch eine Wanderung /Wanderschaft (Suchwanderung, Heldenmythos, Individuation) „Die Heroen sind fast immer Wanderer. Das Wandern ist das Bild der Sehnsucht, des nie rastenden Verlangen, das nirgends sein Objekt findet, das Suchen nach der verlorenen Mutter, ohne es zu wissen.“ C. G. Jung Bd. 5 S. 258§299. ) Als „Held“ des Individuationsprozesses befindet sich der Mensch auf ständiger Suche und Wanderschaft, in Umkreisung, Annäherung an sein spirituelles Zentrum, dem Selbst.

Traum einer Jugendlichen: „Ich plane mit einem etwa gleichaltrigen Jungen eine Wanderung ins Gebirge. Ich will zuerst durch ein Tal wandern und bin für einen allmählichen Anstieg, während ihm das nicht genügend hoch hinauf geht.“

Möglich wäre auch anderer Traum einer Jugendlichen:„Ich wandere auf einen Berg, der mit niedrigen Hecken und Flechten bewachsen ist. Je weiter ich nach oben komme, umso nebliger wird es. Ich habe jedoch keine Angst, den Weg zu verpassen oder mich zu verlaufen. Ich treffe dann ein kleines Mädchen, das aus der anderen Richtung kommt. Da ich mich sorge, ob sie den Weg alleine findet, nehme ich mich ihrer an“.

Literatur: Standard

Autor: Kuptz-Klimpel, Annette

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