Besessenheit

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Keyword: Besessenheit

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Definition: Besessenheit bezeichnet einen ausgeprägten psychophysischen Erregungszustand, der oftmals mit Wahn- oder Krampfzuständen verbunden ist. In der Religionsgeschichte gilt Besessenheit als Überwältigung des Menschen durch eine fremde Macht, die die Verfügung über die eigene Person mehr oder weniger auslöscht. In einem milderen alltäglichen Sprachgebrauch kann Besessenheit auch eine intensive leidenschaftliche Beschäftigung mit einem Thema oder einer Sache bedeuten.

Information: Die Besessenheit ist oft mit der Vorstellung verbunden, dass böse Geister und Dämonen in den Körper eines Menschen eingedrungen sind und sich seiner bemächtigt haben. Es ist ein in fast allen Kulturen der Welt anzutreffendes Phänomen. Man unterscheidet die spontane, krankhafte Form der Besessenheit, die gegen den Willen des Betroffenen erfolgt und exorziert wird, und die künstliche Form, die durch freiwillig angewandte psychische Techniken wie Trance erzeugt wird (z. B. bei den Pythien von Delphi, Schamanen oder Spiritisten).

Im Exorzismus, dessen jahrhundertelange Tradition in der katholischen Kirche im Rituale Romanum von 1614 in heute noch weitgehend gültiger Form abgefasst wurde, versucht man die Geister zu beschwören und auszutreiben. Die drei Zeichen der Besessenheit sind das Sprechen oder Verstehen einer fremden Sprache, übernatürliche Kräfte und das Offenbaren von Verborgenen.

Der Exorzismus war im Mittelalter die wichtigste Heilmethode, aus der über den Magnetismus und der Hypnose die moderne dynamische Psychotherapie hervorgegangen ist.

Interpretation: Besessenheit wurde lange mit Hysterie gleichgesetzt, die mit ihrer Erforschung im ausgehenden 19. Jahrhundert entmystifiziert wurde. Für Sigmund Freud war die Besessenheit die Projektion verdrängter Triebregungen auf Dämonen. Auch C. G. Jung vergleicht die psychischen Komplexe mit Dämonen, jeder relativ autonome Komplex kann eine Obsession auf das Bewusstsein ausüben und dessen Freiheit beschränken. Die Besessenheit entspricht so einer Identität der Ichpersönlichkeit mit einem Vorstellungskomplex wie z. B. bei der Autonomie von Anima oder Animus. Jung (1971, S. 61/62) sieht aber in Freuds "psychologischer Formel" nur einen "Scheinersatz für jenes dämonisch Vitale, das eine Neurose verursacht. In Wirklichkeit besiegt nur der Geist die ‚Geister', nicht der Intellekt".

Die Integration des ursprünglichen Geistes als Daimonion in die Menschen durch den aufgeklärte Verstand verleihe den Menschen eine gefährliche Macht und würde sie zunehmend der Gefahr der Besessenheit ausliefern.

Jung (1974, 1976) stellt so die destruktive Ereignissen des 20. Jahrhunderts mit der "Besessenheitsepidemie" des Nationalsozialismus in diesem kulturkritischen Zusammenhang.

Klinisch wird die Besessenheit heute als Untergruppe der dissoziativen Störungen im ICD 10 geführt. Aufgrund zunehmender transkultureller und ethnopsychologischer Forschung werden die in vielen außereuropäischen Kulturen künstlich erzeugten Besessenheitszustände nicht mehr als krankhaft angesehen. Bei entsprechender religiösen Ritualisierung und soziokultureller Akzeptanz kann Besessenheit biologische wie psychosoziale Heilwirkungen erzielen. Besessenheit wird auch als Ausdruck einer spirituellen Krise interpretiert (Grof 1990, Scharfetter 1994).

Literatur: Standard, Scharfetter (1994)

Autor: Krapp, Manfred

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