Turm

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Keyword: Turm

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Definition: Ein Turm (mhd. turn, spätahd., torn) ist ein hoch aufragendes Bauwerk, dessen Höhe ein Vielfaches seiner Grundfläche beträgt und das oft Teil eines größeren Bauwerks ist, z. B. einer Kirche oder einer Moschee (Minarett).

Information: Türme gibt es mit verschiedenen Verwendungszwecken, z. B. begann man im Mittelalter, Kirchtürme zu bauen, damit der Klang der Glocken in einem möglichst großen Umkreis gehört werden konnte. Aussichts- und Wachtürme sollen einen großen Über- und Weitblick bieten, und es wurden Schuldtürme gebaut, die als Gefängnis zur Verbüßung der Schuldhaft dienten.

Die Bezeichnung Elfenbeinturm wird im Zusammenhang mit dem zurückgezogen lebenden Künstler, Philosophen, Theologen, Wissenschaftler usw. gebraucht, dem unterstellt wird, sich und seine Tätigkeit, sein Wissen für etwas ganz Besonderes zu halten, dabei aber die harte Realität nicht zu kennen oder sie zu verleugnen oder dabei auch in seinen theoretischen Spekulationen gefangen zu sein.

Interpretation: Der Turm verbindet in seiner Form sowohl männliche (Phallus, Heros-Prinzip, Logos-Prinzip) wie als auch weibliche Aspekte (als abgeschlossener Raum, z. B. einem Symbol für Jungfräulichkeit, Stein als Materie). In Sagen und Märchen (Rapunzel, Dornröschen) kommen Türme als Gefängnisse vor, in denen ein Mädchen längere Zeit verbringen muss. Auch Zauberer wohnen oftmals, in einiger Distanz zur Erde, in Türmen.

Beim Turmbau zu Babel sollte die Spitze bis in den Himmel reichen (1. Mose 11, 4), er wurde zum Symbol des Hochmutes, der Herausforderung des Göttlichen und menschlicher Maßlosigkeit. Wer sich als "Übermensch" "überheblich" den Göttern nähert, wird von ihnen wegen dieser Hybris mit dem Absturz und dem Tode bestraft (vgl. das Schicksal vieler mythologischer Helden, der Mythos von Ikarus, die Geschichte vom Turmbau zu Babel oder die des Königs Nebukadnezar aus dem AT). Laotse meint: "Hoch steht auf Tief", unsere Spruchweisheit sagt: "Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden" oder "Hochmut kommt vor dem Fall". Die Strafe für eine Verstiegenheit, Überhebung, Aufblähung und Selbstüberschätzung Deflation, Seelenverlust, Wahnsinn und Selbstzerstörung sein.

Erich Neumann unterscheidet zwei Negativ-Formen partriarchaler Strukturen, die der geistigen Gefangenschaft und die der geistigen Besessenheit. In der geistigen Gefangenschaft bleibt der Mensch in Abhängigkeit vom Geist-System und der Kollektivnorm, wie sie z. B. als übermächtiges altes Gesetz, als alte Religionsform, alte Moral, alte Gesellschaft, als Gewissen, Konvention, Tradition oder irgendeine andere geistige Gegebenheit erscheint und verliert so den Anschluss an das Schöpferische."Es bleibt traditions-moral-und gewissensgebunden und existiert so konventionell und kastriert unter Verlust des oberen Teils seiner Doppelnatur." (Neumann, 1949, S. 207)

In der geistigen Besessenheit hingegen identifiziert sich der Mensch mit dem Logos-Prinzip. was einer Vernichtung durch den Geist und den Verlust des Kontaktes zur Erdseite bedeutet. Diese Inflation führt "zum Größenwahn, zur Überdehnung des Ichbewußtseinssystems. Das Bewußtsein ist mit Geistinhalten, die es nicht verarbeiten kann, und mit Libidomengen, die ins Unbewußte gehören, überfüllt. Das leitende Symbol dieses Zustandes ist die "Himmelfahrt", seine Symptome sind das Den-Boden-unter-den-Füßen-Verlieren, der Körperverlust im Gegensatz zur Zerreißung, die Manie im Gegensatz zur Depression". (Neumann, 1949, S:409/410)

Die Hybris des modernen Menschen mit all seinen Folgen scheint heute zum Krankheitssymptom unserer Gesellschaft und Kultur schlechthin geworden. Hierher gehört auch die "Entdeckung" und Beschreibung des narzisstisch gestörten Menschen, der alle jene Symptome aufweist, die durch den zu langen Aufenthalt in zu großen Höhen entstehen können. Denn das Obensein beinhaltet auch Isolierung, Nur-auf-sich-selbst-bezogen-sein, Lebens, und Menschenferne und die Gefahr des Todes durch Erfrieren und Erstarren. Deshalb spielt bei narzisstisch gestörten Menschen das Traummotiv der Erdferne, des Oben-Seins oder des In-der-Luft-Seins eine besonders Rolle.

Die Tarotkarte "'Der Turm" scheint eine ähnliche Interpretation nahezulegen. Ein Blitz (göttliche Energie, Erleuchtung, Erschütterung, Krise, Erneuerung, Wandlung) schlägt in den Turm ein, bringt die selbstherrliche Krone des erstarrten alten Bewusstseinssystems zum Wanken und schleudert zwei Menschen kopfunter aus dem Turm. Diese haben möglicherweise den Kontakt zur lebendigen Realität verloren und müssen erst einmal in die erneuernden Fluten des Unbewussten (Wasser) eintauchen, um eine neue Orientierung zu finden.

In negativer Hinsicht kann der Turm also durch seine starren, steinernen Mauern verfestigte Prinzipien, Regeln, Haltungen, Werte, Einstellungen, Überheblichkeit, Hochmut und Realitätsverlust darstellen. In positiver Hinsicht symbolisiert der Turm einerseits Über- und Weitblick, das Streben nach Erkenntnis, Objektivität, geistiger Klarheit und die Suche nach einem höheren übergeordneten Standpunkt (Logos-Prinzips) als auch die Introspektion, die Innenschau und den dazu erforderlichen Schutzraum.

C. G. Jung hatte sich auf einem Grundstück in Bollingen einen eigenen Turm gebaut, in dem er sich ungefähr die Hälfte des Jahres, arbeitend und ausruhend, aufhielt. Es war für ihn ein Ort des Rückzugs, der Innenschau, dort wo er mit den elementaren Aspekten des Lebens in Berührung stand."Von Anfang an wurde der Turm für mich zu einem Ort der Reifung - ein Mutterschoß, oder eine mütterliche Gestalt, in der ich wieder sein konnte, wie ich bin, war und sein werde. Der Turm gab mir das Gefühl, wie wenn ich in Stein wiedergeboren wäre. Er erschien mir als Verwirklichung des vorher Geahnten und als eine Darstellung der Individuation." (Jung, Jaffé 1962, S. 228)

Literatur: Standard

Autor: Müller, Lutz

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