Bauchtanz

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Keyword: Bauchtanz

Links: Ägypten, Bauch, Eros-Prinzip, Mutter, Große, Schlange, Schönheit, Schwangerschaft, Tanz

Definition: Der Bauchtanz (übersetzt aus dem Amerikan."belly-dance") heißt eigentlich "Orientalischer Tanz" (arab. Raqs Sharqi = Tanz aus dem Osten; raqs (arab. ) sowie rakkase (türk. ) abgeleitet von rakadu (assyr. ) = feiern. ).

Information: Der Bauchtanz wird in allen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens zu festlichen Anlässen, Familienfeiern und zur Unterhaltung sowohl im Freien (Marktplätzen) wie in Nachtclubs, Theatern von Solotänzerinnen, Frauengruppen, seltener von Männern getanzt, von einzelnen Musikern auf traditionellen Instrumenten oder größeren Orchestern mit westlichem Einschlag begleitet; notfalls nur vom rythmischen Klatschen der Zuschauer bzw. vom Klang der Fingerzimbeln der Tänzerin.

Raqs Baladi ist die volkstümlichere Form, während der Raqs Sharqi höheren künstlerischen Anspruch hat.

Je nach Land gibt es unterschiedliche Stilrichtungen und Musik bei ähnlicher Grundlage: wellenartige, weiche Bewegungen, die durch den ganzen Körper rollen, Bewegungszentrum ist die Leibmitte (Becken, Bauch, Hüfte), von wo aus sich schlangenartige Bewegungen bis in die Fingerspitzen fortsetzen können. Wichtiges Merkmal ist die sogen. Isolationstechnik, d. h. die unterschiedliche und von einander unabhängige Bewegung der Körperteile (z. B."Schultershimmy", "Kopfgleiten" usw. ). Die Betonung auf den rollenden, schwingenden, kreisenden, stoßenden oder fallenden Hüften – unterstrichen durch um die Hüften geschlungene Tücher – wie auch Bezeichnungen der Bewegungselemente wie "großer/kleiner Mondkreis", "Schlangenarme" verweisen auf den lunaren Charakter bzw. Ursprung des orientalischen Tanzes in matriarchalen Fruchtbarkeitsriten und Geburtstänzen.

Durch Pygmäen soll er im alten Ägypten bekannt geworden sein, wo er bereits im Neuen Reich (1554 -1069 v. Chr. ) von ägyptischen Tänzerinnen öffentlich vorgeführt wurde. Von Ägypten aus verbreitete er sich über Asien und Nordafrika bis Spanien und Rom. Später brachten Sklaven den typischen Hüftschwung in den südamerikanisch-karibischen Raum, wo er zum Stilelement moderner afro-brasilianischer und afro-kubanischer Tänze wurde.

Am intensivsten überlebte dieser Tanz in der arabisch-islamischen Welt, übernommen und verfeinert von professionellen Künstlern."Dabei gab es beim Hüfttanz, einer gewagten und sinnlichen, manchmal auch hocherotischen Ausdrucksform, genaue Unterscheidungen zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem" (Buonaventura 9). Akzeptiert wurde, wenn Frauen zuhause bzw. im Harem aus Freude am eigenen Körper und Lust am Tanzen tanzten, während öffentliches Auftreten geächtet, aber geduldet war. Dies war die Domäne der Zigeuner und Armen, die dadurch ihren Unterhalt verdienten. So leitet sieh im Türkischen das alte Wort für Tänzerin (Cengi) von Cingene (Zigeunerin) her. Die Münzen, die Vorübergehende ihnen als Belohnung vor die Füße warfen, nähten die Tänzerinnen meist in ihre Kleidung ein, da sie über keinen sicheren Ort der Aufbewahrung verfügten.

Höher in der Hierarchie standen Tänzerinnen, die für private Feiern verpflichtet wurden, während Tanztrupps, die zum königlichen Haushalt gehörten, die Spitze bildeten. Diese – meist Sklavinnen – waren in der Kunst des Singens, Musizierens, Tanzens und der Konversation ausgebildet, konnten meist lesen und schreiben und waren oft die einzigen gebildeten Frauen ihrer Gesellschaft.

