Schweigen

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Keyword: Schweigen

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Definition: Schweigen bedeutet, nicht zu reden.

Information: Siehe Interpretation.

Interpretation: „Das Schweigen besteht nicht nur darin, dass der Mensch aufhört zu reden. Das Schweigen ist mehr als bloß ein Verzicht auf das Wort, es ist mehr als bloß ein Zustand, in den der Mensch sich versetzen kann, wenn es ihm passt. Wo das Wort aufhört, fängt zwar das Schweigen an. Aber es fängt nicht an, weil das Wort aufhört. Es wird nur dann deutlich. Das Schweigen ist ein Phänomen für sich. Es ist also nicht identisch mit der Aufhebung des Wortes, es ist nichts Reduziertes, es ist etwas Ganzes, etwas, das durch sich selbst besteht. Das Schweigen ist nichts Negatives, es ist kein bloßes Nicht-Reden, es ist ein Positives, es ist eine volle Welt für sich.“ (Picard, 1988)

Die verschiedenen Modi des Schweigens lassen sich beschreiben als:

- das nichtige, leere Schweigen als Ausdruck der Substanzlosigkeit, der inneren Leere, aus Verlegenheit oder Unkenntnis aus Schüchternheit oder Unbeholfenheit.

- das interimistische Schweigen oder das stumme Erwarten. Es setzt voraus, das etwas geschehen wird: der Partner rede, das Orchester einsetze.

- das erfüllte Schweigen, etwa der Liebenden, die schweigen, nicht weil sie sich nichts zu sagen hätten, sondern weil sie voneinander erfüllt sind („In der Liebe ist das Schweigen besser als die Sprache“ (PASCAL); das Schweigen angesichts des Außergewöhnlichen, einer großartigen Landschaft, eines Kunstwerkes, im Anschluss an ein faszinierendes Erlebnis.

- das Schweigen als Ausdruck des Widerstandes: gegen das Leben des Alltags, gegen unberechtigt erscheinende Forderungen, gegen Sexualbedürfnisse [...]

- das Schweigen als Indiz für Einverständnis oder im Gegenteil völliges Missverstehen.

- das Schweigen als Ausdruck einer Kommunikationsstörung.

- das Raum- und Freiheit gebende Schweigen, in das sich der andere hinein entfalten kann, nicht muss. Hier wird nichts erwartet, nur Raum und Möglichkeit geschaffen. Vielleicht ist diese Form des Schweigens dem Ziel der Analytischen Therapien am ehesten angemessen.

- das meditative Schweigen als bewusste Übung des Nichtredens, um sich zu etwas Außergewöhnlichem zu befähigen, seine Kräfte für bestimmte Fähigkeiten zu steigern.

- das Schweigen des Märtyrers, der im Schutzmantel des Schweigens die Wahrheit in sich verhüllt und so immun wird gegen seine Kläger. Unter dem Siegel seines Schweigens reißt die Verbindung zur Außenwelt ab, und es vollzieht sich eine Hinwendung zum inneren Kern, zu Gott.

- das Schweigen des Todes, das die Zone ist, der sich alles Lebendige Schritt für Schritt nähert und die gleichzeitig der Verfügungsgewalt des Menschen entzogen ist.

Schweigen ist auch eine Antwort, eine Mitteilungsform. Man kann bekanntlich nicht Nichtkommunizieren (WATZLAWIK). Schweigen gibt Hinweis auf all das, was jenseits der Grenzen der Wörter und des Sagbaren liegt. Es gilt zu differenzieren zwischen Ungesagtem und Unsagbaren. Schweigen als äußeres Verstummen wird gebrochen durch innere Stimmen in Form von Gedanken, Erinnerungen und Erfindungen. Man kann in allen Sprachen schweigen.

Schweigegebot spielt in vielen Märchen eine Rolle. Nicht-Einhaltung führt zu Unglück. Manchmal ist die Schweigensfrist auf eine bestimmte Zeit beschränkt, z. B. sechs Jahre wie im Märchen „Die sechs Schwäne“, (KMH 49).

Schweigen hängt meistens mit einem Geheimnis und häufig auch mit Macht zusammen. Hiervon zeugen Lügendetektoren, inquisitatorische Befragungstechniken und Geständnis fordernde Drogen. Aber durch den vom Nationalsozialismus betriebenen Holocaust haben wir eingestehen müssen, dass Schweigen auch ein Teil des Verbrechens sein kann. In vielen Menschen erwuchs der Vorsatz: Nie wieder schweigen, wenn Unrecht geschieht.

Reden und Schweigen sind Verhaltensalternativen. Immer wieder stehen wir vor der Entscheidung, ob wir in dieser oder jener Angelegenheit sprechen oder sch. wollen. Das gilt insbesondere für die therapeutische Situation.

Das Wort ist ja nicht nur Nicht-Schweigen und das Schweigen nicht nur Nicht-Reden oder Sprachlosigkeit. Das Wort erhält seine Kraft aus dem Schweigen. Von Pythagoras wird berichtet, dass er seinen künftigen Schülern erst einmal vier Jahre des Schweigens auferlegte. Kierkegaard formuliert den Zusammenhang zwischen Wort und Schweigen so: „Allein der, welcher wesentlich schweigen kann, vermag wesentlich zu reden.“ Nietzsche meint das gleiche, wenn er sagt: „Wer viel einst zu verkünden hat, schweigt viel in sich hinein.“


Averbale oder nonverbale Kommunikation findet zunehmend Beachtung in therapeutischen Prozessen. Im therapeutischen Umgang mit dem Schweigen als Symptom (z. B. elektiver Mutismus) ist es ein abgrenzbares Krankheitsbild und oft Ausdruck verdrängter Bedürfnisse und steht meist in engem Zusammenhang mit Geheimnissen. Von beklemmendem Schweigen erzählen die in Träumen häufig vorkommenden Szenen, dass man in einer bestimmten Situation kein Wort über die Lippen bringt oder in einer verzweifelten Lage keinen Schrei.

Literatur: Standard, Seifert (1978)

Autor: Löwen-Seifert

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