Alchemie, Phasen der

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Keyword: Alchemie, Phasen der

Links: Albedo, Alchemie, Chaos, Citrinitas, Farben, Hermes, Lapis, Materia prima, Nigredo, Rubedo, Selbst, Stein, Tod, Unus mundus, Ursprung

Definition: Das Ziel des alchemistischen Großen Werkes (opus magnum) ist die Herstellung des Lapis, des Stein der Weisen, der unedle Metalle in Silber (kleines Werk) oder Gold transmutieren kann.

Information: Dazu sind eine große Anzahl alchemistischer Operationen erforderlich, deren Reihenfolge vielfach variiert. Zur Verhüllung der praktischen Vorgänge wie auch ihrer theoretischen Spekulationen benutzten die Alchemisten ein unüberschaubares System von Decknamen, die meist auf Analogien beruhen. Später kamen allegorisierende Bilder und Symbole hinzu, welche besser „eine Mehrdeutigkeit im Sinngehalt bei Eindeutigkeit im Objekt vermitteln“ (Schütt, S. 400) können als ausufernde begriffliche Verweissysteme. Schon in der antiken Alchemie herrschte aber eine gewisse Einigkeit über vier grundlegende Phasen der Alchemie, die mit einer bestimmten Farbgebung der Materie einhergehen: Die Schwärzung (Nigredo), die Weißung (Albedo), die Gelbfärbung (Citrinitas) und die Rotfärbung (Rubedo). Die für die Transmutation des Stoffes notwendige Rückführung auf seinen Urzustand, der prima materia, einer schwarzen, formlosen Masse, war mit der Nigredo verbunden, sie bedeutete den Tod der Materie. Die Albedo entspricht dem Silber oder der ersten Stufe des Steins und geht entweder über eine Vielzahl von Farben (cauda pavonis – Pfauenschwanz) oder direkt aus der Nigredo hervor. Die Citrinitas, die später an Bedeutung verlor, verband sich mit der Farbe des Goldes und führte zur Rubedo, der höchsten Stufe des Werkes, dem Stein der Weisen bzw. roten Tinktur.

Interpretation: Psychologisch beinhaltet die nigredo (auch mortificatio oder putrefactio genannt) Depression, Rücknahme der Projektionen, Dissoziation und Tod. Nigredo wie prima materia sind als regressus ad uterum zentrale Symbole des psychotherapeutischen Prozesses, die zu einer symbolischen Wiedergeburt bzw. Neustrukturierung des Ich-Bewusstseins führen. „Die Form, die die gegenwärtige Persönlichkeit verwirklicht, wird aufgelöst und in die erste Materie, den formlosen Zustand reiner Möglichkeit zurückgeführt, damit eine neue Form oder Wirklichkeit entstehen kann.“ Edinger, S. 24). Die der prima materia (auch Chaos oder massa confusa genannt) zugrunde liegende Einheit liegt oft im Schatten verborgen. Die Albedo ist der auf die Nigredo folgende Zustand des Gleichgewichts, nach Jung ein eher idealer Zustand, der mit Leben erfüllt werden muß, d. h. Blut, die Rubedo. „Das Weiße und das Rote sind Königin und König, die auch in dieser Phase ihre 'nuptiae chymicae' feiern können." (Jung XII, S. 270)

Die Abfolge des opus magnum als eine Stufenfolge von sieben alchemistischen Operationen veranschaulicht die Abbildung „Der Berg des Adepten“ (Müller, L., Müller, A. 2007, S. 14), andere Autoren sprechen von 12 Stufen. Den einzelnen Operationen werden die sieben Planeten mit ihren zugehörigen Metallen und die zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet, letztere werden von den vier Elementen umrahmt.

Der Mann mit den nicht verbundenen Augen folgt der Natur bzw. dem Hasen, einem Symbol der prima materia, wie auch dem tricksterhaften Hermes-Mercurius, der alchemistischen Wandlungssubstanz.

Nach dem Durchlaufen der sieben Stufen sind Sulphur (Schwefel) und Mercurius (Quecksilber) gereinigt, d. h. nackt und vereinigen sich als König (Sol) und Königin (Luna) im Brautgemach, um den philosophischen Mercurius bzw. den Stein der Weisen zu zeugen. In dieser „chymischen Hochzeit“ manifestiert sich die alchemistische coniunctio.

