Stier

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Keyword: Stier

Links: Aggression, Energie, Feuer, Heros-Prinzip, Kuh, Libido, Sexualität, Tier

Definition: Ein Stier ist ein geschlechtsreifes männliches Rind, wird auch als Bulle bezeichnet. Er ist ein Sternbild am nördlichen Sternenhimmel und ein astrologisches Tierkreiszeichen.

Information: Keine

Interpretation: Der Stier, lat. taurus, ist ein bereits in frühgeschichtlicher Höhlenmalerei an vielen Orten der Welt hervortretendes Symbol, das weit in geschichtliche Zeit hineinragt und sowohl sonnenhafte, als auch mond- und erdhafte Züge in sich vereinigt. Der Stier ist wohl zunächst das gewaltige Bild des Materie gewordenen Urlichts, eine Inkarnation göttlicher Geist- und Lebenskraft. Das höchste Numinose verleiblicht und offenbart sich sichtbar in überwältigender Kraft, Körpermasse und Majestät.

Die großen Stierkulte liegen etwa zwischen dem 5. Jt. (Stier -Idole im Taurusgebirge) bis 1. Jt. v. Chr. (minoische Kultur, Kreta, Minotaurus). Der im Altpersischen wurzelnde Mithraskult (Stieropfer, Taurobolium, = Bluttaufe) reicht bis in spätrömische Zeit, in der auch ein auf einem oder zwei stehenden Stier stehender „Jupiter Dolichenus“ verehrt wurde. Dieser geht auf einen syrischen Wettergott (Hadad) zurück. In der entfesselten Natur, in Sturm, Donner und Meeresbrausen hörte man das Brüllen des Stier, in Griechenland ist der Stier eine Erscheinungsform des „Erderschütterers“ Poseidon, aber auch des Zeus (Europa auf dem Stier) und des Dionysos, des „mit dem Stierfuß Rasenden“ (Ruflied, Kerenyi, Dionysos, S. 120).

In Indien ist der weiße Stier Nandi das Reittier Shivas; der babylon. Marduk trägt den Namen „Lichtstier“. Auch der ass. und phönik. Baal oder Bel wird als „Stier“ angerufen, selbst Jahwe trägt noch den Titel „Stier Israels“; im AT verfällt das Volk dem Stierkult, dem „Goldenen Kalb“.

Der akkadische „Leitstier“ steht am Anfang des Jahres (durch die Kreiselbewegung der Erdachse steht das Sternzeichen Stier zwischen ca. 4 250 – 2250 v. Chr. am Frühlingspunkt). Stierkulte und Verehrung der Allgöttin in Gestalt einer Kuh sind oft verbunden. Ihre Mysterien sind Formung, Ernährung, Bewahrung, Wandlung (E. Neumann). Mutter-Kuh und Sohn-Stier bilden eine Einheit, symbolisiert durch die Sonnenscheibe zwischen den (Mond-) Hörnern der Kuh bzw. des Stier. Die ägyptischen Pharaonen tragen Hörnerkronen und führen den Titel „Stier“, ihr Herrschaftszeichen ist ein Gürtel mit den vier Gesichtern der kuhköpfigen Allmutter Hathor (= Haus des Horus) und ein Stierschwanz. Horus selbst ist der „Stier seiner Mutter“, wird am Morgen als Sonne von ihr geboren, befruchtet sie am Mittag und kehrt am Abend in das mütterliche, kosmische „Weltgehäuse“, (das auch die Nacht- bzw. Unterwelt umschließt) zurück, um es in Nachtfahrt zu durchwandern.

Im weißen Stier strahlt das Licht unmittelbar, der schwarze (Apis-Stier in Memphis) weist auf sein nächtliches Mysterium. In Apis lebt die Seele des Osiris (= Osarapis, Serapis, nach seinem Tod wird er zum Osiris). Im Zeitalter des unendlich mächtigen, nährenden, erhaltenden göttl. Rindes als Ausdruck höchstmöglicher Synthese von Geist und Leib ist das Bewusstsein fasziniert vom Physischen, Stofflichen. Seine innere Überzeugung ist, dass alles Sein dem Drang folgt, körperhaft zu werden. Entsprechend sind auch Jenseitsvorstellungen und Totenkulte äußerst konkretistisch. Ganze Hofstaaten folgten ihrem Herrn in den Tod (Königsgräber von Ur, 2 500 v. Chr.)

