Jungfrau

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Keyword: Jungfrau

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Definition: Jungfrau, lat. virgo, ist, als femininum zu vir (= Mann, der Kräftige, sich auf etwas zu Bewegende), "die kräftig und geradlinig etwas Verfolgende".

Information: Keine

Interpretation: Wo sie in Märchen, Mythos und Sage auftritt (oder auch in romantischer Dichtkunst) ist sie Symbol unverbrauchter Lebenskraft und von Konventionen nicht entstellter Unmittelbarkeit. Sie steht für Lauterkeit des Herzens, des unüberformten, natürlichen Wesens (psychol. für die Unabhängigkeit sowohl vom Diktat "niederer" Triebkomplexe als auch des Über-Ich). Sie ist die schwer zu erringende heilkräftige Kostbarkeit oder deren Bewahrerin, ist auch mutige Retterin und Führerin aus tiefer Not (Jungfrau v. Orléans, Dantes Beatrice). Als Sakraltypus trägt sie Aspekte der voranfänglichen Großen Göttin, die weibl. und männl. Potenz in sich vereint, aus sich selbst zeugt und in sich entfaltet ("parthenogenetisch" - von gr. parthenos = Jungfrau, Blüte und Frucht), und ohne gleichrangigen männlichen Gegenpart auskommt, bzw. mit ihm identisch ist (alch. Hermaphroditus). In der Antike Artemis als freie Jägerin, aber auch die Schwarze, alles enthaltende Jungfrau (z. B. in Ephesus); Aphrodite, die ihre physische Jungfräulichkeit jeweils durch ein Bad erneuert. Durch Athene (röm. Minerva) tritt Klugheit, Erfindergeist hinzu, eine spezifische Mischung aus Intuition und Realismus. Auch ist Aidos zu erwähnen, die "heilige Scheu", die im barbarischen "eisernen Weltalter" himmelwärts flieht und zum Sternbild Jungfrau wird.

Jungfrauen sind Priesterinnen und Tempelprostituierte, jungfräuliche Keuschheit macht sich nicht am Detail der "virgo intacta" im anatomischen Sinn fest, sondern meint Bezogenheit auf das innerste Wesen und Dienst am Sein. Auch in der christlichen Symbolik steht die Jungfrau für eine Haltung der geistigen Demut und Einfachheit (= "Reinheit"), der Unbestechlichkeit und Nicht-Verwicklung in irdische Begierden und Verwirrung (2. Kor. 11, 2; Off. 14, 4). Die Jungfrau Maria verkörpert diese Haltung in besonderer Weise. Ihre Verehrung trägt deutliche Züge der Erlösungssymbolik orientalischer Jungfrau-Gottheiten, z. B. Isis oder der Aphrodite Panhagia von Zypern, besonders in der Überhöhung der Maria im Mittelalter. Die unberührte Jungfrau ("undurchbohrte Perle") ist ein zentrales Motiv vieler orientalischer Märchen. Die Troubadourzeit überträgt im Minnesang diese Projektion auf die "Hohe Frouwe", die sich durch freien Sinn und Herzensadel auszeichnet. Motivisch wird Unberührbarkeit häufig symbolisiert durch Burgfräulein oder die Jungfrau im Turm (Rapunzel), aber auch den um- oder verschlossenen Garten (hortus conclusus), in den das Einhorn flüchtet. Weitere Symbole finden sich in den Titeln der Maria in der Lauretanischen Litanei (Jung, GW 6, § 379).

In gnostisch-alchemistischer Sicht ist die "virgo" Hüterin des in der Materie verborgenen Lichts. Sie vertritt die Materie und ihre göttliche Abkunft, ist sowohl Natur, prima materia (also "Rohzustand", Personifikation des Unbewussten), Mittlerin und Wandlerin (mediatrix) und höchste Veredelung zur Wahrheit selbst, Transparenz (Glas als Symbol) "aqua permanens" oder den lapis, die höchste Weisheit. Als anima mundi, Weltseele oder Sapientia Dei repräsentiert sie den belebenden geistigen Hauch, ist Trägerin und Verwirklicherin ("Werkmeisterin") der göttlichen Urbilder selbst, Vermittlerin und "Tor" zwischen höchsten Ideen und Manifestation. Als Mediatrix wiederum verweist sie auf den alchemistischen Mercurius, mit dem sie in ihrem androgynen Aspekt identisch ist (vgl. Jung, GW 12).

