Runen

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Keyword: Runen

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Definition: Runen (ahd. runa: Geheimnis, Geflüster, geheimer Ratschluss; vgl. Gerücht, Raunen, Alraune) sind die einzig bekannten Schriftzeichen aus dem nordeuropäischen und germanischen Lebensraum, gefunden auf Steinen, Knochen, Metall und Holz, die bis ins 1. Jh. nach Chr. zurück datierbar sind. Vermutet wird, dass sie freie Umgestaltungen aus einer nordetruskischen und einer lateinischen Großbuchstabenschrift sind.

Information: Runen stehen für Buchstaben - das Runenalphabet wird nach den ersten sechs Buchstaben der Buchstarben Futhark genannt - zugleich für konkrete und für magische Ausdrücke und für Gestalten und Inhalte der nordischen Mythologie. Bei der geheimen Kunst des Runenritzens musste man sich schützen, deswegen hatten sie neben Buchstaben- und Objektbedeutung gleichzeitig die eines Schutz- oder Abwehrzaubers. Verbreitet wurden sie in Nord- und Mitteleuropa während der Wikingerzeit, verloren ihre Bedeutung als Schrift in dem Maße, in dem die Christianisierung und Verbreitung der lateinischen Bibel voranschritt. Die in der Übergangszeit häufige Kombination von christlichen Symbolen und Runen wurde als heidnische Bedrohung betrachtet, weil die Runen in Kult, Ritus, Zauberwesen der heidnischen Religionen eingebunden waren und - auf Holz geritzt und geworfen - vergleichbar dem I Ging als Orakel gedeutet wurden.

Interpretation: In der nordischen Mythologie werden sie häufig Odin, der schillerndsten und mächtigsten Götterfigur, u. a. Gott der Schlachten, der Toten, der Ekstase, der Magie, der Weisheit und der Dichtkunst zugeschrieben. Odin hatte ein Auge geopfert, um aus einer Quelle der Weisheit trinken zu dürfen. In anderen Überlieferungen gelangt Odin an die Runen, indem er neun Tage am Weltenbaum Ygdrassil hängt. Blutopfer, oft um an weibliche Weisheit und an magische Fähigkeiten zu kommen, sind in der germanischen Mythologie verbreitet. Helden, die nicht im Kampf starben, ritzten sich Blutrunen ein, um so dem Vorbild Odins nachzuleben. Von Odins Sohn Bragi, der Götter und Helden mit Dichtung und Gesang verzauberte, wird berichtet, dass seine Gemahlin Idun, Göttin der Jugend und Schönheit, Hüterin der magischen Unsterblichkeitsäpfel, ihm die Runen in die Zunge ritzte.

Dieser mythologische Hintergrund führte in magisch-esoterisch orientierten und in rückwärts gewandten romantisch-nationalistischen Kreisen zur Mystifizierung der Runen. Im 20. Jh. gehören sie zur germanische Blut- und Bodenromantik und werden in nationalsozialistischen Schriftzügen verwendet und später von neofaschistischen Organisationen.

Seit den 70er Jahren benutzen Magie- und Hexenzirkel, angestoßen durch den englischen Wicca-Kult, auf die Weisheit der Runen. In der aus England stammenden rückwärts gewandten Punk-Kultur tauchen Runenzeichen auf:

1. in Graffiti-Sprühereien (ital. graffito, Schraffierung, Inschrift, Ornamentik; seit der Antike bekannte eingeritzte oder aufgekritzelte Texte und Zeichnungen an Felsen, Mauern, Wänden; seit den 1970er Jahren häufig auch in Toiletten, auf U-Bahnen etc. zu finden, ab den 1980er Jahren als künstlerische Ausdrucksmöglichkeit etabliert);

2. in Tätowierungen und Tattoos (engl. to tattoo, frz. tatouer, zu tahitisch tatau: durch Einbringen von Farbstoffen in die eingeritzte Haut Musterungen und Bilder schaffen, die nicht wieder verschwinden; Tatauierung bzw. Tätowierung ist von Naturvölkern als Schmuck, Stammes- und Rangabzeichen sowie magischer Schutz- und Abwehrzauber durch Einbrennen, -schneiden, -ritzen, -schlagen und Einbringen von Farbe seit alters angewandt worden).

Auf diese Weise vermischen sich alte magische Praktiken und Symbole mit modernen Ausdrucks- und Gestaltungsformen und mit Symptomen psychischer Erkrankungen, häufig im Jugendalter auftretend. Tätowieren und Ritzen als Akt der Selbstverletzung und als Rückgriff auf alte magische Symbole und Praktiken drücken subjektives psychisches Leid und soziale Not aus. Sie grenzen ab von der etablierten und wohlgeformten Oberschicht und Oberfläche, gestalten, zeichnen diese neu. Sie dringen in den Untergrund und kommen aus dem Untergrund, geben Halt in einer Gruppe und in der Rückbindung zur Kollektivpsyche.

Ähnlich wie das Hakenkreuz (Swastika) werden die Runen damit aufgrund des ihnen eigenen geheimnisvollen mythologischen, kultisch-rituellen und prophetischen ursprünglichen Charakters in ein politisches Umfeld transportiert und mit ideologischen Inhalten aufgeladen, um ihre mysteriös-symbolische Wirkung zu nutzen.

Literatur: Standard

Autor: Müller, Anette

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