Märtyrer

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Keyword: Märtyrer

Links: Christentum, Opfer

Definition: Im allg. Sprachgebrauch ist ein Märtyrer jemand, der sein Leben für eine Idee aufopfert. Im alten Griechenland war ein Märtyrer ein Zeuge vor Gericht, Zeuge der Wahrheit (grch. martyr).

Information: Einst hatten christliche Märtyrer eine großeBedeutung, zurzeit islamistische. Christliche Märtyrer wurden gegen ihrenWillen vom römischen Staat aufgespürt, gefangen und den Tieren vorgeworfen, während islamistische Märtyrer ihrenTod im Heiligen Krieg freiwillig suchen, ähnlich wie japanische Kamikaze im 2. Weltkrieg. Gemeinsam ist aber beiden der Tod für den Glauben, der ihnen das Paradies öffnet. Ebenso genießen beide die Verehrung der Ihren. Der Todestag eines Märtyrer hieß in der Kirche dies natalis (Geburtstag des ewigen Lebens). Analoges gilt für den Islam.

Der Katechismus der kath. Kirche führt aus: "Der Märtyrer legt Zeugnis ab für die Wahrheit des Glaubens und die christliche Glaubenslehre. Er nimmt in christlicher Stärke den Tod auf sich. Mit größter Sorgfalt hat die Kirche Erinnerungen an jene, die in ihrer Glaubensbezeugung bis zum Äußersten gegangen sind, in den Akten der Märtyrer gesammelt. Sie bilden die mit Blut geschriebenen Archive der Wahrheit" (§ 2474f.).

Martyrium heißt nicht nur das Blutzeugnis, sondern auch die Gedenkstätte über einem Märtyrer-Grab. Solche entstanden mit dem Märtyrer-Kult: Schon anfangs des 3. Jh. betete man am Grab von Märtyrer um deren himmlische Fürbitte, wie heute noch im Islam. Ihre Blütezeit erlebten christliche Märtyrer-Kapellen unter dem ersten christlichen Kaiser, Konstantin (Kaiser 306-337). Mit der Märtyrer-Verehrung entwickelten sich die Martyrologien: Verzeichnisse der Märtyrer-Gedenktage. In den Klöstern wird noch heute täglich (in der Lesung während des Frühstücks) der Märtyrer gedacht, der "lebendigen Bausteine der Kirche". Das maßgebliche Martyrologium Romanum stammt aus dem Jahr 1584.

Die Zahl der christlichen Märtyrer in den ersten drei christl. Jh. ist beträchtlich; sie wird jedoch durch Märtyrer der Neuzeit bei Weitem übertroffen: Zur Zeit der Reformation starben Abertausende von Christen: etwa in den Niederlanden, in Spanien, Frankreich und Italien; später erlitten sie den Märtyrer-Tod in Missionsgebieten, vorab im fernen Osten (Japan, China: Boxeraufstand mit 30000 Märtyrer). In Übersee wurden Missionare oft verspeist, weil sich die Eingeborenen deren Mana aneignen wollten. Noch das 20. Jh. brachte Myriaden von Märtyrer hervor: Hunderttausende starben in Armenien; im kommunistischen Russland wurde die standhafte Geistlichkeit weitgehend ermordet; in Spanien starben während des Bürgerkrieges 1936/37 Tausende von Priestern, Mönchen und Nonnen; im Nazi-Deutschland starben allein in Dachau über 1000 polnische Priester. Neben den christlichen gibt es unzählige Märtyrer anderer Religionen. Dass Menschen wegen ihres Glaubens nicht umgebracht werden dürfen, ist menschheitsgeschichtlich eine neue Errungenschaft, die sich noch nicht weltweit verbreitet hat.

Interpretation: Die Tiefenpsychologie erkennt im Märtyrer ein Symbol für die Hingabe des Ichs ans Selbst. Diese kommt etwa im Wort zum Ausdruck, das Jesus im Garten Gethsemane gesagt haben soll: "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe" (Luk. 22, 42)! Das ist die Quintessenz des Individuationsprozesses, die Fides qua (Glaube). Jeder Mensch kann spüren, dass etwas ist, dem er sich hingeben sollte. Daraus erwuchs die Idee des Opfers für den Glauben, der früher kollektiv institutionalisiert und mit dem Selbst identifiziert war. Kritisch lässt sich zum Märtyrer-Kult sagen: Der Glaube, der Märtyrer-Tod sei ein dies natalis, ist nicht mehr zeitgemäß. Zudem ist es nach hundert Jahren Tiefenpsychologie anachronistisch, sein Selbst immer noch auf religiöse Institutionen zu projizieren, sich naiv für ein Kollektiv aufzuopfern oder sich gar von ihm als Kanonenfutter missbrauchen zu lassen. Solche Märtyrer werden in Zukunft aussterben; moderne Demokratie und Menschenrechte versuchen, "Zeugen der Wahrheit" zu integrieren anstatt umzubringen. Doch trotz dieser grundsätzlichen Kritik darf das Kind nicht mitsamt dem Bade ausgeschüttet werden. Denn der Märtyrer hat eine überzeitliche, archetypische Grundlage: die Bereitschaft des Ichs, sich dem Selbst zu öffnen. Diese Haltung bringt wahrhaftige Menschen hervor, den oft verkannten Weizen unter der Spreu: zeitgemäße Märtyrer.

Literatur: Standard

Autor: Kaufmann, Rolf

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