Arzt

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Keyword: Arzt

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Definition: <ahd. arzat, von grch. archiatros »Oberheilkundiger«, Berufsbezeichnung für Männer oder Frauen, die nach einer wissenschaftlichen Ausbildung den Heilberuf ausüben und zum Führen dieser Bezeichnung aufgrund der Approbation berechtigt sind.

Information: Der Arzt ist in den westlichen Industrieländern die zentrale soziologische Gestalt des Heilers. Andere heilende Berufe werden folgerichtig „paramedizinisch“ und „nicht-ärztlich“ genannt oder als Medizinmänner, Barfuß-Ärzte, medizinische Assistenzberufe oder Ähnliches bezeichnet. Entsprechende berufspolitische Abgrenzungen werden von ärztlichen Standesorganisationen mit Nachdruck vertreten. Neben Fragen von Macht, Einfluss, Wirksamkeit und Geld geht es dabei untergründig um die besondere archetypische Gefährdung des Arzts, der seine helle Ideal-Seite verfehlen und in die Identifikation mit dem archetypischen Schatten des Henkers geraten kann.

Jung wies in seinen Erinnerungen auf den Persona-Schatten des Arzts hin: »Nur wo der Arzt selber getroffen ist, wirkt er. ›Nur der Verwundete heilt.‹ Wo aber der Arzt einen Persona-Panzer hat, wirkt er nicht«. Anders formuliert: Das Symbol des Arzts ist nur dann lebendig, wenn sich der Heilungs-Archetyp konstelliert, wenn es zu einer hilfreichen Verhältnisbestimmung zwischen Arzt und Patient, zwischen unbewussten und bewussten Aspekten des Therapieprozesses gekommen ist und wenn die dem Arzt-Symbol innewohnenden Gefahren bestanden sind.

Prototypisch und Bezug nehmend auf den verwundeten Heiler Cheiron können zwei ärztliche Therapieprinzipien unterschieden werden:

Das kurative Therapieprinzip, das sich an der Wirksamkeit wissenschaftlich geprüfter Methoden orientiert und auf dem Leitbild des kompetenten Arzts beruht. Die moderne Medizin kann dank des kurativen Therapieprinzips mit größeren Erfolgen aufwarten als je zuvor in der Geschichte.

Das palliative Therapieprinzip kommt zur Geltung, wenn kurative Ziele wegen einer fortschreitenden Erkrankung nicht mehr zu erreichen sind und deshalb ein Therapieziel-Wechsel erforderlich ist. Der Kentaur Cheiron konnte die eigene Wunde nicht durch die ärztliche Kunst heilen, sondern nur, indem er auf die Unsterblichkeit verzichtete und einen menschlichen Tod akzeptierte. So müssen Arzt und Patient innerhalb des palliativen Therapieprinzips die Allmachtsfantasien von Unsterblichkeit und grenzenloser kurativer Wirksamkeit aufgeben.

Paradoxerweise nutzt der Arzt dem Patienten mehr, wenn er den Persona-Panzer der Machbarkeit bearbeitet hat und in realitätsbezogener Weise in Abhängigkeit von der Situation des Patienten beide Therapieprinzipien zur Geltung bringt, das kurative und das palliative.

Interpretation: Der Symbolgehalt des ärztlichen Berufes besteht in der Akzeptanz des je größeren und vielfach unbewussten Heilungs-Archetyps. Die eigenen Bemühungen stehen unter dem Vorbehalt, dass das eigene „Pflegen“ (sanare) verschieden ist vom „Heilen“ (curare) der Natur bzw. Gottes: „Medicus sanat, natura / Deus curat“ (Ambroise Paré zugeschrieben). Jung pflegte, das alchemistische Diktum zu verwenden, demzufolge der Arzt „Deo concedente“ heilt.

Der mächtig-ohnmächtige Arzt steht also in modernen Gesellschaften symbolhaft für die helle Seite des Heilungs-Archetyps. Der Arzt wurde bereits in der Bibel von Israel als Symbol des göttlichen Handelns verstanden: „Ich bin JHWH dein Arzt“, Exodus 15, 26. Die Visite des Arztes wurde in der griechischem Tempelmedizin vor dem archetypischen Hintergrund der Epiphanie des Heilgottes Asklepios gesehen. Noch heute berufen sich Ärzte auf Asklepios, dessen Symbolik seit der Spätantike auf Christus, den Arzt, später auf den Apotheker und Bademeister überging.

Bei aller leuchtenden Symbolik steht der Arzt jedoch auch in Gefahr, durch die dunkle, verhängnisvolle Seite des Heilungs-Archetyps kontaminiert zu werden, und er wird teilweise auch so wahr genommen. Diese dunkle Seite besteht in der verwundenden, destruktiven, ja: tötenden Dimension der Medizin.

Diese wird einerseits um des Heilungs-Ziels Willen von allen Beteiligten in Kauf genommen, und dient auch der Verleugnung des unerbittlich nahe rückenden Todes. Andererseits fällt die dunkle Seite des Arzt-Symbols der Unbewusstmachung durch Schatten-Projektion, Spaltung, Reaktionsbildung und dergleichen anheim.

Im Märchen vom Gevatter Tod haben die Gebrüder Grimm den Arzt meisterhaft als Patenkind des Todes beschrieben. Der Arzt kann durch Anwendung von Heilmitteln und Austricksen des Patenonkels heilen und sogar den drohenden Tod aufhalten. Er muss jedoch die vom Gevatter Tod gesetzten Grenzen beherzigen, um den Preis des eigenen Lebens.

In Träumen symbolisiert der Arzt oft Menschen, mit denen man in einem aktuellen (ängstlichen, moralisch-kritischen, hoffnungs- und vertrauensvollen) Autoritätsverhältnis steht. Psychotherapeuten werden von Klienten oft auch in der Ausübung ärztlicher Behandlung geträumt, z. B. als Gynäkologen, Zahnärzte, Chirurgen (Operation Übertragung). Auf der subjektstufigen Ebene kann der Arzt den "'Inneren Heiler" und das latente Heilungswissen und Heilungspotenzial des Träumers darstellen.

Literatur: Frick (1996)

Autor: Frick, Eckhard

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