Neptun

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Keyword: Neptun

Links: Drogen, Fantasie, Imagination, Meer, Unbewusstes, Wasser

Definition: 1) gr. Poseidon, Bruder des Zeus, regiert das Meer und das Untermeerische („Erderschütterer“) sowie Flüsse. Sein Attribut ist der Dreizack, der ihn (wie den indischen Shiva) als Schöpfer, Erhalter und Zerstörer ausweist. Er ist der Schöpfer des Pferdes, seine Tiere sind außerdem Widder, Stier und Delphin.

2) transsaturnischer Planet, 1846 entdeckt nicht durch direkte Sichtbarkeit, sondern „erahnt“ durch Störungen der Uranus-Bahn; astrol. „Herrscher“ der Fische.

Information: Keine

Interpretation: Der Modus der Entdeckung passt symbolisch gut ins Bild, denn es handelt sich um eine archetypische Kraft des Geheimnisträchtigen, schwer Fassbaren, nereus- oder proteushaft die Gestalt Wechselnden, um das Schillernde, das symbolisch Verschlüsselte schlechthin, wie überhaupt das Meer ein Symbol des unbestimmte Vielgestalt enthaltenden Unbewussten ist.

„Neptunisch“ ist das Grenzenlose, Entgrenzende und Entgrenzte. Neptun/Poseidon ist der dunkle Vater („Vater“ ist auch ein Beiname) phantastischer Mischwesen und Ungeheuer, sein Reich ist das Auflösende, auch der „gliederlösende Eros“, die Verschmelzungssehnsucht. Durch seelische Verschmelzung mit dem Anderen, Auflösung im grenzenlosen All-Einen, wird Erlösung aus dem Alleinsein und Ich-Kerker gesucht. Die Erlösungssehnsucht ist nach C. G. Jung eine archetypische Disposition. Einige der ältesten Heiligtümer Griechenlands und Italiens (welche z. T auf Große Göttinnen zurückgehen) sind Neptun /Poseidon geweiht, an manchen Orten wird er zusammen mit Venus/Aphrodite verehrt. Alle Sehnsucht und auch Sucht zielt letztlich auf „participation mystique“ (Lèvy-Bruhl), auf mystische Entgrenzung, Erlebnis der Allliebe und Allverbundenheit. Wird sie enttäuscht (und im Reich des Neptun gibt es ebensoviel Enttäuschung wie Illusion), kommt der Schatten des Neptun ins Spiel: Der quasi vom „Grundwasser“ her Land überschwemmende und Wasserläufe aufwühlende „Erderschütterer“, in dem man das maßlose Toben des Harmoniesüchtigen erkennt, des Drogensüchtigen, Alkoholikers, Psychotikers, der in unkontrollierbare, grenzenlose Zerstörungswut kommt.

Gewalt und Wahnsinn speisen sich aus derselben Quelle, aus den bald schäumenden, bald neblig umwallten, bald in tausend Widerspiegelungen irisierenden Urwassern, deren Gott Neptun ist. Die Griechen erkannten in Wahnsinn und Raserei Gottes Wirken und verehrten ihn in Dionysos. Das Christentum des MA sah den Teufel darin. Neptun, in vielen Kulten dem Dionysos zum Verwechseln ähnlich, ist ein eben so großer Verwandlungskünstler, der mit unheimlicher Mimikry die Rollen wechselt: Bald Dämon, bald Heilsbringer, bald Hysteriker, bald Massenhysterie erzeugender Guru oder Demagoge, bald Peiniger, bald Opfer, bald Verführer, bald Verführte, bald Helfer, bald Hilfloser, bald Himmelsbild, bald Fratze. Die Sakralkunst des Mittelalters erwies ihm Referenz in der Gestaltung des numinosen Schreckens in Grotesken, Misch- und Fratzenwesen, die dadurch einen Ort im religiösen Gefüge bekommen, ebenso wie der „Kult des Verkehrten“ im Karneval (zumeist jahreszeitlich im Fische-Monat). Neptun ist letztlich ein Archetypus des Religiösen, sei es im Mystizismus oder im rauschhaftem Erlebnis. Die Sehnsucht nach Stille in der Meditation in der Einsamkeit ist eine Seite, die andere Drogenekstase, Massenhypnose und Selbstauflösung. In der Eingeweide-Erschütterung zeitgenössischer Rhythmen hören wir „der schäumenden Rosse Toben“ des Erderschütterers. Die heilsversprechende Welt der Werbung nutzt ebenfalls hypnotische, also neptunische Suggestionen, welche in unseren vor unserem Bewusstsein peinlichst verborgenen kindlich-fromm und hingabesüchtig gebliebenen Gefühlskomplexen sozusagen auf den Paradiesknopf drücken. Besonders erfolgreich sind Suggestionen von Erotik und Leidenschaft, da hier die geheimnisvolle und magische Beziehung von Wesen zu Wesen am direktesten erfahrbar ist. Neptun steigert das Bedürfnis nach Schönheit, ist der Quell aller Künste, vor allem aber der Musik, die uns am unmittelbarsten ergreift unter Umgehung aller rationalen Schranken. Therapeutisch ist sein Archetypus wirksam durch Träume und ihre Deutung, Hypnose, Imagination und Selbstsuggestion.

Astrologisch zeigt Neptun kollektive Stimmungen, die auch das persönliche Unbewusste unterschwellig stark beeinflussen. Neptun braucht für einen Umlauf 165 Jahre und steht 13-14 Jahre im selben Zeichen. Moden, Art der Mystifikationen, Heilserwartungen, Illusionen, kollektiven Selbsttäuschungen, ja sogar Krankheitsdiagnosen sind gefärbt von der Atmosphäre des Zeichens, welches er während dieser Zeit durchläuft. Im persönlichen Horoskop zeigt Neptun, wo Verantwortung übernommen werden muss für den Schatten eigener Unangepasstheit. Nur durch Mitgefühl für den „Geringsten“ in uns können wir Erlösung erhoffen und Mitgefühl für andere, Nächstenliebe, entwickeln. Auf höchster Stufe steht Neptun für universelle Menschenliebe.

Literatur: Standard

Autor: Romankiewicz, Brigitte

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