Jungfräulichkeit

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Keyword: Jungfräulichkeit

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Definition: -

Information: Jungfräulichkeit im Sinne sexueller Enthaltsamkeit gilt schon in vorbiblischen Religionen und in anderen Kulturkreisen als Voraussetzung echter Gottesbegegnung und Vereinigung mit Gott in der Erleuchtung. Der geistige Hintergrund bezieht sich jedoch weniger auf den Bereich des Körperlichen, sondern meint ein geistiges Frei- und Unberührtsein von emotional-komplexhafter Ich-Gebundenheit.

Interpretation: Ein häufig gebrauchtes Symbol in buddhistischer Tradition ist der Spiegel, der durch nichts, was sich in ihm zeigt, in seiner Klarheit verletzt oder auch nur getrübt wird. Kein noch so dramatisches Geschehen, bleibt an seiner reinen Oberfläche haften. Der Spiegel ist auch ein Symbol der Jungfrau Maria (vgl. Lauret. Litanei). In ähnlicher Weise ist das Glas symbolhaft für die Jungfräulichkeit, denn auch dieses bleibt - ungeachtet dessen, was man dadurch sieht, von dem Gesehenen unberührt. Jungfräulichkeit kann ein Bild für die Fähigkeit zu unverstellter Wahrnehmung sein, für Freiheit von konzeptuellen Vorstellungen und Begriffen. Als geistige Haltung (auch in der Mystik, vgl. Meister Eckhardts "Bürglein-Predigt") entspricht der Jungfräulichkeit eine Haltung der Unvoreingenommenheit, Vorurteilslosigkeit und Offenheit. Sie ist nicht Ich-identifiziert, sondern stellt das Ich in den Dienst des tragenden Grundes und Ziels, des Selbst, was sich auch in der unabgelenkten, achtsamen Hinwendung zu einer Sache oder Notwendigkeit zeigt."Unbeflecktheit" meint ebenfalls nicht Vermeidung des Anstößigen zu perfekter Wohlanständigkeit, sondern Freiheit von Anhaftungen an Konditionierungen, Gewohnheits- und Gefühlsmustern, sowie der Trübung des Geistes.

Das Motiv der jungfräulichen Mutter gehört zum Mythos vieler Heilbringer, Helden, Propheten und Herrscher (Buddha, Christus, Lao-Tse, Alexander der Große, Augustus u. a.). Damit wird auf die herausragende, überpersönliche Mission verwiesen, das Freisein von persönlichen erblichen Einschränkungen ("Erbsünde"). Träger oder Vermittler des jungfräulich-zeugenden Geistes können Wind, Mond, Wolke, Taube, Schlange, Goldregen, Früchte u. a. sein.

Bezogen auf die schöpferischen Vorgänge im Unbewussten bedeutet jungfräuliche Empfängnis und Geburt durch eine Jungfrau (s. d.) das Entstehen eines originären, neuen Gestaltimpulses, der im Bewusstsein aufkeimt. Hier ist die jungfräuliche Mutter ein Bild für die Erfahrung, dass das Schöpferische (= Kind) unmittelbar geistiger Herkunft ist und ohne Umweg über lange physische Evolutionsreihen spontan in der Psyche des Menschen aufblühen kann. Die jungfräuliche Mutter ist eine Bildvariation der Sapientia Dei, der Anima mundi und Weltseele, die durch die Anima des Menschen hindurch als "göttlicher Funke" aufsteigen kann bzw. dem Aufleuchten dient.

Jungfräulichkeit ist eine archetypische Erfahrung, die sich auf vielerlei Erlebnisebenen zeigt. Wir reden vom "jungfräulichen Morgen ", vom "jungfräulichen Strand", um den unverbrauchten, frischen Reiz einer Fülle von Möglichkeiten zu beschreiben. Wo Jungfräulichkeit im physischen Sinn inzwischen geringen Stellenwert hat, bleibt dennoch die Faszination knospenhafter Schönheit und Makellosigkeit. Lat. virga, der virgo verwandt, ist die biegsam-frische Rute, die "Gertenschlanke", ebenfalls ein Symbol der Jungfrau. Jung-Frauen heute wünschen sich meist knabenhafte Körper (die androgyne Grundkomponente der Jungfräulichkeit). Aidos, in der Antike noch eine Personifikation des Scheuen, Schüchternen und Unschuldigen, verbirgt sich unter modischer Forderung in der Umkehrung in ihr Gegenteil, in zur Schau gestellter Forschheit und Künstlichkeit, sowie dem Spiel mit dem archetypischen Jungfrau -Paradox von Hure und Heiliger (virtuos darin: Popstar Madonna). Wesentliche Bestimmungsprinzipien des Jungfräulichen in der konkreten Lebenswelt finden sich in der Hyperkultur der Körpergestaltung, des Hygiene-, Gesundheits- und Jugendfetischismus, der Magersucht. Auch der Wunsch, es möge alles immer "wie neu" aussehen, ohne Gebrauchs- und Alterungsspuren gehört hierher, das Ungeschehen-Machen-Wollen, die Faszination durchs Perfekte. In übersteigerter Bakterienfurcht, Vegetarismus, aseptischer Architektur, Reduktionismen, sterilen Techniken und Logistiken, die keine Falten und Fehler zulassen, im Faible für synthetische Welten, für das Körperlose und Virtuelle (dieselbe etym. Wurzel wie lat. virgo = Jungfrau !), im hängen bleiben in der Möglichkeit ("puella aeterna") und Single-Existenz zeigt sich die Sehnsucht nach Unkompliziertheit, Klarheit und Reinheit des Seins, die jedoch unvermeidlich die Schatten der Intoleranz gegenüber "Allzumenschlichem", Ausgrenzung des Unangenehmen, Schwierigen, Unangepassten heraufbeschwören, solange die Blindheit gegenüber der symbolischen Bedeutung von Jungfräulichkeit. besteht.

Autor: Romanikwiecz, Brigitte

Literatur: Standard

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