Gericht, Jüngstes

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Keyword: Gericht, Jüngstes

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Definition: Das Jüngste/Letzte Gerichte bezeichnet besonders in der christlichen Religion ein göttliches Gericht über die Menschheit am Tag des Weltuntergangs.

Information: Der Glaube an ein jenseitiges Gericht existiert nicht nur im Christenum, sondern auch in vielen Mythen und Religionen. In früharchaischen Kulturen wird die jenseitige Buchhaltung noch locker geführt. Doch mit der Schulung des rationalen Denkens in den antiken Hochkulturen wird das juristische Prozedere im jenseitigen Gericht zusehends straffer organisiert. Im alten Ägypten, Iran und China, im Judentum, Christentum und Islam werden die Sünden im Jenseits bereits nach einem ausgeklügelten System geahndet; die Buchhaltung ist lückenlos geworden.

Im archaischen Weltbild läuft alles auf dieses Gericht zu, und jeder bangt: "Werde ich bestehen, wenn die Fanfarenstöße das Gericht eröffnen und die Richter das Buch aufschlagen?" Im Blick darauf bemüht man sich, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Sie sind der Ansicht, wenn es kein Gericht gäbe, würden sich die Menschen nur noch von ihren primitiven Regungen treiben lassen. Andererseits erkennen immer mehr Menschen, dass die archaisch-mythische Vorstellung des Gerichts überholt ist.

Interpretation: Die Tiefenpsychologie klappt das jenseitige Gericht in ein inneres, sich im Unbewussten vollziehendes Gericht herein. Richten ist dann der uralte biologische Prozess, der alles Leben seit jeher regelt. Was lebt, wird in einem Regelkreis gesteuert; der Soll-Bestand wird dabei stets mit dem Ist-Zustand verglichen. Was sein Soll verfehlt, erhält Korrekturimpulse. Dadurch wird die Erfüllung des angeborenen Lebensplanes angestrebt. Je grösser die Abweichung davon ist, desto massiver erfolgen Korrekturimpulse. Weil dieses Richten ein geistiger Prozess ist, gehört die richtende Instanz, das Selbst, zum Geist-Aspekt des Lebens; darum erscheinen Richter als Götter. Korrekturimpulse sind das Resultat der Datenverarbeitung im Integrator (Evolution).

Das Gericht erfolgt beim Menschen vor zwei inneren Instanzen. Das Soll ist ein Doppeltes: angeborenes Natur-Soll ("werde, der du bist!") und anerzogenes Kultur-Soll ("benimm dich!"). Steht die Entwicklung im Einklang mit den beiden inneren Instanzen, Selbst und Über-Ich, erfolgen keine Korrekturimpulse; die Richter legen sich sozusagen aufs Ohr. Es ist einem wohl. Man hat Ruhe und Frieden, kein schlechtes Gewissen oder ungutes Gefühl. Träume bestätigen die Lebensführung. Alles o. k! Sobald nun die Einstellung des Ichs nicht mehr mit einem Soll übereinstimmt, gerät man ins innere Gericht. Dieses sägt am Nerv und geht an die Nieren, genau wie einst das mythische Gericht. Dieses existiert immer noch, ist inzwischen aber vielerorts umgezogen.

Literatur: Kaufmann, R. (1994): Die Hölle; Obrist, W. (1993): Tiefenpsychologie und Theologie

Autor: Kaufmann, Rolf

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