Charisma

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Keyword: Charisma

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Definition: Die Wurzel des griechischen Wortes CHARISMA ist CHAR, deren Grundbedeutung "Freude" ist. Wenn ein Mensch diese Freude als göttliches Geschenk in seinem Leben erfährt, dann ist dies CHAR-IS="Gnade". Wenn ein Mensch dieses göttliche Geschenk zu anderen weiterfließen lässt, dann erlebt der andere dies als CHARIS-MA (die Endsilbe MA bedeutet, dass etwas konkrete Gestalt annimmt).

Information: Der Begriff Charisma in dieser spezifischen Bedeutung begegnet uns erstmalig im Neuen Testament vor allem in den Schriften des Apostels Paulus.

Im Neuen Testament ist der Begriff Charisma identisch mit dem Begriff "exusia" ("Vollmacht"). So heisst es z. B. von Jesus: "Er redete wie einer, der Exusia hat und nicht wie die Schriftgelehrten" (Mt. 7, 29) Exusia heisst: aus dem Wesen, aus der usia (=aus dem Selbst) heraus handeln, so wie es im 1. Petrusbrief heisst: "Wenn ihr redet, dann sei eure Rede Gottes Rede und wenn ihr handelt dann handelt aus der Kraft die Gott verleiht". Ein solches Reden und Handeln aus dem Selbst heraus wird im 1. Petrusbrief "Charisma" genannt. (Petrus 4, 10f)

Interpretation: Was bedeuten Charismen psychologisch? Zunächst gilt es zwei Missverständnisse abzuwehren: das enthusiastische und das aktivistische.

Das enthusiastische Missverständnis besteht darin, dass Charismen als etwas Besonderes oder Übernatürliches betrachtet werden. In dieser verengten Auffassung von Charisma wird die Kreatürlichkeit des Menschen nicht ernst genommen. Der Mensch wird nur noch als Instrument gesehen, dessen sich Gott bedient, evtl. auch ohne oder gegen den Willen des betreffenden Menschen. Der Mensch wird nicht mehr voll als Mensch ernst genommen.

Diese Auffassung ist vom Neuen Testament her abzulehnen. Paulus kennt keinen Unterschied zwischen natürlichen und übernatürlichen Gaben. Bei ihm ist die Kassenverwaltung genauso ein Charisma wie das Sprachenreden und die Diakonie genauso ein Charisma wie die Dämonenaustreibung.

Das aktivistische Missverständnis besteht darin, dass die Charismen nur noch als normale Tätigkeiten oder Fähigkeiten des Menschen verstanden werden. Bei diesem Missverständnis wird nicht mehr gefragt, wozu der einzelne Mensch von Gott begabt und beauftragt ist, sondern seine mehr oder weniger gut verrichtete Tätigkeit wird als Charisma bezeichnet. Es ist jedoch keineswegs ausgemacht, dass einem Menschen, der Medizin studiert hat, auch das Charisma der Krankenheilung gegeben ist oder dass ein Mensch, der aufgrund einer entsprechenden Ausbildung als Psychotherapeut tätig ist, das Charisma der Seel-Sorge (=Psycho-Therapie) hat. Sein eigentliches Charisma liegt vielleicht ganz woanders und bleibt verschüttet, solange er sich an der falschen Stelle einsetzt.

Während beim enthusiastischen Missverständnis der Charismen die Kreatürlichkeit nicht ernst genommen wird, werden beim aktivistischen Missverständnis die menschlichen Schattenaspekte nicht ernst genommen.

Nach dem Verständnis des Neuen Testaments hat Gott jeden Menschen als ein einmaliges Original geschaffen und bestimmte unauswechselbare Gaben in ihn gelegt. Durch diese Gaben will Gott selber in der Welt wirken. Wenn ein Mensch losgelöst von Gott versucht, sein Leben nach eigenem Gutdünken zu gestalten, dann verkümmert sein Wesen und er übt seine eigentliche Funktion gerade nicht aus. Wenn sich der Mensch jedoch öffnet für das Wirken des Heiligen Geistes (=für die Stimme seines wahren Selbst), dann wird er zu seiner Originalität befreit und Gott bedient sich der im Mensch liegenden Anlagen, um seine Gnade und seinen Geist sichtbar werden zu lassen zum Heil der Welt.

Der Heilige Geist handelt jedoch nicht unabhängig von der kreatürlichen und wachstümlichen Beschaffenheit des jeweiligen Menschen. Wenn z. B. das Charisma der Prophetie einem Menschen geschenkt wird, der einen engen Horizont hat, dann wird seine Prophetie in der Regel zunächst für seinen engen Interessenbereich bedeutsam sein. Wenn er jedoch seinen Horizont weitet, und Politik, Wirtschaft, Kunst usw. in seinen Interessenbereich mit aufnimmt, dann wird seine Prophetie auch für diese Bereiche bedeutsam sein. Die liebevolle Beschäftigung mit einem bestimmten Bereich oder Menschen ist in der Regel Voraussetzung dafür, dass das Charisma diese Bereiche und Menschen erreicht und ihnen zum Heil verhilft.