Die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber den professionellen Tänzerinnen war in Nordafrika und dem Mittleren Osten immer zwiespältig, da der Islam dem Tanz gegenüber Vorbehalte hat. Da die Zigeuner und andere Randgruppen, etwa die Wüsten-Beduinen, nach eigenen Regeln lebten, konnten sich deren Frauen eher über die islamischen Tabus hinwegsetzen. Gerade deshalb konnten die Tänzerinnen zum wichtigsten öffentlichen Ausdruck der Sinnenfreude und Schönheit werden. In vielen Ländern des antiken Ostens glaubte man, dass Tänzerinnen Glücksbringerinnen seien, da immer noch etwas von der alten "göttlichen" Kraft der Tempeltänzerinnen an ihnen haftete.

Durch das wachsende Interesse Europas am Orient im 19. Jh ("Orientalismus") gibt es Beschreibungen europäischer Literaten und viele künstlerische Darstellungen des Orientalischen Tanzes. Allerdings stellten die Maler häufig den Tanz so dar, wie er in ihrem Land üblich ist. Gustave Flaubert, der um 1847 Ägypten bereiste, ließ seine intensive Begegnung mit einer Zigeuner-Tänzerin einfließen in die Beschreibung der tanzenden Salome in seiner Erzählung "Herodias".

Als 1893 bei der Weltausstellung in Chicago eine syrische Tänzerin den ägyptischen Tanz vorstellte, wurde dies zur Sensation der Messe, allerdings von der puritanischen Bevölkerung Amerikas beargwöhnt. Von da an wurde es in Amerika üblich, Burlesque-Shows mit Tänzerinnen zu präsentieren, die sich "Little Egypt" nannten wie jene syrische Tänzerin. Zu Beginn des 20. Jhs "entdeckte" Hollywood den orientalischen Tanz bzw. verfilmte schwülstige amerikanische Fantasien darüber. Die Kostüme entsprachen mehr der Glitzerwelt Hollywoods als den orientalischen Originalen, dennoch wurde dieser Kleidungsstil bestimmend für die nun in Cabarets und Nachtclubs auftretenden Tänzerinnen, auch in den orientalischen Ländern. So beklagt eine armenisch-persische Tänzerin um 1920 die Verwestlichung des orientalischen Tanzes: "Eines Abends sah ich in Kairo entsetzt und mit ungläubigen Augen einen unserer heiligsten Tänze zu schrecklicher Bestialität herabgewürdigt. Es war unser Gedicht vom Geheimnis und Schmerz der Mutterschaft. Im alten Asien, das den Tanz in seiner frühen Reinheit bewahrt hat, stellt er die Mutterschaft, die geheimnisvolle Empfängnis des Lebens, das Leiden und die Freude dar, mit denen eine neue Seele in die Welt gebracht wird [...] Der Geist des Westens aber hatte diesen heiligen Tanz berührt und ihn zum Hoochie Koochie, zum danse du ventre, zum Bauchtanz gemacht." (Ghazal, 1993, S. 114). Kommerzialisierung, die damit verbundenen Selbstdarstellungszwänge und Rivalitäten, sowie "Theatralisierung" des für einen kleinen Kreis bestimmten Tanzes, der immer von der eher introvertierten Mentalität der Orientalinnen lebte, gefährden sein ursprüngliches Wesen.

Interpretation: In der Folge des Tanzbooms des 70er Jahre und dem zunehmenden Interesse an ethnischer Kunst, zeichnet sich seit den 90er Jahren ein Wendepunkt ab: Orientalische wie westliche Tanzkünstler/Innen konzentrieren sich vermehrt darauf, den ursprünglichen Geist dieses Tanzes, die Verbindung von Sinnlichkeit, Spiritualität und Gefühlen der unmittelbaren Verbundenheit mit der Gruppe ins Zentrum des Tanzes zu stellen. Da "Frauen der arabischen Welt eine sinnliche Unbefangenheit und ein Körperbewußtsein haben, das im Westen fehlt" (Buonaventura, 1990, S. 197), ermöglicht das Tanzen eine Verfeinerung der Sinneserfahrungen und des inneren Gespürs für Energien. Der Orientalische Tanz wird heute verstanden als Selbstausdruck einer erotisch-spirituellen Weiblichkeit in vielfältigen Facetten, die durch Sprache allein nicht ausgedrückt und kommuniziert werden kann. Das Tanzen selbst setzt Energien im Körper frei, die der Tänzerin helfen, in andere Erfahrungsbereiche zu gelangen.

Literatur: Standard, Ghazal (1993)

Autor: Rafalski, Monika

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