Herz

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Keyword: Herz

Links: Blut, Eros-Prinzip, Leben

Definition: Organ das den Kreislauf des Blutes durch regelmäßiges Sich zusammenziehen und Dehnen antreibt.

Information: Über den Blutkreislauf werden Sauerstoff, Nährstoffe, Hormone und Wasser durch den Körper geleitet. Das Herz pumpt das Blut innerhalb einer Minute einmal durch unseren gesamten Körper rund 7. 000 Liter pro Tag. Während unseres ganzen Lebens schlägt das Herz im Schnitt 2. 700. 000. 000 Mal und pumpt dabei 350. 000. 000 Liter durch die Adern; das entspricht in etwa der Ladung eines Öltankers. Ein durchschnittliches Herz hat etwa die Größe einer Faust und wiegt rund 300 Gramm, bei Leistungssportlern bis zu einem Pfund.

Nachts um drei Uhr sind Herzschlag und Körpertemperatur am niedrigsten. Um diese Zeit herum sterben auch die meisten Menschen, und es geschehen auch die meisten Nachtunfälle. Frauenherzen schlagen schneller als Männerherzen. Der erste Herzschrittmacher wurde übrigens schon 1958 in Stockholm implantiert, er hielt jedoch nur 24 Stunden. Der Patient wurde trotzdem 86 Jahre alt und im Laufe seines Lebens wurden ihm 22 verschiedene Schrittmacher implantiert.

Interpretation: Etymologisch urverwandt zum einen mit dem indogermanischen kerd, das sich im späteren zum griech.: kardio und lat.: cor fortentwickelte, zum anderen mit dem althochdeutschen herza. Die Verwendung des Wortes Herz umfasst sowohl den organischen als auch den psychischen bzw. poetischen und metaphorischen Kontext. Letzterer findet seinen Ausdruck bereits im Altertum, wo dem Herzen der Sitz nicht nur der Gefühle, sondern auch der religiösen Empfindungen zugesprochen wurde. Empedokles erkannte in diesem Organ das Zentrum des Menschen und die Kraft des Denkens, Aristoteles fasste das Herz auf als Ursprung und Angelpunkt des Lebens im Gegensatz zu Hippokrates, der diesen dem Gehirn zusprach. Religionsphilosophisch entwickelte Augustinus die Auffassung über das Herz weiter als ein Gefäß, das die Gesetze Gottes in sich berge. Nach Pascal fanden sich im Herzen vor allem die innere Empfindung, die Gesetzmäßigkeit der "ordre du coeur", die sich in ihrer Subjektivität der intellektuellen Logik entzieht, und die sich in spontaner Weise ereignende Gewissheit einer religiösen und philosophischen Erkenntnis. Nach immer wieder erfolgendem umfassendem Widerstreit über den Ansiedelungspunkt des Lebens wird dieser seit der Romantik dem Herzen zugesprochen.

Zeit und Ort erstmaligen Auftretens des Herzmotivs entzieht sich genauerer Kenntnis. Angenommen wird die Entlehnung der Form den Efeublättern, die bereits früh als ein Symbol für Leben und Unsterblichkeit galten. In Betracht gezogen wird, dass das Herzbild als Ornament von Oberägypten über Griechenland und Italien nach Deutschland gelangt sein könnte.

Der heutigen Auffassung über den Bau und die Funktion des Herzens soll als eine Form damaliger Betrachtung die aristotelische (3. Jhdt. v. Chr.) gegenübergestellt werden:

a) Die Gestalt des gesamten Körpers geht auf das Herz zurück.

b) Die höchste Wandlungsstufe und der Endpunkt des vom Herzen gebildeten Blutes ist der Samen.

c) Im Herzen als Lebenszentrum wirkt die darin beheimatete Seele als Dreh- und Angelpunkt des gesamten leibseelischen Lebens im Sinne eines "unbewegten Bewegers".

Sowohl im Juden- als auch Christentum wird das Herz neben dem Ort der Liebe als der Sitz der Intuition und Weisheit begriffen. Für H. v. Bingen ist es die Stätte der Lebenskraft und der wie ein Feuer im Zentrum wirkenden Seele. Das Feuer im Herzen gebe erst zusammen mit der Kühle des Gehirns das Gleichmaß der Gedanken. Meister Eckhart sprach von der "scintilla animae", der Funkenseele im Herzen, was in neuerer Zeit als Lebenslicht bezeichnet wird. Eine verbreitete Form damaliger Darstellung von mystischen Herzenserfahrungen war die des Herzenstausches, oder das durchbohrte bzw. flammende Herz als Ort der Begegnung zwischen Gott und Mensch. Im Vergleich dazu ist das Ziel der bis heute im Katholizismus verbreiteten sogenannten Herz-Jesu -Verehrung, eine umfassende Hingabe des Glaubenden an das Herz Jesu nicht über die Schauungen wie bei den Mystikern, sondern bereits durch Verinnerlichung biblischer Gedanken. Eine den östlichen Kirchen und dem Mönchtum entstammende und bis heute erhaltene Gebetstradition beinhaltet das sogenannte Herzensgebet, das durch die auf den Atemrhythmus abgestimmte Gebetswiederholung das Herz auf die Gegenwart Gottes hin öffnen soll.

Eine ganz andere Auffassung liegt im mittelalterlichen Abwehrzauber böser Geister durch z. B. Herzamulette, Herzlöcher an Grabsteinen, Türbeschlägen, Fensterläden, Kinderwiegen etc. Weiterhin hatte das Herz in Minnesang- und lyrik einen hohen Stellenwert, wie überhaupt damals und heute in der weltlichen Liebesdichtung.

