Melusine

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Keyword: Melusine

Links: Anima, Meer, Mutter, große Nixe, Nymphe, Undine, Wasser

Definition: Die Melusine ist eine aus der Literatur und dem Volksglauben bekannte Gestalt, die zu den Wasserwesen gehört und als Nixe bezeichnet wird, aber doch Züge einer einstigen Muttergöttin trägt, was z. B. in der lit. Überlieferung deutlich wird: Sie wird zur Stammmutter des Geschlechtes de Lusignan.

Information: Die frühsten Fassungen des Stoffes finden sich in einem Prosaroman (um 1390) von Jean d' Arras und in dem nach 1401 entstandenen, zum Volksbuch gewordenen Versroman von Couldrette. Auf diesem Werk beruht die dt. Prosafassung des Thüring von Ringoltingen (1474).

Die Sage der Melusine als Ahnfrau des frz. Hauses Poitou (Lusinia=Mère Lusine) diente dazu, die Meerfee mit dem Fischschwanz, die das Geschlecht im Wappen führte, zu verherrlichen und von dem Verdacht der Unchristlichkeit zu reinigen.

Einen rationalistischen Erklärungsversuch führt Holzapfel (1993) in seinem Lexikon an: Die Melusine "geht viell. doch auf die syr. Göttin Derketo zurück, die Graf Guy de Lusignan 1192 auf seinem Besitz Zypern kennengelernt haben könnte." (Holzapfel, 1939, S. 269) Sollte es sich so verhalten haben (immerhin wurden auch im kleinasiatischen Bereich zur Zeit der Kreuzzüge "alte" Muttergöttinnen verdrängt), so handelt es sich eher um ein Synchronizitätsphänomen als um einen kausalen Zusammenhang. Von Derketo (die immerhin die älteste fischschwänzige Göttin ist) wird eine andere Geschichte erzählt. Die Melusinengeschichte wurde v. a. in Frankreich erzählt, in Gebieten, wo keltische Überlieferungen stark verbreitet sind. In ihrem ersten Auftreten (in der überlieferten Geschichte) erinnert sie an keltische Brunnen/Quellgöttinnen. Wie sie dem jungen, verwirrten und verirrten Grafen dort am Brunnen erscheint (einerseits der Ort, wo ein Zugang zu der Anderswelt besteht, andererseits der Ort der Muttergöttin, bezeichnet C. G. Jung sie als Animaerscheinung. Ihre Art dagegen, wie sie im Fortgang der Geschichte Städte gründet, dafür sorgt, dass Felsen versetzt werden, erinnert an Steinzeitgöttinnen. Die Untersuchungen von Louis Charpentier bestätigen dies. Er sieht sie als Gefährtin des vorkeltischen Gottes Lug (Charpentier, 1969, S. 56f). Er führt Vorstellungen an, in denen die Melusine nicht nur einen Fischschwanz (oder Drachen-/Schlangenschwanz) hat, sondern einen Wasservogelfuß (Schwan, Ente oder Gans), wodurch sie in die Nähe der Königin von Sabah rückt.

In allen gängigen Nachschlagewerken wird vom Fischschwanz der Melusine gesprochen, obwohl in den Geschichten expressis verbis häufiger von Drachen- oder Schlangenschwanz gesprochen wird). In den bildlichen Darstellungen zu der Geschichte hat sie manchmal Schlangenschwänze, die eher an dicke Baumwurzeln erinnern. Kohl (sieht hier die Reste einer alten Erd-, Muttergöttin. Wäre es vielleicht ein Hinweis, dass die Göttin ursprünglich zum Übergang vom Wasser zum Land gehört (historisch – archäologisch wie auch innerpsychisch – archetypisch)? Mythische Frauengestalten mit Namen Melusine (ohne dass sie im Zusammenhang mit der Geschichte stehen) haben einen doppelten Fischschwanz, er gabelt sich in zwei Fischschwanzenden (z. B. sehr schön in der Klosterkirche in Zillis, CH oder in verschiedenen Darstellungen im Engadin zu sehen). Diese Darstellungen erinnern an Bilder von Muttergöttinnen in der Gebärhaltung (auch das Ankerkreuz erinnert z. T. daran), was wieder ein Hinweis auf die Melusine als große Muttergöttin wäre. Auf mittelalterlichen Illustrationen zur Geschichte verschwindet Melusine schließlich als geflügelter Drache mit dem Gesicht und Oberkörper einer Frau in der Luft. Soll das einerseits ihre Komplexität ausdrücken oder wird deutlich, wie sie sich aus einem Wasser- Erdwesen zu einem Luftwesen wandelte, d. h. zu dem nun mehr geistigen Bereich des Unbewussten gehört?

