Faust (Goethe)

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Keyword: Faust (Goethe)

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Definition: "Faust" ist eine Tragödie von Johann Wolfgang Goethe, die 1808 veröffentlicht wurde und als eines der bedeutendsten und meistzitierten der deutschen Literatur gilt.

Information: Keine

Interpretation: Die Antike und die nordisch-romantische Welt sind für Goethe zwei Sphären, in denen sich die geformte schöne Kunstgestalt und das alle Form sprengende Genialisch-Dämonische kontrastierend begegnen. Wo diese beiden gegensätzlichen Bereiche in einer Gestalt sich unversöhnlich überkreuzend begegnen, wird diese Figur mannweiblich, hermaphroditisch. So wird Mephisto, als er in die Antike eindringt, ohne seinen nordisch-romantischen Charakter preisgeben zu können, zur Phorkyas, "des Chaos Tochter". Goethes Verdoppelungssymbolik zeigt sich besonders eindringlich an Helena während ihres Gespräches mit Mephisto-Phorkyas. Dabei wird die Zentralgestalt der Schönheit und der ästhetischen Sphäre sich selbst in einem traumhaften Hinschwinden ihrer realen Person zum Idol, zu einem zeitlosen Eidolon, das aus der wirklichen Helena und ihrem gelebten Dasein mit all seinen Verschuldungen heraustritt. Die konkrete Erscheinung wird gleichsam gespalten in eine dahinschwindende vordergründig-reale und in eine traumhaft zeitlose Sphäre und verkörpert so eine paradoxe Einheit von Sein und Nichtsein. Diese Verdoppelungsszene ist ein prägnantes Beispiel dafür, wie sich im Werk des Dichters die Urphänomene, auf die seine Sinnbilder verweisen, aus der vielfältigen Reihung und den antinomischen Polaritäten der Phänomene selbst entfalten. So konstituiert sich Goethes poetische Symbolwelt aus solcher Doppelheit, aus dem farbigen Schein des sinnlichen Diesseits und aus der leeren Nacht des übersinnlichen Jenseits.

Wilhelm Emrichs Einwände gegen oberflächliche tiefenpsychologische Werkanalysen und seine geisteswissenschaftlich fundierten Alternativen sind es wert, von literaturpsychologischen Interpreten ernsthaft geprüft und berücksichtigt zu werden. Auch bei Deutungen nach C. G. Jungs Methode sollte die Ausgangsbasis immer der Kontext der Dichtung in Verbindung mit ihrem Autor, dessen Zeit und Gesellschaft sein. Jenseits aber einer rein analog verfahrenden geschichtslosen Gleichsetzung von vergangenen mythischen und gegenwärtigen literarischen Symbolen, die Emrich zu Recht kritisiert, dürfte es nach Einbeziehung der soeben erwähnten Deutungskriterien erlaubt sein, Grundbegriffe der Analytischen Psychologie auch auf die Interpretation eines literarischen Werkes anzuwenden. Dies wird nun abschließend bei der "Faust" – Dichtung andeutungsweise versucht, was aber im engen Rahmen des vorliegenden Artikels nur in groben Umrissen geschehen kann.

Die Titelgestalt von Goethes Drama verkörpert das Bewusstsein oder das Ich des intellektuellen Nord- oder Mitteleuropäers. Seine Entwicklung vom absoluten Erkenntnisdrang über Triebhaftigkeit, Machtrausch, Schuldverstrickung und aktive Realitätsbewältigung bis zur transzendenten Geistwerdung ist als Individuationsweg des Menschen an sich zu verstehen. Nachdem der rastlos strebende Faust sein Scheitern als Gelehrter und Magier einsehen musste, begegnet er in Mephisto seinem Schatten, der ihn sexuellen Verwicklungen zuführen will. Höhepunkt dieser Nachtmeerfahrt ist die Walpurgisnacht, die mit all ihren Schreckgestalten den Bereich des persönlichen Unbewussten, der christlichen Hölle und des Freudschen "Es" im umfassenden Sinne symbolisiert. Der "ewig" suchende Doktor findet aber nicht das reine Triebverlangen, sondern die Liebe und trifft dabei in Gretchen auf seine persönliche Anima, die ihm ganzheitlich zugetan ist, ihn aber nicht von seiner tragischen Schuld durch die Abhängigkeit vom Schatten retten kann.

Im zweiten Teil des Dramas setzt Faust seinen Weg nicht mehr auf der individuellen, sondern einer allgemeinen, überpersönlichen Ebene fort. Hier geht die Nachtmeerfahrt hinab ins "Reich der Mütter" zu den Archetypen des kollektiven Unbewussten, das hier durch die "klassische Walpurgisnacht" und das antike Griechenland versinnbildlicht wird. Die Anima – Verkörperung ist nun Helena, die aber ausdrücklich als Idol und damit zeitloses Urbild in realer Gestalt erscheint, was ihre eigentlich überpersönliche Natur kennzeichnet. Die "heilige Hochzeit" von Faust und Helena bedeutet die Verbindung von Bewusstsein und Unbewusstem, die jedoch nur im Augenblick der "reinen" Gegenwart möglich ist. Der Vereinigung des Ichs mit dem Archetyp der Großen Mutter ist bloß ein kurzes Glück beschieden, weil die Frucht beider, das "göttliche Kind" Euphorion, an seiner Maßlosigkeit zugrunde geht. Die Magna Mater in Helenas Erscheinung zieht sich daraufhin in ihre himmlischen Gefilde zurück und verwandelt sich in die Mater gloriosa, die als "Ewig-Weibliches" Fausts transzendente Selbstwerdung unter der Führung seiner persönlichen Anima Gretchen "hinanzieht", d. h. überwacht, anregt, ermutigt und inspiriert.

Literatur: Standard

Autor: Schröder, Friedrich

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