Chassidismus

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Keyword: Chassidismus

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Definition: Chassidismus, von hebr. chassid, der Fromme, wird in der Regel auf die ostjüdische Erneuerungsbewegung des 18. /19. Jahrhunderts bezogen.

Information: Historisch betrachtet gehen dem Chassidismus die Chasside Aschkenas, die Frommen Deutschlands, voraus. Darunter ist die betont esoterische Frömmigkeitsbewegung des deutschen, später auch des französischen Judentums im 12. / 13. Jahrhunderts zu verstehen, die sich anfangs in Regensburg, Speyer, Worms und Mainz zusammenfand und die der Kabbala, sowie älteren Formen der jüdischen Mystik verbunden war. Zu ihren wichtigsten Meisterpersönlichkeiten gehörten Samuel ben Kalonymos he-Chassid aus Regensburg und Eleasar ben Juda aus Worms.

Interpretation: Die eigenständige ostjüdische Bewegung, deren reiches Traditionsgut mit seinen berühmten chassidischen Erzählungen in der Hauptsache durch Martin Buber (1878 - 1965) bekannt geworden ist, geht auf Israel ben Elieser (1700. 1760), auch Baal-Schem-Tow (Meister des guten Namens) genannt, zurück. Diese Ausformung des Ch. kann als Versuch verstanden werden, die an sich esoterische Kabbala zu popularisieren und im alltäglichen Leben fruchtbar zu machen. Die Bewegung entwickelte sich als religiöse Antwort, die im Gefolge einer großen Krise, die einerseits durch Pogrome, andererseits zu die von Sabbatai Zwi, einem Pseudo-Messias des 17. Jahrhunderts, ausgelösten Häresie verursacht wurde.

Die Zaddikim, d. h. die spirituellen Meister und die von ihnen seelsorgerlich betreuten Gemeinden, die Chassidim, stellten eine religiöse Alternative zu den Vertretern der rabbinischen und damit als orthodox anzusehenden Gesetzesfrömmigkeit dar. An die Stelle einer strikten Befolgung der Thora trat im Chassidismus der Wille und die Begeisterungskraft, in allen Dingen des alltäglichen Lebens und Tun Gott zu ergreifen und ihm in freudiger, lebensbejahender Erhebung zu dienen. Es komme darauf an, in rechter Sammlung (Kawwana) und Hingabe selbst das geringste und unscheinbarste Werk zu vollbringen. Auf diese Weise könne der Fromme mit all seinem Sein und Tun das Schicksal der Welt gestalten helfen. Insofern handle es sich nach Buber im Chassidismus um einen "unvergleichlichen Versuch, das sakramentale Leben des Menschen aus dem Verderben der Geläufigkeit zu retten". Buber ist das Verdienst zuzusprechen, den spirituellen Gehalt in poetischer Sprache der westlichen Welt als "chassidische Botschaft" und als eine "Ethos gewordenen Kabbala" vermittelt zu haben.

Dabei erfuhr energischen Widerspruch durch die literarkritischen Untersuchungen von Gershom Scholem (1897 - 1982)."Was dem Chassidismus seine besondere Formung gegeben hat, war vor allem die Begründung einer religiösen Gemeinschaft, die auf einem Paradox beruhte [...]. Die Originalität des Chassidismus kam dadurch zustande, daß Mystiker, die den mystischen Weg in sich verwirklicht hatten [...] vor einfache Leute traten und, anstatt den persönlichsten aller Wege nur für sich selbst zu gehen, ihn alle Menschen guten Willens zu lehren unternahmen" (G. Scholem, 1957, S. 375). Abgesehen von den in späteren Generationen zu beobachtenden Niedergangserscheinungen wurden die chassidischen Gemeinden im polnisch-russischen Raum während des zweiten Weltkriegs großenteils vernichtet. In den USA und in Israel konnten relativ kleine Kreise ihr religiöses Eigenleben von neuem realisieren. Die Kritik weist daraufhin, dass eine große Diskrepanz besteht zwischen der Realität und den von Buber gestalteten Darstellungen chassidischer Lebenswirklichkeit.

Literatur: Standard, Wehr (Chassidismus, 2009)

Autor: Wehr, Gerhard

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