Im Zusammenhang mit dem Begriff Charisma erwähnt das Neue Testament ungefähr zwanzig Gaben und Fähigkeiten. (Röm. 12, 3-8) Hierzu einige Beispiele:

Jeder Mensch hat eine innere Bildwelt und eine innere Sprachwelt. Die innere Bildwelt kann sichtbar in Erscheinung treten in Träumen, Visionen und Imaginationen. Solche Bilder und Träume können zunächst eine persönliche Bedeutung für den Schauenden haben. Sie können aber auch wegweisende Hilfe für einen anderen Menschen oder für eine menschliche Gemeinschaft sein. So wird z. B. dem Apostel Petrus in einer Vision gezeigt, dass er die engen Grenzen seiner religiösen Vorstellungen erweitern muss und dem Apostel Paulus wird in einem Traumbild gezeigt, dass er seine Missionstätigkeit auf Europa ausdehnen soll.

Die innere Sprachwelt kann hörbar in Erscheinung treten in einem spontanen, nicht vom Verstand beeinflussten Reden in einer dem Redenden bekannten oder unbekannten Sprache. Das Reden in einer unbekannten Sprache nennt das Neue Testament "Glossolalie" (="Sprachenrede") oder "Beten im Geist".

Aus psychologischer Sicht handelt es sich bei der Glossolalie um eine Sprache aus dem kollektiven Unbewussten, bei der der lautliche Steinbruch, der angeboren in der Tiefe eines jeden Menschen ruht und das lautliche Rohmaterial sämtlicher Sprachen enthält, angebrochen wird. Bei der Glossolalie unterscheidet das Neue Testament zwischen einem Sprachenreden, das zwar nicht von den Redenden, aber von den Hörenden verstanden wird und einem Reden, das von beiden nicht verstanden wird und deshalb der Interpretation bedarf. Der Interpretation bedürfen auch sonstige unverständliche Beiträge wie z. B. unverständliche Visionen, (gemalte) Bilder, unverständliche musikalische oder poetische Beiträge etc. Das Charisma der Interpretation besteht in einem intuitiven Einfühlungsvermögen in die Psyche der "CharismatikerInnen", sodass die Interpretierenden in verständlicher Sprache sagen können, was die "CharismatikerInnen" nur in unverständlicher Weise ausdrücken können.

Beim Charisma der Prophetie geht es um das rechte Wort zur rechten Zeit. Es kann verbunden sein mit einer Deutung der Vergangenheit und mit einem Ausblick in die Zukunft.

Der Prophetie zugeordnet ist das Charisma der Unterscheidung, das die prophetischen Äußerungen beurteilt.

Das Charisma der Krankenheilung, das bei Jesus und den Aposteln eine bedeutende Rolle spielt, ist vor allem bei Schamaninnen und Schamanen weit verbreitet und wird seit einiger Zeit auch in den traditionellen Kirchen wieder Ernst genommen.

Beim Erkennen von Krankheiten und seelischen Verbiegungen kann das Charisma der Diagnose (eine Sonderfunktion der Prophetie) sehr hilfreich sein. Diagnostische Prophetie ist jedoch nicht nur für einzelne Menschen bedeutsam, sondern auch für Gemeinden und Gemeinschaften.

Im Neuen Testament ist Jesus von Nazareth Archetyp eines Charismatikers. Er verkörpert alle Charismen.

Bei der Ausübung von Charismen geht es nie um das Phänomen, sondern immer um die Funktion. Alle Charismen haben sowohl für den Einzelnen, als auch für die Gemeinde aufbauende Funktion11.

Das Ausüben von Charismen ist nicht in das Belieben des Einzelnen gestellt, sondern von allen Charismen gilt, was der Psychiater C. Scharfetter zum Charisma des schamanistischen Heilens sagt: "Unterdrückt unsere rationalistische Leistungsgesellschaft wesentliche Teile menschlicher Erfahrung? Darf eine Begabung straflos unterdrückt und beiseitegedrängt werden? Verkümmert sie dann einfach still, oder könnten solche Menschen in ein von uns heute als krank bezeichnetes Lebensgeleise kommen? Der für das Schamanentum begabte und dafür initiierte Mensch muss schamanisieren, so lauten die Berichte, sonst werde er krank und sterbe gar. Es ist ein Prozess der fortgesetzten Selbstheilung, die die schamanistische therapeutische Befähigung unterhält. Wer zum Vermittler der verschiedenen Seinschichten in die der Mensch eingebettet ist aufgerufen ist, darf sich dem nicht entziehen" (zit. nach Bittlinger, 1979).

Literatur: Standard, Bittlinger (1987)

Autor: Bittlinger, Arnold

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