Grün

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Keyword: Grün

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Definition: Grün ist ein Farbreiz aus dem Licht-Wellenlängenbereich zwischen etwa 520 und 565 nm.

Information: Viele Pflanzen erscheinen grün, weil Chlorophyll (von griechisch chlo-rós – hellgrün, frisch und phýllon – Blatt) enthalten, das innerhalb der Photosynthese vor allem die Funktion hat, Licht zu absorbieren und die absorbierte Energie weiterzuleiten.

Interpretation: Die Wirkung des Grün auf den Menschen beruht auf der Erfahrung des Grüns der Vegetation, die vor allem bei ihrer Wiederkehr im Frühling mit Hoffnung auf lebendiges Wachstum, auf neues Leben verknüpft ist. In drei Nuancen lässt sich die Farbe Grün in ihrer psychischen Wirkung gut charakterisieren: Mittelgrün als Farbe des Ausgleichs und der Zufriedenheit, die blaugrün-tannengrüne Variante tendiert zu Beharren, Selbstwerdung und festhalten wollen, während die gelbgrün-giftgrüne Nuance zu triebhaft-hektischem Wachstum oder dranghaftem Wünschen zieht. Die harmonisierende Wirkung des Grün hat schon Goethe beschrieben, der es als die Mitte seines Farbsystems betrachtet. Köstlin schreibt: "Es gibt nichts Wohltuenderes als die Farbe Grün, weil sie in das Auge einfließt mit einer milden Fülle, die nicht nur ruhig lässt, sondern positiv beruhigt". Im Farbpyramidentest von Pfister wird Grün als "die Farbe des psychischen Kontakts" bezeichnet, aber zugleich mit der "Fähigkeit der inneren Retention, Reizkumulation und Reizaufstauung." Der Lüscher-Test legt die tannengrüne, ins Blau-Grün tendierende Variante zugrunde, wenn er dem Grün den Ausdruckswert "Willens-Spannkraft" zuordnet, die sich in Selbstbehauptung, Ausdauer, Selbstsicherheit und Selbstschätzung ausdrücken kann. Die psychische Wirkung der Farbe beschreibt er als "konzentrisch, autonom; zugleich defensiv, sichernd, besitzend und beharrend." Eine weitere wichtige Farbkomponente des Grün ist das Gelbgrün oder Giftgrün. Bei Frieling und Auer weist es vor allem auf Begehrlichkeit bis ins Giftig-Triebhafte hin. Wo Gelb zum Grün hinzukommt tritt Antrieb hinzu, ein Drang ins Expansive, der sich zum Hektischen steigern kann. Das Grüne ist das Anfängliche, Keimhafte. Grün war im orphischen Schöpfungsmythos das Licht des Geistes, der das Ur-Wasser am Anfang der Zeit befruchtete. Shiva trägt die Welt als eine Schildkröte mit grünem Kopf auf der Schulter. Im Schöpfungsbericht der Bibel bringt das Wort Gottes am dritten Tag, nach der Scheidung von Wasser und Land, die Vegetation hervor. Die Beziehung zur Lebenskraft des Anfangs ist in dem althochdeutschen "gruoni" nachzuweisen, wie das englische "to grow", das natürlich Gewachsene bedeutet. Ein universales Symbol ist der Lebensbaum. Das Grün der Vegetation, das Chlorophyll ermöglicht das Leben der Tiere und Menschen. Bei Wüstenvölkern bedeutet Grün Leben schlechthin. Der Begleiter-Archetyp Chidr, der einfach der Grüne Mann genannt wird, ist der Patron der Nomaden bei ihrer Suche nach dem Grün in der Wüste. Grün ist die Farbe der Fahne des Propheten Mohammed. Dagegen müssen Urwald- und Dschungelbewohner ihren Lebensraum der Vegetation immer neu abringen; die grüne Natur wird hier als Große Mutter spendend, nährend, aber auch verschlingend erfahren.

