Mauer

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Keyword: Mauer

Links: Bauwerk, Grenze, Haus, Raum, Stadt, Stein, Temenos, Turm

Definition: Eine Mauer ist eine Wand aus Stein. Das Wort stammt als Lehnwort von lat. murus (Mauer; Wall).

Information: Die germanischen Stämme lernten durch die Römer die Stein- und Ziegelbautechnik kennen. Bislang kannten sie nur geflochtene Holzwände. Man kann die Technik aus Lehmziegeln, Stein oder gebrannten Ziegeln Mauern zu bauen als den Beginn der Zivilisation bezeichnen. Die erste Stadtmauer geht auf den legendären mesopotamischen König Gilgamesch zurück (Uruk, 5000 v. Chr.). Die Mauer bietet Schutz, Sicherheit und Geborgenheit und gehört somit zum Symbolkanon des Großen Weiblichen. Sie ist Grenzwall (Grenze) zwischen befriedetem, vertrautem Innen und fremdem, feindlichem Außen. Mauern bieten keinen absoluten Schutz; sie können einstürzen wie die Mauern von Jericho, der Stadt, die "sich verschloss und den Kindern Israels verschlossen blieb". Mit magischem Umschreiten, Posaunenklängen und lautem Geschrei wurden sie zum Einsturz gebracht (Jos. 6, 1 ff).

Nahezu gleichzeitig mit den ersten Stadtgründungen finden sich auch die ersten Tempelbauten, deren Mauern als Temenos das Allerheiligste schützen und es vor der alltäglichen Welt verschließen. Andererseits werden die Gläubigen vor dem Tremendum des Göttlichen geschützt. Schon nomadisierende Stämme aus der Steinzeit bauten gemauerte schreinartige Gebäude, die Bildwerke umschlossen (Chatal Hüyük, ca. 7000 v. Chr.) Das Paradies wurde von Mauern umfangen vorgestellt (himmlisches Jerusalem). Jedoch, was Geborgenheit bietet, kann auch Gefangenschaft bedeuten. Gefängnisse sind von Mauern umschlossen. Sie schließen den Gefangenen vom sozialen Leben aus und schützen die Gesellschaft vor ihm. Petrus und Paulus werden auf wundersame Weise aus den Mauern ihres Gefängnisses befreit (Apg. 5, 19 und 16, 26). Die ringförmige Mauer aus Feuer (Waberlohe) ist ein magischer Initiationskreis. (Initiation)

Interpretation: Die Sprache kennt die Mauer als Metapher für bestimmtes Verhalten, z. B. sich einmauern, Mauern (des Trennenden) einreißen, mauern (sich verschließen).

Im Märchen symbolisiert die Mauer oft ein statisches, festes Element des weiblichen Prinzips. In "Rapunzel" (KHM 12), das eine weibliche Initiation schildert, erscheint die Mauer als Umfriedung des Fruchtbarkeit schenkenden Gartens und in der ambivalenten Dynamik des Turmes als Schutzraum in dem sich die Reifung vollzieht sowie als Gefängnis, das nicht freiläßt. Der beklemmende Roman "Die Wand" von Maria Haushofer, in dem die Ich-Erzählerin in der Einsamkeit des Gebirges auf eine unsichtbare, unüberwindbare M. (Wand) trifft, die sie von der übrigen Welt abtrennt, schildert eine schwere Identitätskrise mit Gefühlen von Entfremdung, Kontaktunfähigkeit und Depression und zugleich den unerschütterlichen Willen zu überleben.

Entfremdung von Gefühlen, Isolation und schwere Depression drückt auch die bildnerische Gestaltung einer jungen Magersüchtigen aus: Ein fadendünnes rotes Wesen steht verloren in einem Gefängnis aus riesigen, erdrückenden schwarz-grauen Quadern. Die Angst vor der Reifung läßt nicht zu, dass die junge Frau ihren Emotionen, Affekten und sexuellen Bedürfnissen Raum gibt, dass sie sich befreit aus dem regressiven mütterlichen Gefängnis.

Literatur: Standard

Autor: Daniel, Rosmarie

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