Für den Islam bedeutet das Herz der Ort der Kontemplation, der Spiritualität, der höchsten Erkenntnis und das Zentrum des Seins. - Im alten Mexiko hatte das Herz bei den Azteken die Rolle einer Opfergabe. Es wurde der Sonne als Trunk und Speise von einem Priester dargeboten, um ihr nach ihrem nächtlichen Weg durch die Unterwelt die verloren geglaubten Kräfte für den Wiederaufstieg zukommen zu lassen. Der mit dem Herzopfer verbundene Tod des Betroffenen galt nicht als strafende Vernichtung, sondern als ehrenvolle Erhöhung. Dem "Werden und Vergehen" der Sonne waren die Azteken auf besondere Weise verbunden, wurde sie doch im makrokosmischen Zusammenhang aufgefasst als das Schlagen des Weltherzens, als Gott, der im Mikrokosmischen seine Entsprechung im menschlichen Herzen hatte.

Bei den Ägyptern hatte das menschliche Herz als Zentrum der Lebens-, Willens- und Geisteskraft den Darlegungen des Totenbuches entsprechend beim Eintritt ins Jenseits dem Totengericht Rede und Antwort zu stehen. Durch Abwägen des unvergänglichen Herzens eines Verstorbenen in Relation zu einer Feder, die die Wahrheit verkörperte, wurde deutlich, wie viel Schuld der Betroffene im Leben möglicherweise auf sich geladen hatte. Bei seiner Mumifizierung band man dem Toten ein "steinernes Herz" in Form eines Herz-Skarabäus mit ein, auf dessen Unterseite als magische Beschwörung formuliert war, dass sein Herz weder gegen ihn auftreten noch Feindseligkeit ausüben möge.

Im alten China wurde das Herz innerhalb des Taoismus als der Fürst im Leben betrachtet, der Ursprungsort des Bewusstseins und der höheren Intelligenz, Sitz des Geistigen und der Triebkraft der ganzen Person. Die Ordnung schaffende Funktion des Herzens beruhe allerdings auf einem "Nichthandeln", dem Einfügen in den Fluss des Tao, die große Bahn, das All-Eine, von dem das Herz im Tiefsten Kenntnis habe.

In Indien wurde das Herz im Hinduismus einem unräumlichen, unendlichen und doch leiblichen Lotoskelch gleichgesetzt, in dessen Hohlraum das Weltall ruhe. Hier heraus strahle ein großes Feuer mit einer Spitzflamme, auf der Brahma, die höchste Weltenseele und Personifikation des Absoluten, throne.

Im Buddhismus steht das unzerstörbare und reine Diamantherz für die essentielle Buddha -Natur. Das Wesen der Leere und zugleich doch Wirksamkeit wird im Mahayana-Buddhismus in einem der bedeutendsten Lehrsätze, dem des Herz-Sutra, auf den Punkt gebracht: "Form ist nichts als Leere, Leere ist nichts als Form ".

Im Chakren-System bildet das Herzzentrum, das anahata, die ausgleichende Mitte zwischen den drei darüber- und den drei darunterliegenden Zentren und vermittelt so zwischen den klaren Kräften des Geistes und den dunklen Strömungen des Unbewussten, zwischen Himmel und Erde, Geist und Materie, Oben und Unten.

Naheliegend ist, im Bild der zweiblättrigen Herzform eine gewisse Gegensätzlichkeit oder Doppelnatur zu erkennen, deren beide Herzlappen sich in der unteren Mitte zur Ganzheit vereinigen, sich punktförmig ins Sein hineingeben. Ein Symbol der Liebe, des Übergangs und des Wandels.

Innerhalb des Individuationsprozesses, den Weg unaufhörlichen Wandels und Übergangs im Sinne eines "Stirb und Werde", beruht die Bewegung der schöpferischen Kraft auf einer ständigen Konstellierung von Polarität entsprechend einer systolisch-diastolischen Abfolge im organischen Herzen. Gerät der Blutstrom entsprechend dem Fluss seelischer Energie ins Stocken, erfolgen Erstarrungen oder Vereinseitigungen, die, wie die Praxis zeigt, manchmal zu somatischen Symptomen (Angina pectoris, Herzinfarkt etc. ) oder zur Neurosenentstehung (z. B. Herzphobie) führen können. Anstelle einer gefühlshaften Zuwendung zu den Lebens- und Herzensdingen kann sich diese dann z. B. in überfallsartig ereignenden Herz- und Todesängsten ereignen. Im Gegensatz dazu wäre eine Kontaktnahme mit der Welt der ins Leben einbindenden Gefühle mit allen Licht- und Schattenseiten aufzufassen als eine Wegbereitung hinein in die Polarität auf der Bühne des Lebens. Denn in ihr und ihrer immer wieder möglich werdenden Überwindung könnte es in direkter Form gelingen, dem eigenen Herzensrhythmus auf die Spur zu kommen. Durch das Betrachten der dem kollektiven Unbewussten entstammenden kulturenübergreifenden Sinnzusammenhänge um das Herz liegt es nahe, dem intuitiven Zugang zur eigenen Phantasie, zu kollektiven inneren Bildern und zum analogen Denken Raum zu geben. Damit kann u. U. dort eine individuell stimmige Rückübersetzung eines behindernden Symptoms gelingen, wo z. B. das Herz direkt oder als Projektionsfläche zum leiderfüllten Lebensinhalt geworden war.

Literatur: Standard

Autor: Bartel, Christiane

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