Die Grün-Symbolik klingt an, wenn wir vom Vegetativum des Körpers sprechen. Mit grünen Tieren verbindet sich uralte Fruchtbarkeitssymbolik. Laubfrosch und Schlange stehen im Märchen oft Pate, wenn es um die Geschlechtsreife von Mädchen geht wie im "Froschkönig". Im Griechischen heißt Kröte wörtlich Gebärmutter. Im 15. Jahrhundert gab es in den Häusern der Adligen das grüne Zimmer für das Wochenbett. Die Phytotherapie ist seit alters ein Teilbereich der Medizin. Hildegard von Bingen entwickelt ihre Heilkunde um den Begriff der "Viriditas", der Grün-Kraft, die aus Gottes Schöpferkraft und der Erneuerungskraft des Heiligen Geistes selber kommt, und in der Heilung und Heil eins werden. In einer ihrer Visionen erscheint Sophia, die kosmische Frau der Weisheit, im Grün ihres königlichen Mantels als die Weisheit der Natur charakterisiert. Nach Gershom Sholem symbolisieren in der Kabbala Weiß und Rot die Gnade und Strenge Gottes, die ausgleichende Barmherzigkeit aber das Grün. Es ist die Farbe der Versöhnung und des Trösters, des Heiligen Geistes. Im tantrischen Buddhismus wird unter anderen die grüne Tara, "Erlöserin" verehrt, die das Leben vor allen Gefahren schützt, ihr Attribut ist der blaue Lotos, und in einer anderen Erscheinung, mit wurzelndem Lotos, gilt sie als Schützerin der Pflanzen. Die Vegetationsmythen, die das "Stirb und Werde" der Natur durch Winter und Tod zum Ausdruck bringen, stehen im Zeichen des jungen Grün, das nach Kälte oder Regenzeit die Erde wieder kleidet. Zum Frühlingsbeginn wurde im Orient die Heilige Hochzeit, der hieros gamos, zwischen der Erdgöttin und dem jungen Vegetations- und Hirtengott, Tammuz oder Adonis gefeiert, dessen Symbol der junge grüne Baum war. Noch heute kennt man den Tanz um den Maibaum. In vielen Mythen überwintern die Vegetationsgottheiten in der Unterwelt, wo das chtonische Feuer sie erneuert. Sie werden oft außen grün, innen rot dargestellt, weil sich ihre Herrschaft auf die obere und die untere Welt erstreckt. Persephone erscheint in jedem Frühling mit den ersten grünen Sprossen, und im Herbst wird sie wieder von Hades in sein Reich gebannt, wenn sie den roten Granatapfelkern isst: Keim jeder Regeneration. Die aztekische Xochiquetzal weilt im Winter im Garten des Westens, dem Totenreich, um im Frühling die Blumen hervorzubringen. Die Azteken legen dem Toten einen grünen Stein der Unsterblichkeit in den Mund, zum Zeichen der Erneuerungskraft des grünen Lebens. Osiris, der Grüne, wird als Vegetationsgott nach jedem Sommer von dem versengenden Wüstengott Seth zerstückelt, durch die Liebe der Roten Isis geheilt, und im Frühling in seiner grünen Erscheinungsweise als Erneuerer des Lebens auf der Erde erstehen. Er kennt die Mysterien von Tod und Wiedergeburt und herrscht unter der Erde in seiner weißen Erscheinungsweise, in weiße Leichenbinden gewickelt, doch mit grünem Inkarnat, als Richter und Spender ewigen Lebens: Der Tote stirbt in Osiris hinein, um mit ihm für immer zu leben. Das Grün transzendiert zu einer spirituellen Wandlungskraft. In frühmittelalterlichen Malereien ist auch Christus grüngewandet, mit grünem Inkarnat und grünem Nimbus dargestellt. Auch der heilige Gral gilt als eine smaragdene oder grünkristallene Schale, in der Joseph von Arimathaia das Blut aus der Seitenwunde Christi aufgefangen haben soll. Grün sind Mantel und Schwert des Grals-Königs.

Mit Hilfe der grünen Merkuriusschlange, der serpens mercurialis, dem schöpferischen Wandlungsgeist, vollenden die Alchimisten ihr Läuterungswerk an der Materie, das in der "Citrinitas", dem grünen Golde gipfelt. Als Mercurius wurde der grüne Naturgeist, unter christlichem Einfluss dämonisiert, zum Satan, als Drache oder Mischwesen mit grüner Haut und grünen Augen dargestellt oder anthropomorph, als der "Grüne" oder "Grünrock" bezeichnet. Nach der fernöstlichen Energielehre aktiviert sich das vierte, das Anahata-Chakra im Grün (auch im Rosa und Gold): Das Herzzentrum schwingt mit allen Lebensprozessen der grünenden Natur.

Literatur: Standard

Autor: Riedel, Ingrid

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