Brunnen

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Keyword: Brunnen

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Definition: Ein Brunnen (mhd. brunne, ahd. brunno, eigtl. = (Auf)wallender, Siedender, verw. mit brennen) war ursprünglich ein Schacht, aus dem Grundwasser mit einem Schöpfeimer oder einer Pumpe gefördert wurde.

Information: Später entstand eine Brunnenart mit Becken, die das Wasser auffängt. Seit der Antike entwickelte sich die Prachtentfaltung des Brunnens durch Verzierungen, in der italienischen Renaissance insbesondere durch monumentale Figuren und im italienischen Barock wurden Brunnen und Wasserspiele zu wesentlichen Bestandteilen fürstlicher Parkanlagen. Heute hat der Brunnen seine eigentliche Funktion verloren, er wird nur noch als Zierbrunnen verwendet. Es gibt den verbreiteten Glauben, dass Münzen, die in einen Brunnen geworfen werden, zu Lebensglück bzw. der späteren Rückkehr an den Brunnen führen.

Interpretation: Der Brunnen gilt, symbolisch gesehen, als Zugang zu einer anderen Welt, er ist zugleich Übergang und Grenze zwischen Bewusstsein und Unbewusstem. In diesem Grenzbereich wohnen Geister und Feen. In Märchen und Träumen ist er Eingang in unterirdische Zauberreiche. Er gewährt Zugang zu anderen Welten des Unbewussten, Verborgenen und dem Alltagsleben Unzugänglichen. Durch den Kontakt mit der Unterwelt hat das Wasser des Brunnen oftmals heilende oder magische Kräfte. Diesseits und Jenseits sind über den Brunnen miteinander verbunden. Der Volkssage nach wohnen in diesem Eingang zum Inneren der Erde die ungeborenen Kinder, aus denen sie der Klapperstorch holt, und die Toten.

Das Hineinsteigen in der Brunnen symbolisiert psychologisch ein "Hinabtauchen", eine (positive) Regression des Bewusstseins in das Unbewusste, in die Tiefe der Psyche, um zu neuen Einsichten und mehr Lebensenergie zu finden.

Im Märchen von den sieben Raben sollen die Brüder das Taufwasser für das neugeborene Schwesterchen holen, lassen aber den Krug in den Brunnen fallen; dieser sollte das Wasser des Lebens spenden, führte aber die Brüder durch ihr eigenes Ungeschick in den Tod, angedeutet durch die Verwandlung in Raben und die Versetzung in den Glasberg.

Im Märchen von Frau Holle gelangen zwei Töchter einer Witwe durch einen Sprung in den Brunnen auf eine schöne Wiese, wo die Sonne scheint und viel tausend Blumen stehen; je nach Verdienst werden sie mit Gold oder Pech überschüttet und wieder auf die obere Welt entlassen.

Gleich wie man den Brunnen im »Froschkönig« deutet, in ihn fällt der Königstochter liebstes Spielzeug, die goldene Kugel; da steckt ein Frosch seinen Kopf aus dem Wasser und bringt ihr die Kugel unter der Bedingung zurück, dass sie ihn zum Gesellen nimmt.

Der Fall der Kugel in den Brunnen ist gleichbedeutend mit dem Verlust der unschuldig-paradiesischen Kindheit; der aus dem Brunnen hervorkommende Frosch, der sich am Ende als junger, schöner Prinz entpuppt, ermöglicht in dem Mädchen das Aufbrechen des Eros und die Wandlung zur reifen Frau.

Im christlichen Kontext bedeutet der Brunnen Erlösung und Reinigung. Am Quellbrunnen des Paradieses entspringen die Lebenswasser und vier Flüsse.

Den Glauben an die heilende Kraft von aus der Erde kommendem Wasser findet sich bereits in vorgeschichtlichen Quellen. In dieser Tradition entstanden im Christentum an Wasserstellen, die mit Wunderlegenden in Zusammenhang gebracht wurden, Wallfahrtsorte. Auf profanem Gebiet gibt es Sagen vom Jungb., der alten Menschen zu neuer Jugend verhelfen soll.

Als Gegenbild gibt es den Brunnen des Abgrundes in der Johannesapokalypse (9, 3), der Feuer und Schwefel enthält und in dem der besiegte Teufel eingeschlossen wird.

"Am Brunnen vor dem Tore,

Da steht ein Lindenbaum;

Ich träumt' in seinem Schatten

So manchen süßen Traum"

ist der Beginn des Gedichtes "Der Lindenbaum" von Wilhelm Müller, bekannt geworden durch die Vertonung im Zyklus Winterreise von Franz Schubert. Menschen suchen speziell bei Erlebnissen wie Liebe, Sehnsucht, Heimweh und Tod den Brunnen auf.

Literatur: Standard

Autor: Löwen, Sigrid

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