Amazone

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Keyword: Amazone

Links: Frau, Held, Heros-Prinzip

Definition: Amazonen (griech. brustlos; mhd: kriegerische Frau) sind Angehörige sagenhafter Frauenvölker, die antiker Überlieferung zufolge in Libyen (Nordafrika) um 2000 v. Ch. und in Kleinasien (Gebiet um den Fluss Thermodon, heute Terme Cay) zwischen 1900 und 1200 v. Ch. lebten. In französ. Ritterpoesie wie im modernen Reitsport: "kühne Reiterin". Etymologie und Bedeutung des schon ins Mittelhochdeutsche übernommenen Fremdworts sind nicht eindeutig: armenisch = "Mondfrau"; altpersisch ="Kinder der Uma" (Uma= ind. Mondgöttin); griechisch = "brustlos"; phönikisch = "Mutterherrin"

Information: Bis heute ist die Vorstellung von den Amazonen durch die patriarchale Perspektive der griechischen Mythologie geprägt, sodass es schwierig ist, ein adäquates Bild zu bekommen. Kernaussage griechischer Mythen bezüglich der Amazonen ist, dass sie von griechischen Helden überwunden, besiegt, getötet werden müssen – entsprechend werden sie in der griechischen Kunst hauptsächlich als verwundete, sterbende oder tote Amazone dargestellt. Da es keine Hinweise gibt auf Kriegszüge der Amazonen gegen Griechenland (im Trojanischen Krieg kommen sie den belagerten Trojanern zuhilfe; nach Athen dringen sie ein, um dort ihre, von Theseus nach Athen verschleppte Königin Antiope zu befreien), stellt sich die Frage, weshalb die berühmtesten Helden wie Herakles, Achilleus, Theseus u. a. gegen die Amazonen kämpfen müssen, um ihr Heldentum zu beweisen.

Wenn Homer (Ilias) von Bellerophon, der durch seinen Sieg über die Chimäre als Kämpfer gegen die Große Mutter ausgewiesen ist, berichtet, dieser habe die "männliche Horde Amazonen" erschlagen; und wenn Lysias (ca. 450-380 v. Chr.) von den Athen belagernden Amazonen sagt: "Da sie es jedoch mit kampfestüchtigen Männern zu tun bekamen, so gestaltete sich ihr Mut nur solchermaßen, wie es ihrem Geschlecht entsprach. Hier starben sie, erlitten so die Strafe für ihre Unbesonnenheit < [...] So haben jene, indem sie widerrechtlich Fremdes (Kriegsruhm) begehrten, das ihnen Zustehende mit Recht verloren." so wird deutlich, dass der Kampf griechischer Helden gegen die Amazonen Ausdruck des grundlegenden Wandels vom Matriarchat zum Patriarchat darstellt, und dass die Rede des Lysias zugleich eine Warnung an die Frauen Athens ist, die mit dem Übergang des Archaischen ins Klassische Zeitalter (ca. 1100-700 v. Chr.) ihre frühere Freiheit, Macht, Würde und Ansehen verloren hatten.

Durch die Bedrohung matriarchaler Kulturen durch das Eindringen patriarchaler Stämme (im vorderasiatischen Raum zu Beginn der Frühbronzezeit) entstanden als Gegenentwicklung Amazonenreiche. Matriarchale Gesellschaften sahen offenbar ihre einzige Chance zu überleben darin, eine Lebensform zu wählen, in der es zu einer Trennung zwischen Männern und Frauen kam. Allerdings sind diese nicht nur ein extremes Ende des "Mutterrechts" (Bachofen), sondern auch der Beginn eines neuen Selbstverständnisses des Weiblichen.

Interpretation: Für die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit symbolisieren damit die Amazonen sowohl eine neue, auf Unabhängigkeit und Ebenbürtigkeit dem Männlichen gegenüber ausgerichtete Weiblichkeit – wie, bezogen auf den innerpsychischen Aspekt männlicher Identität eine neue Qualität der Animafunktion. Die Komplexität dieses Geschehens macht die versteckte Bewunderung verständlich, die trotz eindeutig negativer Beschreibung der Amazonen durch griechische und römische Historiker, nicht zu übersehen ist, obgleich sie als wild, aggressiv, männlich aber zugleich männerfeindlich, kriegerisch und überheblich, promiskuitive und nur zum Zweck der Fortpflanzung betriebene Sexualität praktizierend, geschildert werden, – wurden ihnen in Attika nach der "Amazonenschlacht", als "Töchter des Ares und der Harmonia", Tempel errichtet, Feste gestiftet und Weihebezirke errichtet, die Gräber der gefallenen Amazonen geehrt. Kaum aus der menschlichen Natur vertrieben (Himerios: andere Feinde habe man nur aus dem Lande, die Amazonen aber aus der menschlichen Natur vertrieben) – "kehren sie als Siegerinnen in den Seelenraum zurück" (Sir Galahad). Als gesichert kann heute gelten, dass vom 3. Jahrtausend v. Chr. an Amazonen in Kleinasien, auf der Insel Lemnos und an der nordöstlichen Schwarzmeerküste viele Städte gründeten und eine hochentwickelte Kultur mit eindrucksvollen Stadtanlagen, mächtigen Festungen und geheimnisvollen Heiligtümern schufen. Sie züchteten Pferde, die sie als heilige Tiere verehrten, galten als ausgezeichnete Reiterinnen, ihre Hauptwaffe waren Pfeil und Bogen. Im Laufe der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. gingen die Amazonen in den noch matriarchal geprägten nomadischen und halbnomadischen Stämmen der eurasischen Steppe (Sarmaten, Sauromaten, Skythen) auf. Bei diesen, wie auch den Hethitern (1900 – 1200 v. Chr.) hatten Priesterinnen einen hohen Rang. Dem entspricht, dass die Labrys (sogen. Doppelaxt), mit welcher die Amazonen in der griechischen Kunst häufig dargestellt sind, keine Waffe sondern ein Symbol der Großen Göttin ist, welches schon in der Eiszeit als in Fels geritztes Ideogramm auftaucht. Linguistische Forschungen ergaben, dass die libyschen Amazonen in einer besonderen Schrift Zeugnisse ihrer Kultur hinterließen, die "neben der erstaunlichen Ausbreitung der Amazonen auch die Höhe ihrer geistigen Bildung verrät" (R. Fester S. 57). Bis ins 20. Jh. n. Chr. pflegten bei den Tuareg der Südsahara die Frauen Dichtung und Überlieferung in dieser alten libyschen Schrift, während die Männer Analphabeten waren. Noch im 16. Jh. n. Chr. glaubten englische Reisende in Südamerika auf Nachfahren der dorthin ausgewanderten Amazonen zu stoßen, wodurch der Fluss Amazonas seinen Namen erhielt.

In der heutigen Psyche kann das Bild der Amazone sowohl als Aspekt weiblicher Identität, als weiblicher Schattenaspekt, wie auch als Facette der Animafunktion erscheinen und Jungfräulichkeit, Selbstvertrauen, Mut und Freiheit, Unabhängigkeit, auch Unbezogenheit und Ablehnung des Männlichen symbolisieren, ebenso Ausbruch aus der Festlegung auf Mutterschaft, Sportlichkeit und Kampfwillen, aber auch intuitive Verbundenheit mit Spiritualität und dem Animalischen.

Literatur: Siehe: Text

Autor: Rafalski, Monika

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