Dazu passt, dass im Volksglauben der Name der Melusine auf Sturm- und Winddämonen übertragen wurde. Die Annäherung der Melusine an den mehr geistigen Bereich der Luft, wodurch einzelne Autoren auch eine "Abstammung, zumindest Verwandtschaft der Melusine mit den griechischen Sirenen annehmen, lässt auch verständlich werden, dass der Melusine einen festen Platz im alchemistischen Wandlungsprozess hat, wozu auch ihre ungeheure Verwandlungsfähigkeit gehört, die ja bereits ein Zeichen des Mercurius ist.

Die "Melosiniae" als Wasserwesen leben nach Paracelsus im menschlichen Blut und stammen vom Walfisch des Jona ab. Andererseits blieb die Melosina "auf der paradiesischen Stufe als Wasserwesen stehen und lebte im menschlichen Blute weiter. (…)

Interpretation: Für einen Kenner der subliminalen, psychischen Wandlungsprozesse ist diese Figur unschwer als Animafigur deutbar. Die Paracelsische Melosina erscheint als eine Variante des serpens mercuriales, der u. a. auch als Schlangenjungfrau dargestellt wurde, um durch diese monstrositas die Doppelnatur des Mercurius zum Ausdruck zu bringen. Die Erlösung dieses Wesens wurde als Assumptio und Coronatio Mariaä dargestellt." (C. G. Jung, GW 13, S. 162f)

Im alchemistischen Wandlungsprozess (Alchemie), dem der psychische Individuationsprozess entspricht, hat also die Melusine eine wesentliche Funktion. Es wird letztendlich in der Geschichte selbst deutlich. Die Tabuverletzung ist typisch für die sog. Mahrtenehe (d. h. die Ehe zwischen einem Menschen und einem jenseitigen Wesen). Erstaunlich ist hier, dass nicht die Tabuverletzung zum eigentlichen Unglück führt, sondern die daraus folgende im Affekt geäußerte Verfluchung, die Raymond die Melusine gegenüber ausspricht. Somit wird die Figur die Melusine zu einer Prüferin der Standhaftigkeit (das Gebot befolgen und das Geheimnis bewahren), der Treue und der Selbstbeherrschung (keine Äußerung im Affekt) dieser letzte Punkt ist auch eine wesentliche Prüfung im Zusammenhang mit der Undine. Eigenschaften, die eine andauernde Integration von Inhalten aus dem Unbewussten ermöglichen. Es wäre in dem Zusammenhang wichtig, die Gestalt der Melusine gegenüber üblichen Nixen/Nymphen und der Undine zu setzen. Auf jeden Fall wird deutlich, dass die Gestalt der Melusine eine tiefliegende und unfassende Wandlung ermöglicht, wenn Möglichkeiten wahrgenommen werden.

In Träumen von Analysanden ist mir die Melusine nur indirekt begegnet. Z. B.: Im Wald sind mächtige Gebäude und eine Frauengestalt ist in der Nähe, die auch eine "weiße Frau" oder ein Ortsgeist hätte sein können. Bei der nachfolgenden Zeichnung war die Frau mit schlangen- wurzelähnlichen Beinen in der Erde verwurzelt. Eine andere übergroße Frauengestalt verschwand von einem Turm in die Luft. Bei der von mir angeführten Amplifikation durch die Erzählung der Melusine (die dann gelesen wurde) klärte es sich jeweils, ob es sich um eine Melusine handelte oder um andere Anima/Mutterfiguren. Meines Erachtens weist die Gestalt die Melusine auf eine besonders tief liegende Schicht im Unbewussten.

Der Archetyp, der sich im Bild die Melusine äußert, wird auch sichtbar in den verschiedenen motivgeschichtlichen Vergleichen und Darstellungen der verschiedenen Lexika, die weiter ungeprüft Meinungen tradieren. So wird deutlich: hier wirkt der gleichmachende, jegliche Differenzierung vermeidende Mutterarchetyp, der in die Regression lockt (Überlieferung einfach unkritisch weiter überliefern ist doch wohl auch eine Regression, wenn auch eine wissenschaftliche).

Literatur: Standard

Autor: Thomas, Helga

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