Diese Thematik beinhaltet die Bilderserie des Rosarium Philosophorum, deren erste Hälfte Jung seiner „Psychologie der Übertragung“ zugrunde legt. Der Coniunctio von König und Königin folgt hier eine Nigredo als totähnlicher Zustand der vereinten Körper (putrefactio), der gleichzeitig Empfängnis bedeutet (conceptio). Die Seele verlässt den Körper (< Separatio, Extractio) und geht mit dem Geist eine unio mentalis ein, um sich mit dem Körper in der Albedo wiederzuvereinigen. Dies führt zur Erzeugung eines androgynen Wesens, dem Hermaphroditen als Bild für den Lapis.

Die Bilderserie veranschaulicht nach Jung das therapeutische Geschehen zwischen Therapeut und Patienten, in dem sich inzestuöse Verschmelzungs- und Trennungszustände miteinander abwechseln. Die jeweils abgespaltenen und wieder integrierten Seelenaspekte (Anima/Animus) symbolisieren das gemeinsame Dritte als interaktives Feld, wie es für die analytische Beziehung charakteristisch ist.

Edinger (1990) hat die wichtigsten alchemistischen Operationen in ihrem tiefenpsychologischen Kontext beschrieben. Diese sind jeweils das Zentrum eines weitgespannten Symbolsystems, um die sich die gesamte alchemistische Bilderwelt anordnen lässt. Durch Wiederholungen und ihre unterschiedliche Reihenfolge repräsentieren sie den psychotherapeutischen Prozess als ein zirkuläres Geschehen (Circulatio). Oft werden die Operationen auf das Leitmotiv „solve et coagula“ zurückgeführt, die Trennung und Lösung der Gegensätze und deren erneute Zusammensetzung und Verfestigung i. S. des „Stirb und Werde“ (Wiedergeburt). Die solutio repräsentiert die Auflösung der Persönlichkeit bzw. des Ichs wie auch das Enthaltensein in etwas Größerem. Die coagulatio konkretisiert die oft flüchtigen (Mercurius) psychischen Inhalte bzw. Komplexe i. S. einer Ich-Bildung. Der calcinatio entspricht eine reinigende und läuternde Wirkung (purificatio), wenn die Komplexe sozusagen im eigenen Feuer ihrer Affekte verbrennen. Die sublimatio bedeutet die weitere Verfeinerung des Ich-Bewusstseins i. S. des Aufsteigens zu einem höheren Standpunkt. Die mortificatio ist identisch mit der Nigredo. Die separatio beinhaltet das Erkennen der Gegensätze durch das unterscheidende Bewusstsein. Die coniunctio umfasst das Prinzip der Gegensatzvereinigung. Die circulatio umkreist durch Aufwärts- mit Abwärtsbewegungen die verschiedenen Aspekte einer Persönlichkeit und zielt auf die Bildung des Selbst. Diesen Prozess vollenden die abschließenden Operationen des O. wie die multiplicatio, proiectio und die perfectio.

In zwei Zeichnungen einer suicidalen, 45-jährigen Frau stellen sich die Entwicklung ihrer imaginativen Vorstellungen dar, in denen sich die Symbolik des alchemistischen opus vielfältig umsetzt. Auf der ersten Zeichnung sieht sie sich auf einem modrigen (putrefactio) Boden (Erde) vor einem alles umschließenden schwarzen Hintergrund (Nigredo, Mortificatio). Aus dem Boden entsteht eine schwarze, konturlose Masse (prima materia, Chaos Ei), und ihr Ich droht im Boden zu versinken. (Solutio). In der zweiten Zeichnung verfestigt (coagulatio) sich diese schwarze Masse und der Boden etwas, es entsteht eine lila Hülle (vas hermeticum), unter deren Schutz ihr erstarktes Ich emporwachsen (sublimatio) kann. Hier kommt das alchemistische „solve et coagula“ (Löse und Verfestige) und kosmogonische Motive wie die grenzenlose Finsternis und der Urschlamm (Chaos) zur Darstellung, aus denen das Weltei und die Schöpfung entstehen.

Literatur: Edinger, E. (1990); Jung, C. G. (1972): Psychologie und Alchemie. GW 12; Jung, C. G. (1976): Die Psychologie der Übertragung. GW 16; Jung, C. G. (1978): Studien über alchemistische Vorstellungen. GW 13

Autor: Krapp, Wolfgang

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