Kirche-Gebäude

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Keyword: Kirche-Gebäude

Links: Kirche, Basilika, Kathedrale, Kloster, Bauwerk, Kreuz, Mandala, Christus, Selbst, Ich-Selbst-Achse

Definition: siehe Kirche : Kirche [mhd. kirche, ahd. kiricha; spätgriech. kyrikón= Gotteshaus, zu älter: kyriakón, eigtl. = das zum Herrn gehörende (Haus), zu: kýrios= Herr]: geweihtes Gebäude mit einem oder mehreren [Glocken]türmen, in dem die Mitglieder einer christlichen Glaubensgemeinschaft Gottesdienst abhalten, beten, liturgische Handlungen vollziehen u. a.

Information: siehe Kirche

Kirchengebäude lassen sich unterscheiden in Klosterkirchen, Kapellen, Walfahrtskirchen, Dorfkirchen oder Stadtkirchen. Die großen Kirchen einer Stadt werden oft Kathedralen, Dome oder Münster genannt. Die Geschichte der christlichen Kirchenbaukunst ist ein Wechselspiel zwischen der Inszenierung des Weges zum Allerheiligsten und der Inszenierung der Einheitserfahrung in der göttlichen Mitte.

DER WEG: Für das Gebäude der christlichen Kirche entstand schon in frühchristlicher Zeit die Form der Basilika. Nikolaus Pevsner schreibt in seinem Buch „Europäische Architektur“: „Die spezifischen Funktionen des christlichen Gotteshauses haben in dieser Epoche bereits einen so adäquaten und endgültigen architektonischen Ausdruck gefunden, dass keine gotische Kathedrale, kein Kirchenbau der Gegenwart daneben wesentlich Neues aufzuweisen hat. Die frühchristliche Kirche in der Form der Basilika ist das Symbol des Weges, auf dem die Gläubigen dem Wunder der Transsubstantiation entgegenschreiten. Das Ziel diese Weges ist die Apsis mit dem Altar, auf dem sich das Mysterium der Fleischwerdung Gottes vollzieht.“ Die Form der Basilika scheint auf Kultbauten heidnischer Sekten zurückzuführen zu sein.

San Apollinare Nuovo.gif

Abb. Schemagrundriss der Basilika S. Apollinare Nuovo in Ravenna, frühes 6. Jhrd


DIE MITTE: Zeitgleich entwickelte sich als zweiter Bautyp der Zentralbau. Hier steht das Zentrum, die Mitte im Mittelpunkt des Gebäudes. Der Zentralbau entstand aus der Rundform des römischen Grabmals. Aus praktischen Gründen wurde diese Form oft für Taufkapellen verwandt. Besonders in Byzanz entwickelte sich dieser Typ zum Standardtyp bis ins 14. Jahrhundert.

Der Grundriss solcher Zentralbauten hat die Form eines Mandalas (z.B. achteckig) oder auch eines griechischen Kreuzes (ein Kreuz mit gleich langen Seiten).

San Vitale Ravenna.gif

Hier der Grundriss der Kirche San Vitale in Ravenna, erbaut 547 n. Christus.

Im Südwesten befindet sich der sogenannte Narthex, ein dem eigentlichen Gebäude vorgelagerter Raum, in dem man sich vor dem Gottesdienst versammelte. Dem Narthex gegenüber befindet sich die Apsis, in der der Altar steht. Der Grundriss zeigt ein Mandala, aber natürlich kein ganz geschlossenes, sondern ein Mandala mit Öffnungen, durch die man das Gebäude betreten und wieder verlassen kann. Über dem mittleren Achteck erhebt sich eine Kuppel.


Kurz gefasst, könnte man sagen: Aus der Kombination und/oder Durchdringung dieser beiden Bauformen (Basilika und Zentralbau) entwickelten sich die verschiedenen Kirchenformen des christlichen Abendlandes.

Wichtig sind die Inszenierung des Weges einerseits und die Zentrierung auf die Mitte andererseits, beides - „verinnerlicht“- nach innen in das Gebäude hinein verlegt.

Die Kirchengebäude der verschiedenen Epochen sind in ihrer Ausgestaltung stark geprägt vom jeweiligen religiösen Zeitempfinden; dabei spielt das Thema der Transzendenz eine ganz wichtige Rolle. Aber die diesseitigen Interessen der weltlichen und geistlichen Machthaber hatten natürlich ebenfalls großen Einfluss auf die Gestaltung. Immer kann man aber auch den symbolischen Ausdruck für den Weg zum Allerheiligsten und/oder die Inszenierung der Mitte erleben. Mal ist das eine vorrangig, mal das andere, mal sind beide gleich bedeutsam.

Interpretation: In der Regel betritt der Mensch den Kirchenraum im Westen und schreitet durch ihn hindurch zur Apsis im Osten. Diese Himmelsrichtungen symbolisieren den weltlichen Bereich im Westen und den geistigen Bereich im Osten. Tiefenpsychologisch kann man das mit dem Bereich des Ichs (im Westen) und des Selbst (im Osten) gleichsetzen. Dann symbolisiert eine in Basilika-Form gebaute Kirche die „Ich-Selbst-Achse“. Dieses Symbol lässt sich nicht nur anschauen, sondern begehen, das bedeutet durch die körperliche Bewegung und alle sinnlichen Wahrnehmungen real erleben! Das ist das ganz Besondere an der Architektur: Das, was durch sie symbolisch ausgedrückt wird, ist unmittelbar und körperlich erfahrbar!

Als zusätzliches Element schiebt sich bei vielen Kirchen u.a. zwischen die Längsachse und die Apsis ein Querschiff, so dass die Kirche die Grundrissform eines christlichen Kreuzes hat. Die sogenannte Vierung ist der Bereich, in dem sich Längs- und Querschiff überschneiden, die Schnittstelle des Kreuzes. Diese Vierung ist mitunter mit einer Kuppel überwölbt. Es ist der geometrische Ort der „Vereinigung“ der Gegenrichtungen der Längs- und Querachse, West-Ost und Nord-Süd.

Diese Stelle hat (auf mich) eine magische Anziehungskraft. Manchmal ist sie dem Besucher zugänglich, oft gehört sie aber auch schon zum heiligen Bereich, der der Zeremonie der Heiligen Messe vorbehalten ist. Mitunter empfängt der Gläubige hier die Heilige Kommunion. Auch die Hostie ist ja wiederum ein Symbol für das Selbst, das in diesem Moment verinnerlicht wird (siehe C.G. Jung, Psychologie und Religion). So wird der Ritus durch die Architektur des Gebäudes begleitet.

Santiago-Catedral-Planta.gif

Abb. Grundriss der Kathedrale in Santiago de Compostela, erbaut ab 1077, Quelle wikimedia commons, Urheber: José-Manuel Benito


Das ganz persönliche, achtsame und respektvolle Erspüren dieser oben beschriebenen räumlichen Inszenierungen kann sehr ergreifend sein und m. E. eine heilsame Wirkung haben. Vielleicht ließen (und lassen) sich die Kirchengebäude aber auch gerade dadurch von einer doktrinären kirchlichen Institution dazu missbrauchen, die Gläubigen unmündig zu halten?


Anmerkung: Die abgebildeten Kirchengrundrisse sind nicht maßstabsgleich.

Literatur: Standard; Nikolaus Pevsner, Europäische Architektur; www.kirchengucker.de

Autor: Ernst, Christine

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