In mystischer Sicht verschmilzt sie als Repräsentantin des Logos mit Christus. Ikonographisch nimmt die Thronende Jungfrau seit dem 5. Jh. häufig die Stelle Christi ein. Christus selbst ist nach kath. Auffassung "virgo de virgine" (= Jungfrau von der Jungfrau. geboren).

Bei Naturvölkern und im Volksglauben sind Jungfrauen zum Gelingen vieler Rituale nötig, sei es Saat oder Ernte, Neubeginn oder Beschwichtigung der Numina nach Regelverstößen. Auch hier wird die Jungfrau als Logos -Archetypus der Ordnung, Neuordnung und Befreiung dadurch deutlich.

In psychoanalytischer Sicht entspricht der Jungfrau die Anima, die als imaginations- und projektionsbildender Faktor des Unbewussten Wirklichkeit erschafft, und die Beziehung zur Materie, zur "Dingwelt" bildet (Jung. GW 9/I § 114 ff). Insofern sie verwandt ist mit Merkur, hat sie Vermittlungsfunktion (mediatrix!) zwischen den vier Grundfunktionen (Intuition, Empfindung, Fühlen und Denken) und ist Wegleiterin ("Hodigetria") im schwierigen Prozess der präzisen Wahrnehmung und Unterscheidung gemäß der alchemistischen Weisheit "solve et coagula" (=trenne und verdichte). Weitere Funktionen des Jungfrau-Symbols ergeben sich aus ihrer Bedeutung im astrologischen Gefüge, weitere lebensweltliche Bezüge unter "Jungfräulichkeit".

Die Jungfrau in der Astrologie ist das 6. Zeichen des Tierkreises und hat die Aufgabe der Wesenserkenntnis, schöpferischen Gestaltung und Einordnung oder Anpassung der dynamischen Entladungen des Löwe -Zeichens. Sie ist seit dem Mittelalter häufig geflügelt, auf der Erde stehend, drei Ähren in der Hand dargestellt. Intuition muss mit der Realitäts- oder Empfindungsfunktion verbunden werden, um fruchtbar und konkret zu werden."Himmlisches" Ideal braucht Vergegenwärtigung im Da-Sein, Gestaltung in der Realität. Grundprinzip ist Unterscheidung des Absoluten vom Relativen und Machbaren. Einfälle aus der archetypischen Sphäre brauchen präzise Wahrnehmung, Reflexion und den fein abgestimmten Rahmen der Konkretion im Menschenmaß. Seelisches Bedürfnis ist Erkenntnis des Wesentlichen und Wesensgemäßen, des Sinnes von Arbeit und Dienen am unmittelbar Gegenwärtigen. Das Faktische, seine Interpretation und die Art und Weise des Umgangs mit dem Gegebenen wecken schöpferische Gestaltungsmöglichkeiten. Materie wird als Trägerin des Geistes erkannt, als Aspekt des Selbst, das Ich muss sich in dessen Dienst stellen. Im Zeichen Jungfrau findet sich die Fähigkeit, mit Mängeln und Niederlagen umzugehen, sie kritisch zu analysieren, wesensgemäß zu korrigieren. Es geht um Aus- und Umwertung, Sorgfalt und Achtsamkeit, Kultur des scheinbar Banalen, Verankerung des Geistigen in der Realität, Gestaltung des gegenwärtigen Augenblicks, Alltagskultur.

Der Schatten des Jungfrau-Archetypus liegt in Unzufriedenheit mit dem Gegebenen, Detailverlorenheit, Pedanterie, Kleben am Gewohnten und an Formalismen.

Autor: Romanikwiecz, Brigitte

Literatur: Standard

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