Die Nekropole von Sakkara birgt 24 riesige Granitsarkophage mit den Mumien heiliger Stiere. Der Stierkult ist somit zugleich Kult göttlich-lebendiger Körpermasse als auch Kult des Vollendeten, Toten (mumifizierte Materie als vergegenständlichte „Endform“ göttlichen Geistes). Werte des Besitzens, Besorgens und „Habens“, Gold und Geld als manifestiertes Mana des Göttlichen (lat. pecunia = „Geld“, ist von pecus = „Vieh“ abgeleitet) spiegeln ein Bewusstsein, welches die Wertschätzung der Weltdinge betrifft.

Der Stier kann auch Idee einer ursprünglichen, paradiesischen Ganzheit sein. Viele Mythen kennen das Motiv eines voranfänglichen Rindes. Der altpers. Mythos sieht am Anfang das friedlich grasende, „mondglänzende“, „alleingeschaffene Rind“. Bei Auftreten des Bösen (Angra Mainyu, Ahriman) wird es getötet. Aus seinem Samen (in anderer Version aus seinen Körperteilen) geht die Weltschöpfung hervor. Dieses Mythem, in der Mithras-Religion modifiziert, zeigt das Bild einer anfänglichen, in sich ruhenden Ganzheit und eines noch undifferenzierten, „mondhaften“ Zustandes. „Welt“, Bewusstsein und Differenzierung des Bewusstseins zu solare Strahlkraft kann aber nur entstehen durch den Einbruch des „Bösen“, der „Zerreißung“ in den Gegensatz, das Mysterium von Zerstückelung und Wiedergeburt. Ein urtümlicher Rest versch. Stiermythen ist heute vielleicht noch in Stierkämpfen lebendig, in denen ein Ritus des Stier-Opfers, auch der Besiegung von Triebgewalt und Körpermasse durch menschliches Bewusstsein agiert wird.

In Traum und Imagination stellt der Stier eine sehr dynamische, aber undifferenzierte Stufe der Sexualität oder Triebfunktion dar. Stierarchetypisches ist heute in allen Zelebrationen des Materiellen (auch der Nahrungsaufnahme), des Luxuriösen, in hedonistischen Ritualen des Konsums und Sinnengenusses wirksam.

Der Stier in der Astrologie ist das 2. Zeichen im Jahreslauf und steht für die Rückbindung des vehementen Aufbruchsimpulses, für Beharrungsintensität und Konsolidierung. Initiiert der Widder Zeugung, so wird durch den Stier die Manifestation und Vergegenständlichung der Lebenssubstanz sichtbar. Psychologisch entspricht dies der Bildung von Körper-Ich, Wertbewusstsein und Selbstwertgefühl. Der zugehörige Planet ist Venus, das Element Erde, die Qualität der Wirkung fix (konzentriert). Allgemeine Grundprinzipien sind Formkraft, Bindung von Energie, stofflich-sinnliche Anreicherung, Verdichtung zu geordneter Substanz, Bewahrung, Festigung, Wertbildung, Mehrung, Dauer. Der Instinkt ist auf Ansammeln, Einverleiben (orale Phase), Abgrenzen, Sichern und Genusssteigerung gerichtet.

Seelisches Bedürfnis ist Bildung von Eigen-Sinn, Eigen-Art und Eigen-Raum, Leibgewissheit, Körperidentität. Das Grundlegende wird im Bereich der Tatsachen gefunden. Die Handlungsart ist ausdauernd, bedächtig, beharrlich, planend, nutz- und zweckorientiert, ökonomisch, stetig, konservativ. Stierenergie ist auf konkrete Verwirklichung gerichtet, auf Realität und Körperhaftigkeit.

Schatten: Materialismus, Konsumverfallenheit, Fixierung auf „Sachzwänge“, Versinken in der leib-seelischen Zuständlichkeit, Trennungs- und Verlustangst, fanatische Abwehr alles Neuen, Unbeweglichkeit, Schwierigkeit zu symbolisieren.

Literatur: Standard, Romankiewicz (2002)

Autor: Romankiewicz, Brigitte

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