Einhorn

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Keyword: Einhorn

Links: Alchemie, Drache, Eins, Jungfrau, Nashorn, Pferd

Definition: Das Einhorn ist ein Fabelwesen. Es hat Pferdegestalt, ist weiß, trägt ein gerades Horn auf der Mitte der Stirn.

Information: Das Einhorn ist neben dem Drachen die Inkarnation des Fabeltiers. Es erscheint in vielen Kulturen und sehr unterschiedlichen Varianten und ist von einem Mythos umgeben, den kaum ein anderes Tier auf sich ziehen kann. Es gibt zahlreiche mythologische Bezüge des Einhorns in allen Epochen und vielen Kulturen.

Früheste Darstellungen finden sich auf babylonisch-assyrischen Ziegeln. Es wird vermutet, dass sie von dort nach Indien und China gelangten, wo es zu den vier heiligen Tieren zählte, als Glücksbringer und gutes Vorzeichen galt und als Symbol königlicher Tugenden. Einhorndarstellungen wurden bei Hochzeiten verschenkt und schmückten dann das Zimmer der Frau, was einen Bezug Wandlungsgeschehen (s. unten) vermuten lässt. Es heißt, dass es bei der Geburt von guten Kaisern oder großen Weisen erscheine.

Der chinesische Name des Einhorns "Ki lin" bedeutet Yin-Yang und weist auf seine hermaphroditisch-gegensätzlichen Dimensionen. In der mittelalterlichen Vorstellung der Alchemie ist dem Einhorn das Quecksilber und damit dem Merkur zugeordnet und es erscheint als Verkörperung des Hermaphrodits, in dem Männliches und Weibliches vereinigt sind.

Oft wird das Einhorn im Gegenüber mit einem Löwen gezeigt, wodurch sein Mondcharakter im Gegensatz zum Sonnencharakter des Löwen herausgehoben wird. Beide sind auch Symbole des Mecurius und gleichzeitig Christus-Allegorien und charakterisieren die erwähnte Polarität.

Im Indischen Raum findet sich im «Rämäjana» und im «Mahäbhärata» die Geschichte vom Einsiedler "Gazellenhorn". Um Fruchtbarkeit zu ermöglichen, muss er mit der Königstochter vereinigt werden, worauf dann Regen fällt.

Im Christentum war das Einhorn früh Sinnbild der gewaltigen Kraft des Christus, später Bild der Keuschheit und der Jungfrau und Gottesmutter Maria zugeordnet. Hintergrund dieser Symbolik war die Vorstellung, das Einhorn könne von einer Jungfrau gezähmt werden und verliere seine Wildheit, wenn es seinen Kopf in deren Schoß lege.

Aus dem Jungfrauen-Wandlungsmythos leitet sich auch eine andere Fruckbarkeitssymbolik ab, die mit dem phallischen Horn in Verbindung steht und Unsterblichkeit verleiht. So galt auch die Kunde, dass das gemahlene Horn heilsame und aphrodisierende Wirkung habe. Dies spiegelt sich in der Tatsache, dass es noch heute viele Einhorn-Apotheken gibt aber auch im immer noch florierenden Handel mit Hornmehl des heute lebenden Nashorns.

Interpretation: Vermutlich geht die Vorstellung des Einhorns auf das ursprünglich weit verbreitete Urnashorn zurück, das noch im kollektiven Unbewussten wirkt. Ihm wird elementare Kraft, Vitalität, Reinheit und Lauterkeit zugeschrieben, aber auch der Logos als geistige Kraft. Es ist somit ein Symbol, das polare Gegensätze in sich vereint. Es enthalte sowohl die Macht des Göttlichen als auch des Bösen, insbesondere aber die dämonischen Naturkräfte, die wilde innere Natur.

In der Begegnung mit diesem Symboltier wird der Mensch zu einem Wandlungsprozess herausgefordert, der ihn mit seiner Triebnatur konfrontiert und zugleich zu einem geistigen Weg auffordert. Beide Dimensionen sind im Symbol des Einhorns als dynamischer Gegensatz repräsentiert.

Eindrücklich beschreibt C. G. Jung diesen Prozess als Wandlung des alttestamentlichen Gottes in den Christus der Liebe, welcher oft mit der Zähmung des Einhorns symbolisiert werde, die sich nur im Schoß einer reinen Jungfrau vollziehen könne. Dieser Bezug der "wilde (n), ungebändigte (n), männliche (n), penetrierende (n) Kraft des spiritus mercurialis" (Jung, GW 12, § 519) zur Jungfrauengeburt wird auch in den Teppichen des Musée Cluny "La Dame et la Licorne" dargestellt und war für Rilke Anlass zu tieferer Betrachtung über die Beziehung von Mann und Frau und die weibliche Individuation.

Das Einhorn ist im Kern nach Jung als Wandlungssubstanz, als mercuriale Kraft zu verstehen, "welche ihrerseits wieder Vollendung und Reifung der unvollkommenen oder unreifen Körper bringt" (Jung, GW 12, § 529). In dieser Charakteristik fand es Eingang in das alte Testament, das eine enge Beziehung zum Kreuz herstellte.

In der neutestamentlich-christlichen Tradition wird aus der oben beschriebenen Jungfrauenzähmung die Vorstellung der Befruchtung der Jungfrau Maria durch den heiligen Geist, wodurch aus dem mythischen Tier sich die Gestalt Christi entfaltet in seiner Beziehung zur reinen Jungfrau Maria. So wird das Einhorn zum Symbol christlicher Liebe. Das aus der Stirn wachsende Horn wird hier auch als spirtuelles Befruchtungsorgan gesehen. Die rein triebhafte Sexualität wird damit transzendiert. Jung weist auch darauf hin, dass "das Symbol des Unicorn als «allegoria Christi» und des Heiligen Geistes dem ganzen Mittelalter bekannt war" und damit auch "die Verwandtschaft, ja sogar die Identität von Mercurius und Christus". (Jung, GW 12, § 519)

Literatur: Standard

Autor: Knoll, Dieter

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